1971, in einem Vorort von Chicago, sitzen die vier Cohens jeden Samstagabend zum Scrabble zusammen. So viel Familienzeit muss sein, findet Frieda, die Mutter, und bereitet Popcorn für alle zu. Als keine fünf Jahre später Patriarch Rudy stirbt, ist nichts wie zuvor. Frieda trinkt zu viel, und die Töchter können es kaum erwarten, wegzukommen von der Mutter, die keine Wärme für sie übrighat. Nancy, die Ältere, wird mit einundzwanzig schwanger und brennt an der Seite eines zwielichtigen Handelsvertreters nach Phoenix durch. Die hochintelligente Shelly stürzt sich in eine lukrative Karriere in der aufblühenden Tech-Branche der Westküste. In sicherer Distanz voneinander versuchen alle drei Cohen-Frauen, sich eine eigene Identität zu erkämpfen. Aber auf ungeahnten Wegen kehren die Erwartungen, Traumata und verdrängten Geheimnisse von damals zurück. Ist ein Verstehen, gar ein Aussöhnen möglich? Und gelingt es der nächsten Generation, Nancys Tochter Jess, die Muster zu durchbrechen?
Jami Attenberg verfolgt die Schicksale der vier Cohen-Frauen über vierzig Jahre hinweg, erkundet, auf welche Weisen familiäre Verstrickungen uns prägen, und zeichnet intelligent und realistisch Fortschritt und Backlash in der jüngeren Geschichte der USA nach.
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Familientraumata
ReadingFoxy aus Leipzig am 13.05.2026
Bewertungsnummer: 3136935
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Familientraumata
Wir folgen der Familie Cohen von den gemeinsamen Scrabble-Abenden in den 1970ern bis nach dem Tod des Vaters, der alles verändert. Die Mutter verfällt dem Alkohol, die Töchter gehen eigene Wege. Doch ungelöste Konflikte holen sie wieder ein. Schließlich stellt sich die Frage, ob Versöhnung möglich ist und ob die nächste Generation die familiären Muster durchbrechen kann.
Es gibt ja aktuell viele Bücher rund um Familie und deren Streitigkeiten. Doch irgendwie ist dann doch jedes wieder anders und man fragt sich, wie es wohl mit der eigenen ist. Gibt es da auch solche Probleme?
Meine Antwort ist oft Nein und doch interessiert es mich, andere Familien dabei zu begleiten. So auch hier. Das Buch begleitet mehrere Frauen über Jahrzehnte hinweg und erzählt ihre Geschichten in fünf thematischen Abschnitten. Die Handlung verläuft dabei nicht linear, sondern springt zwischen Zeiten, Perspektiven und Figuren. Diese Art und Weise mag ich immer sehr, da man so viele Gedanken zu lesen bekommt. Man muss allerdings auch immer gut aufpassen, wo und bei wem man gerade ist.
Inhaltlich greift der Roman viele spannende Themen auf. Generationenübergreifende Traumata, Familienstrukturen, Care-Arbeit oder queere Identität. Auch die Figurenkonstellation rund um Frieda, Nancy, Shelly und Jess sowie die Prägung durch Rudys Vergangenheit als Holocaust-Überlebender bieten viel Tiefe. Allerdings bleiben viele dieser Ansätze eher angedeutet und man bekommt nicht alles beschrieben und hat manchmal mehr Fragezeichen als Antworten.
Leider bleibt das Buch eher distanziert und auch die Protagonisten existieren häufig nebeneinander. Das fand ich schade, denn eigentlich war ein guter Ansatz da.
Grundsätzlich fand ich es gut, doch hat mich manchmal diese Kälte etwas im Lesen stocken lassen.
ISBN: 978-3690970211
Autorin: Jami Attenberg
Verlag: Schöffling & Co
ET: 18.02.26
Umfang: 288 Seiten
Fragmente eines fragilen Beziheungsgeflechts
Mia / @zweimal_m am 24.04.2026
Bewertungsnummer: 3118668
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Samstagabend ist Spielabend bei den Cohens. Woche für Woche sitzen sie zusammen am Tisch, das Scrabblebrett zwischen sich, feste Regeln, feste Plätze. Für einen Moment wirkt es, als ließe sich das Familienleben in diesen Abläufen zusammenhalten. Doch dieses Gleichgewicht ist brüchig. Als Rudy Cohen stirbt, gerät das vermeintliche Familienleben endgültig ins Wanken. Als Ehemann und Vater war er lange derjenige, der alles zusammenhielt.
Zurück bleiben Frieda und ihre Töchter Nancy und Shelly – drei Frauen, die sich nie wirklich nahe waren. Frieda verliert sich zunehmend im Alkohol und begegnet ihren Töchtern mit Härte. Für Nancy und Shelly wird dieses Zuhause früh zu einem Ort, aus dem sie vor allem eines wollen: weg. Nancy sucht Halt in Beziehungen und orientiert sich an Erwartungen von außen, während Shelly auf Eigenständigkeit und Karriere setzt. So entfernen sie sich nicht nur räumlich voneinander, sondern auch in ihren Lebensrealitäten. Sie verteilen sich über das Land, als ließe sich mit genügend Abstand auch das hinter sich lassen, was unausgesprochen zwischen ihnen steht. Mit Jess, Nancys Tochter, tritt später eine weitere Perspektive hinzu, die das fragile Beziehungsgeflecht um eine Generation erweitert.
»Wir könnten alles sein« folgt diesen Frauen über mehrere Jahrzehnte hinweg. Der Roman ist in fünf thematische Abschnitte gegliedert und bewegt sich nicht linear, sondern springt zwischen Zeiten, Orten und Perspektiven. Immer wieder setzt der Text neu an, greift einzelne Momente heraus, lässt andere aus und verbindet so unterschiedliche Episoden zu einem bewusst fragmentarischen Gesamtbild.
Gerade diese Struktur hat für mich jedoch nicht durchgehend funktioniert. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass der Roman genau an den Stellen weiterspringt, an denen es interessant geworden wäre. Konflikte und Traumata werden zwar angedeutet, doch vieles bleibt fragmentarisch und wird nicht wirklich weitergeführt, sondern in ein Schweigen überführt. Die zahlreichen Zeitsprünge und Perspektivwechsel erzeugen zwar eine gewisse Dynamik, erschweren aber zugleich eine wirkliche Nähe zu den Figuren.
Dabei liegen in der Geschichte viele spannende Ansätze. Themen wie generationenübergreifende Traumata, Care-Arbeit oder Homosexualität werden immer wieder aufgegriffen, ebenso wie die komplexen Dynamiken zwischen Frieda, Nancy, Shelly und Jess. Auch Rudys Geschichte als Holocaust-Überlebender prägt die Familienkonstellation und schwingt immer wieder mit. So zeigt der Roman zwar, wie sich Muster in Familien fortsetzen, wie sich Verletzungen und Sprachlosigkeit über Jahre hinweg einschreiben und weitergetragen werden, bleibt dabei jedoch oft zu skizzenhaft, um diese Linien wirklich zu vertiefen.
Den Text durchzieht eine Tragik, die immer wieder von einem trockenen, sarkastischen Humor gebrochen wird. Gleichzeitig bleibt der Roman auffallend unbewertend und überlässt es den Figuren, nebeneinander her zu leben, oft ohne sich wirklich zu begegnen. Letztlich ist es die Aufgabe der Lesenden, sich ein eigenes Bild von ihnen zu machen. Gerade das ist ein spannender Ansatz, fällt jedoch nicht immer leicht, wenn man dabei auf Distanz gehalten wird. Eine Distanz, die sich auch im Text selbst spiegelt: Während Shelly in der Tech-Branche daran arbeitet, Menschen immer enger miteinander zu vernetzen, bleibt innerhalb der Familie das meiste unausgesprochen. Worte fehlen – und mit ihnen die Möglichkeit, einander wirklich nahe zu kommen.
»Wir könnten alles sein« hat mich insgesamt nicht ganz erreicht. Der Einstieg hat mich noch sehr abgeholt, auch die Grundidee und die Figurenkonstellation fand ich interessant. Im Verlauf hat die Geschichte für mich jedoch an Intensität verloren. Vieles bleibt angedeutet, vieles offen – was ja grundsätzlich reizvoll sein kann, hier für mich aber eher dazu geführt hat, dass mir an einigen Stellen die emotionale Tiefe gefehlt hat. Die bewusste Offenheit wirkt dabei weniger wie eine Stärke als wie eine Leerstelle. Vielleicht liegt darin aber auch die Konsequenz dieses Romans: Er erzählt von Menschen, die einander nie ganz erreichen, und bleibt dabei selbst auf Distanz. Wie bei einem Scrabble-Spiel fehlen am Ende genau die Buchstaben, die man gebraucht hätte.
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