Wie vertreibt man sich als junge Erbin eines Herrenhauses an der Küste New Englands in den dreißiger Jahren die Zeit? Marcias Tage verlaufen gemächlich - schwimmen, Boot fahren, lesen, reiten, Golf -, bis ihre ehemalige Schwägerin Juliette vor der Tür steht. Schon vor der Scheidung von Marcias Bruder war Juliette, die weder für das Meer noch für das Haus am Meer je besonders viel übrighatte, das schwarze Schaf der Familie, aber jetzt sind die Spannungen kaum auszuhalten. So plötzlich, wie sie aufgetaucht ist, verschwindet Juliette wieder - und wird eine Woche später tot aufgefunden. Mit der Idylle in Sunset House ist es nun vorbei: Marcia und Sheriff Russell Shand müssen die Geheimnisse, die sich in den Winkeln der zehn Zimmer und den verschlungenen, knarzenden Fluren verbergen, lüften. Will jemand Marcia den Mord anhängen? Oder ist sie das nächste Opfer?
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Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Jürg K. am 19.02.2026
Bewertungsnummer: 3050945
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Nicht wegen des Mordes, sondern wegen der Atmosphäre, die sich wie ein feiner Nebel über jede Seite legt. Dieses Haus an der Küste, mit seinen zehn Zimmern, den knarzenden Fluren, den Schatten, die sich in den Ecken sammeln, wirkt weniger wie ein Ort als wie ein Zustand. Ein Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Privileg und Einsamkeit, zwischen Sicherheit und Gefahr. Marcia lebt in einer Welt, die ihr alles bietet und doch so wenig Raum lässt. Ihre Tage wirken wie sorgfältig arrangierte Stillleben, Schwimmen, Reiten, Lesen und doch spürt man unter dieser glatten Oberfläche eine Sehnsucht nach etwas Echtem, etwas Ungezähmtem. Als Juliette auftaucht, bricht etwas auf. Nicht nur die Familienfassade, sondern auch Marcias Selbstbild. Juliette ist wie ein Riss im Lack, unbequem, unberechenbar, lebendig. Der Roman entfaltet seine Spannung nicht durch Tempo, sondern durch Stille. Durch Blicke, die zu lange dauern. Durch Türen, die nachts nicht ganz geschlossen sind. Was mich besonders bewegt hat, ist die Beziehung zwischen Marcia und Sheriff Shand. Keine klassische Ermittlerdynamik, sondern ein vorsichtiges, fast zärtliches Zusammenrücken zweier Menschen, die beide spüren, dass Wahrheit immer auch Verletzlichkeit bedeutet. Ein Buch über die Fragilität von Identität, über die Macht von Familiengeheimnissen und über die Frage, wie gut wir die Menschen kennen, die wir lieben und uns selbst.
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