Ein Anruf in der Nacht - und die Vergangenheit kehrt zurück.
Ein nächtliches Gespräch mit der Mutter führt Marek wieder in seine Jugend. Zurück in eine Familie mit dysfunktionalen Mustern und in ein Umfeld, das Andersartigkeit bestraft. Als queerer Junge in einer konservativen Industriestadt ist Mobbing Mareks ständiger Begleiter. Und die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche von 1989 belasten nicht nur ihn, sondern die ganze Familie - in Form von Armut, Alkoholismus und Gewalt.
Melancholisch, fragil, vor allem aber hoffnungsvoll beschreibt Torcik die Identitätssuche eines jungen Mannes mit dem Mut, zu sich selbst zu stehen.
"Was die Zeit nicht nimmt" wurde bisher in 27 Sprachen übersetzt und ist der international erfolgreichste tschechische Roman seit Jahrzehnten.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Bewertung
5/5
10.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Jeder Satz rüttelt wach
In „Was die Zeit nicht nimmt“ erzählt Marek von seiner Kindheit und Jugend in einem Umfeld, das von Enge, Härte und Unsicherheit geprägt ist. Er wächst als homosexueller Junge in einem Milieu auf, in dem Alkoholmissbrauch, finanzielle Not und gesellschaftliche Umbrüche eine große Rolle spielen. Dabei schildert er seine Eindrücke und Erfahrungen schonungslos und eindringlich.
Dieses Buch ist definitiv kein leicht zu lesendes Buch. Nicht nur wegen der Themen, sondern auch wegen des besonderen Erzählstils. Ich konnte es nicht in einem Rutsch lesen, weil die Sprache sehr intensiv ist. Man hat fast das Gefühl, dass jeder Satz einen wieder wachrüttelt und die Dramatik von Mareks Erlebnissen noch deutlicher macht.
Wichtig ist auch: Obwohl der Autor ebenfalls Marek heißt, handelt es sich nicht um ein autobiografisches Buch. Trotzdem wirkt die Erzählung sehr nah, ehrlich und unmittelbar. Gerade dadurch entfaltet sie eine große Kraft.
Für mich ist „Was die Zeit nicht nimmt“ kein Buch, das man einfach nebenbei liest. Es fordert heraus, erschüttert und hallt nach. Gleichzeitig ist es sprachlich beeindruckend. Die besondere Sprache trägt sehr viel zur Wirkung des Romans bei, und ich hatte den Eindruck, dass auch der Übersetzer hier großartige Arbeit geleistet hat.
Bewertung
5/5
12.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erinnerung
„Was die Zeit nicht nimmt“ ist ein sprachlich beeindruckender Roman, der sich auf eindringliche Weise mit Erinnerung, Identität und familiären Verstrickungen auseinandersetzt. Von Beginn an fällt die besondere Erzählweise auf: fragmentarisch, teils in Du-Form, und getragen von der ständigen Frage, wessen Erinnerungen der Wahrheit am nächsten kommen.
Im Verlauf entfaltet sich Mareks Geschichte Stück für Stück – von seiner Kindheit über die prägende Jugend in einem von Homophobie und gesellschaftlichen Zwängen geprägten Umfeld bis hin zu den komplexen Beziehungen innerhalb seiner Familie. Dabei werden auch schwere Themen wie Gewalt und Klassismus sensibel, aber eindrucksvoll in die Handlung verwoben.
Besonders stark ist der Einblick in Mareks Innenleben. Die Sprache bleibt dabei durchgehend stimmgewaltig und zugleich präzise, was die emotionale Wirkung noch verstärkt. Vieles wird nicht direkt ausgesprochen, sondern zwischen den Zeilen spürbar gemacht – gerade das macht den Roman so intensiv.
Auch die Beziehung zu seiner Mutter zieht sich als zentrales Element durch das Buch. Die beiden bleiben sich in vielem fremd, selbst dann, wenn sie einander nahe sind. Ihre unterschiedlichen Wege, mit der Vergangenheit umzugehen, stehen nebeneinander, ohne bewertet zu werden.
Das Ende fügt sich schließlich sehr rund in die Geschichte ein, vor allem, weil es den Bogen zurück in die Gegenwart schlägt. Es ist kein lauter Abschluss, sondern ein leiser, ehrlicher – und genau deshalb ein sehr wirkungsvoller.
Bewertung
5/5
08.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Gesamtkunstwerk, auf das man sich einlassen muss
Was für ein Roman! Zugegeben, er fordert viel von seiner Leser*innenschaft. Schwere Themen, die eine graue, bleierne Atmosphäre schaffen. Eine nicht alltägliche, ganz besondere Erzählperspektive, an die man sich erst gewöhnen muss. Durch die 2. Person Singular fühlt sich der*die Leser*in direkt angesprochen, es fehlt eine Distanz zu dem Erzählten und den Figuren, die einen tief in die Geschichte hereinholt und das Beschriebene noch bedrückender, schwerer zu ertragen macht.
Die Geschichte handelt von Marek, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts 14 Jahre alt ist und am eigenen Leib erfahren muss, wie schwierig es in einer kleinen tschechischen Industriestadt ist, aufzuwachsen und zu merken, dass man irgendwie „falsch“ ist - nicht männlich genug, zu verletzlich, zu viel Schwäche zeigt. Der Roman beginnt mit einem nächtlichen Gespräch zwischen Marek und seiner Mutter im Jahr 2021, prägnante Geschehnisse und die Entwicklung der Charaktere werden rückenblickend erzählt, um dann am Ende einen gelungenen Bogen zu diesem Gespräch zu schlagen. Am Schluss zeigt sich, wie die Charaktere durch ihre Erlebnisse zu den Menschen wurden, die sie sind, dass Mutter und Sohn zwei unterschiedliche Wege gefunden haben, um mit den Traumata der Vergangenheit umzugehen - und dass beide ihre Legitimation haben.
Marek Torčíks Erzählstil und seine Sprache sind geprägt von einer nüchternen Zärtlichkeit für seine Charaktere. Zusammen mit einem fragmentarischen Schreibstil schafft er so ein sehr spezielles, literarisch anspruchsvolles Leseerlebnis.
buecherboy
5/5
10.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Roman über Herkunft, Trauma und das Ringen um ein selbstbestimmtes, queeres Leben
Was die Zeit nicht nimmt von Marek Torčík ist ein Roman über Herkunft, Trauma und das Ringen um ein selbstbestimmtes, queeres Leben. Ausgehend von einer nächtlichen Rückkehr in die mährische Industriestadt Přerov öffnet sich ein Erinnerungsraum, in dem Armut, familiäre Gewalt und Fürsorge untrennbar ineinandergreifen. Der Erzähler wächst als queerer Junge in einem konservativen, einengenden Umfeld auf, erlebt Ausgrenzung und Gewalt in der Schule sowie indirekte Verhöhnung von Homosexualität innerhalb der Familie – so authentisch geschildert, dass man beim Lesen eine starke Nähe zu ihm entwickelt und ihm aus dieser Enge heraushelfen möchte.
Torčík verknüpft die persönliche Geschichte sensibel mit den historischen Verhältnissen der Zeit und zeigt eindrücklich, wie eingeschränkt die Rechte queerer Menschen, aber auch anderer marginalisierter Gruppen wie der Roma waren, was sich besonders in der Figur eines ebenfalls ausgegrenzten Mitschülers spiegelt. In den Fokus rückt zudem die Familiengeschichte rund um den Tod des autoritären, starren Großvaters, der die Beziehung zur Mutter und zum Erzähler nachhaltig geprägt hat. Zwar kann man zu Beginn durch die dichten, wechselnden Erinnerungen an Mutter, Großmutter und Großvater kurz den Überblick verlieren, doch genau daraus entsteht die emotionale Tiefe des Romans. Was die Zeit nicht nimmt ist ein leises, kompromissloses Buch.
Holger S.
4/5
08.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman, der leise trifft und lange bleibt
"Was die Zeit nicht nimmt” ist kein Buch, das man einfach liest und dann beiseite legt. Es ist ein Buch, das sich langsam entfaltet und dabei manchmal fordert, aber sich dennoch nachhaltig in unserem Gedächtnis festsetzt. Ich habe es als einen Roman erlebt, der nicht durch große Handlungsmomente überzeugt, sondern durch seine Atmosphäre und die Intensität, mit der er innere Zustände beschreibt.
Die ungewöhnliche Erzählweise in der Du-Form war für mich besonders prägend. Anfangs fand ich es ein bisschen sperrig, fast distanziert. Mit der Zeit jedoch hat sich das umgekehrt: Diese Perspektive zwingt einen dazu, sich mit Mareks Erfahrungen auseinanderzusetzen, ohne sich bequem zurücklehnen zu können. Man bleibt nicht außen vor, sondern wird immer wieder direkt angesprochen und damit konfrontiert.
Inhaltlich hat mich vor allem die Darstellung von Scham und Unsicherheit beeindruckt. Es geht nicht nur um das Aufwachsen als queerer Junge in einem feindlichen Umfeld, sondern viel grundlegender um das Gefühl, “nicht richtig” zu sein. Dieses Gefühl zieht sich durch den ganzen Roman und wirkt dabei nie konstruiert, sondern sehr ehrlich und nachvollziehbar. Die Szenen rund um Mobbing und Ausgrenzung sind schwer auszuhalten, weil sie so unspektakulär erzählt werden - und genau dadurch so real.
Die Beziehung zwischen Marek und seiner Mutter fand ich besonders stark. Sie ist weder eindeutig liebevoll noch eindeutig distanziert, sondern geprägt von Missverständnissen, Sprachlosigkeit und einer gewissen Hilflosigkeit auf beiden Seiten. Für mich war das einer der schmerzhaftesten Aspekte des Buches: dass beide eigentlich Nähe suchen, aber nie wirklich zueinander finden.
Der Roman geht auch thematisch über die individuelle Geschichte hinaus. Fragen nach sozialer Herkunft, Gewalt, Rollenbildern und gesellschaftlichen Erwartungen werden immer wieder sichtbar, ohne dass sie plakativ hervorgehoben werden. Vieles bleibt zwischen den Zeilen - und genau das macht die Wirkung so stark.
Allerdings muss man sagen: Dieses Buch verlangt Zeit und Aufmerksamkeit. Es ist kein leichter Lesestoff und ich musste mich manchmal bewusst langsamer lesen, um die dichte Sprache und die fragmentarische Struktur wirklich zu erfassen. An manchen Stellen fand ich es auch ein bisschen zäh, gerade wenn sich Gedanken oder Stimmungen sehr lange ziehen. Das gehört wahrscheinlich zum Konzept, aber es hat den Lesefluss gelegentlich gebremst.
Trotzdem überwiegt für mich der positive Eindruck. “Was die Zeit nicht nimmt” ist ein intensiver, ehrlicher und wichtiger Roman. Einer, der nicht laut ist, aber genau deshalb so stark wirkt. Er zeigt, wie tief Erfahrungen aus der Kindheit nachwirken - und dass Verdrängen nicht bedeutet, dass etwas verschwindet.
Für mich bleibt ein Buch, das nicht unbedingt gefallen will, sondern verstanden werden möchte. Und genau das macht es so besonders.
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