Irma will raus aus den Rollen, die andere ihr zuschreiben - ein warmherziger, emotionaler und kraftvoller Roman über den Mut zum Neuanfang, kämpferische Mutterschaft und die Suche nach der eigenen Stimme.
Vor ihrer Mutter nach Berlin geflüchtet, strandet die junge Irma vor dem Theater. Dass sie bald schon auf der Bühne steht, hat sie nicht zu hoffen gewagt. Der Alltag am Theater ist weniger glamourös als erwartet, und doch aufregend anders als die alternative Siedlungsgemeinschaft, in der die vaterlose Irma aufgewachsen ist. Da ist die Star-Schauspielerin Blanda, Helene, die Irma bei sich aufnimmt, und der exzentrische Regisseur Taron Capla, der ihr eine wichtige Chance gibt. Irma stolpert durch die Dramen auf und hinter der Bühne, während sie von ihren Erinnerungen eingeholt wird. Die schmerzlichste ist jene an ihre Mutter, ihr warmes Strahlen, ihre kalte Verachtung. Als Irma ihre Rolle so zu sprechen beginnt, wie ihre Mutter sie gesprochen hätte, erntet sie von allen Seiten Applaus. Und doch wird klar: Sie muss aufhören, ihr Leben nur zu spielen, und den Fluch brechen.
Franziska Hauser schreibt über das, was Mütter und Töchter, Freiheit und Abhängigkeit, den Einzelnen und die Gemeinschaft verbindet und abstößt - und über all die schönen und schrecklichen Kleinigkeiten dazwischen. Mit viel Witz und in direktem Ton umarmt sie ihre Figuren und fordert sie heraus, sich zu zeigen. Ein Roman über Wunden, die nie heilen, und Wunder, die trotzdem passieren.
»Hier werden keine Kleinigkeiten verhandelt. Hier wird von Gewalt und Mutterschaft, von Hingabe und Demütigung erzählt. Und dabei gelingt Franziska Hauser etwas Unglaubliches: Zwischen all das setzt sie behutsam ein Mädchen, das zur Frau wird. So durchlässig, dass sie mir das Herz öffnet. Ich darf mit Irma wachsen und heilen. Ich liebe diese Irma. Ich liebe dieses Buch!« Maren Wurster
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Starker Roman über eine dysfunktionale Mutter-Tochter-Beziehung und eine toxische Liebe
Lesenswege am 18.05.2026
Bewertungsnummer: 3142575
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Irma, die Protagonistin, erzählt ihre Geschichte rückblickend. Ihre Geburt markiert den Gründungstag von „Zeugland“, einer Kommune in der Peripherie einer ostdeutschen Großstadt nach der Wiedervereinigung. In dieser Kommune gehört alles allen, Türen werden nicht verschlossen, und auch sonst ist vieles anders als in der Zivilgesellschaft. Leider hat Irma das Pech, das Kind einer Mutter zu sein, die ihr eigenes schweres Kindheitstrauma unbewältigt mit sich herum schleppt, vermutlich psychisch nicht gesund ist, und die, als ob das noch nicht reichte, zudem auch noch ein schlechter Mensch ist. Sie demütigt ihr Kind, wo sie nur kann, beschimpft ihre Tochter mit den übelsten Worten, verlangt Arbeiten von ihr, mit denen das Kind überfordert ist, nichts kann Irma ihr recht machen, Lob und Anerkennung bekommt sie nie zu hören, und für alles, was im Leben der Mutter schief gelaufen ist, wird Irma schuldig gesprochen. Auch vor finanzieller Ausnutzung der Tochter macht die Mutter nicht halt. Diese Mutter wäre ein Fall für das Einschreiten des Jugendamts, und nur die gemeinschaftliche Fürsorge der anderen Bewohner, von denen vermutlich einer Irmas Vater ist, verhindert, dass Irma nicht als Kind vor die Hunde geht, sondern ganz im Gegenteil mit einer gewissen Resilienz ausgestattet wird, die ihr später sehr zugute kommt. („Dass ich als vernachlässigt galt, sollte mir erst viel später klar werden.“ Seite 151) Mit diesem überschweren Rucksack flieht Irma 15-jährig vor ihrer Mutter, die ihr sehr deutlich zeigt, wie überflüssig Irma für sie ist, in die nahe gelegene Großstadt. Dort landet sie in einem Theater, und weil das Leben dort in gewisser Weise ähnlich strukturiert ist wie in Zeugland und Irma sich als talentiert erweist, fühlt sie sich dort schnell wohl. Doch so, wie sie einerseits Dinge gelernt hat, die sie für das Leben unter Theaterleuten prädestinieren, hat sie andererseits notwendige Verhaltensmuster nicht gelernt, die sie vor der toxischen Beziehung zu dem bewunderten Regisseur hätten schützen können, eine Beziehung, sie lange für Liebe hält.
Diese Beziehung weist viele Parallelen auf zu ihrem desolat-destruktiven Verhältnis zu ihrer Mutter, und nach einem vorübergehenden Höhenflug schlägt Irma ganz unten auf. Nun muss sie lernen, Hilfe anzunehmen, doch als sie dazu endlich bereit ist, erweist sich auch das als schwierig, denn die Solidarität der Theaterfamilie zeigt sich brüchig, und die Hilfe des Staates ist alles andere als unkompliziert. Der Roman zeichnet hier kein gutes Bild des Sozialstaats, als er dringend benötigt wird; Irma ist in einem Teufelskreis gefangen, und erst der zufällige Tipp einer erfahrenen ReNo-Gehilfin bringt die Dinge für sie ins Rollen und den Staat auf Trab.
Nach dem Auftakt in Zeugland ist der Roman vom Ende her erzählt, die Autorin lässt uns den Ausgang von Anfang an wissen, es ist der Weg dorthin, auf dem die Spannung aufbaut. Gerne wüsste ich, wie es mit Irma langfristig weitergeht, welchen Weg sie nimmt, ob sie Erfolg haben und glücklich werden wird, und ob sie ihren Rucksack im Laufe ihres Lebens ausleeren kann. Oder ob sich alles wiederholt, weil das ererbte Trauma die Oberhand über ihr Leben behält …
Ein paar sperrige Bilder sind mir im Text begegnet, wie z.B. „In meinem Brustkorb sticht etwas von innen gegen die Schultern wie kochender Dampf.“ (Seite 16)
„Vom Ende der Kleinigkeiten“ ist ein tief beeindruckender Roman, der mich sehr gefesselt hat und mir lange im Gedächtnis bleiben wird. Mit Irma hat die Autorin eine Figur geschaffen, die meine höchste Bewunderung hat für die Art, wie es ihr gelingt, sich aus dem Sumpf zu ziehen und wieder aufzustehen, nachdem sie erneut in den Dreck geworfen wurde. Mit der zerstörerischen Mutter-Tochter-Beziehung, der toxischen Liebesbeziehung, dem Leben in der Kommune und in der Theaterwelt macht der Roman gleich mehrere gewichtige Themen auf. Das hätte im Hinblick auf Überfrachtung auch schiefgehen können, ist es aber nicht, weil sich das eine logisch aus dem anderen ergibt. Für mich ein ganz großartiger Roman, den ich aus tiefstem Herzen empfehle.
Irmas Weg
Kaffeeelse (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 06.04.2026
Bewertungsnummer: 3100879
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch ist ein kluges Psychogramm einer Tochter einer bindungsgestörten Mutter und ihr berührender Weg aus ihrer Hölle. Liebe ich sehr!
Von Franziska Hauser kenne ich bisher den Roman „Die Gewitterschwimmerin“ und die Anthologie „Ost*West*frau*“, die sie mit Maren Wurster gemeinsam herausgegeben hat. Beides für mich 5 Sterne Bücher. Und auch dieses Buch hier, „Am Ende der Kleinigkeiten“ ist für mich ein 5 Sterne Buch.
Mütter und Töchter. Eine schier unerschöpfliche Thematik. Für mich auf jeden Fall! „Am Ende der Kleinigkeiten“ ist ein empathischer Blick auf Irma und ihre Mutter, zeichnet ein Bild einer Bindungsstörung und ein Bild einer Emanzipation. Einer sehr frühen Emanzipation. Irma geht durch eine Hölle und geht dabei nicht zugrunde. Ein großes Wunder. Denn dass, was sie erleben muss, ist schon sehr hart.
Ihre Mutter verlor die eigene Mutter und ging dann durch ihre eigene Hölle. Eine Hölle, die das Weiche aus ihr heraustrieb und die Irmas Mutter in Habachtstellung vor ihrer Umwelt gehen ließ. Niemand kommt ihr zu nahe, denn dafür sorgt sie explosiv. In dem das Warum herausgearbeitet wird, versteht man Irmas Mutter. Dennoch macht sie dies nicht zu einem positiv zu betrachtenden Charakter. Wer solch eine Mutter hat, braucht wirklich keine Feinde mehr und dies ist sehr traurig. Gleichzeitig macht es aber auch wütend. Denn Irmas Mutter macht ihr Tun nicht nur aus ihrem eigenen Drama heraus. Nein, ihr macht ihr Verhalten Spaß, sie zieht einen Gewinn aus ihrem Tun. Und dies macht sie in meinen Augen zu einem verabscheuungswürdigen Charakter.
Dass Irma aus dem Dunstkreis der Mutter verschwindet, ermöglicht ihr das Loslösen aus der destruktiven Beeinflussung durch die Mutter. In ihren jungen Jahren sicher ein sehr schwerer Schritt. Dennoch ein notwendiger Schritt. Ihre Mutter hatte schon viel Schaden an der eigenen Tochter angerichtet. Dies wäre so weitergegangen und hätte weitere Folgen gehabt. Irgendwann wahrscheinlich unumkehrbare Folgen. Von daher macht Irma alles richtig. Sie zieht aus der bisher eng begrenzten Welt einer alternativen Siedlungsgemeinschaft auf einem Dorf in die Großstadt und ihr eröffnet sich eine bunte und reichhaltige Welt. Eine Welt, die ebenso Fallstricke bietet. Aber genauso ist die Großstadt auch eine Welt der unendlichen Möglichkeiten. Gerade in jungen Jahren.
Ich habe den Charakter der Irma geliebt. Ein junges Mädchen bricht aus und geht ihren Weg. Genau mein Ding würde ich sagen. Franziska Hauser gibt aber dem Charakter der Irma noch ihren besonderen Stempel mit. Denn Franziska Hauser erschafft Figuren, die nachhallen. Ich denke hier sehr an Tamara und Datscha und ihre Mutter Adele aus „Die Gewitterschwimmerin“. An dieses Buch kommt „Am Ende der Kleinigkeiten“ meiner Meinung nach nicht heran, es ist aber nah dran. Denn die intensive Gestaltung der Figuren der Irma und ihrer Mutter erinnert schon sehr an das Gespann Adele/Datscha/Tamara.
Genauso wie man nicht vergessen darf, „Die Gewitterschwimmerin“ ist 432 Seiten stark, deutlich mehr Raum um die Leserschaft zu erschüttern gegenüber den 350 Seiten von „Am Ender der Kleinigkeiten“. Nah beieinander liegen die Bücher ja dennoch. Auf 80 Seiten kann aber noch so einiges stattfinden, man darf ja nicht vergessen, es gibt ja auch Bücher mit nur 80 Seiten.
„Am Ende der Kleinigkeiten“ ist ein wunderbares Buch, eine notwendige und wunderbare Transformation, ein Lesehighlight, ein 5 Sterne Buch, ist Irmas Weg. Die Zeichnung von Irma berührt ungemein, ein authentischer und liebenswerter Charakter, ein starker Charakter. Ein Kraftbuch! Und ein sehr gelungenes Buch von Franziska Hauser. Eindringlich und nicht aus der Hand zu legen. Love it! Lesen! ❤
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