An einem langen Sonntagmorgen ist das Bett der schönste Ort der Welt: Sonnenschein fällt durch einen dünnen Vorhang, die Zeitung auf dem Schoß, Kaffeegeruch in der Nase und der Tag liegt hell und faul vor einem …
Doch Im-Bett-Liegen ist nicht immer erholsam oder entspannend, bisweilen sogar weder bequem noch freiwillig. Heike Geißler, Tamar Noort, Dmitrij Kapitelman und Alena Schröder gelangen zu Einsichten in langen, schlaflosen Nächten, erzählen gruselige und überraschende Bettgeschichten und berichten von verletzungsbedingter Zwangshorizontale – genauso, wie vom Bett als dem treuesten Begleiter und besten Zufluchtsort des Lebens.
Der Schuber enthält folgende Erzählungen:
Heike Geißler: Im Bett
Tamar Noort: Ein Panzer für Irmi
Dmitrij Kapitelman: Das belegte Herz
Alena Schröder: Victoria Supreme 3000
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Zweckfrei liegen als politischer Akt
xxholidayxx am 06.03.2026
Bewertungsnummer: 3067956
Bewertet: Buch (Set mit diversen Artikeln)
„Es war und ist eine Zeit, in der ich zweckfrei herumlag, zweckfreie Zeit in meinem Bett verbrachte. Ich verbrauchte und verbrauche immer noch Zeit, einfach so." (S. 13) — Heike Geißlers Satz aus dem Schuber „Im Bett. Erzählungen vom Liegen" klingt zunächst harmlos, fast beiläufig. Und genau darin liegt seine Sprengkraft. Denn zweckfreie Zeit ist in einer Gesellschaft, die Produktivität zur Tugend erklärt hat (Stichwort: kapitalistische Leistungslogik), keine Kleinigkeit. Sie ist vielmehr eine Haltung — oder doch fast schon ein Akt des Widerstands? Der Lampe Verlag, der sich dem kurzen Format verschrieben hat, versammelt in diesem am 2. März 2026 erschienenen Schuber vier Erzählungen von Heike Geißler, Tamar Noort, Dmitrij Kapitelman und Alena Schröder rund um einen einzigen Ort: das Bett.
Meine Meinung
Was mich an diesem Format von Anfang an überzeugt hat, ist die Konsequenz, mit der der Lampe Verlag das Thema ernst nimmt, ohne es zu erschöpfen. Vier Texte, vier völlig unterschiedliche Zugänge — und trotzdem funktionieren die Geschichten zusammen hervorragend.
Nicht alle Texte haben bei mir gleich viel ausgelöst, zwei sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Auf eine davon möchte ich exemplarisch genauer eingehen. Es ist Geißlers Erzählung „Im Bett", die auf den ersten Blick wie eine leise, fast surreale Fantasy-Erzählung wirkt, in Wirklichkeit aber eine präzise Analyse davon ist, wie stark die Normen für ein vermeintlich gelungenes Leben wirken: Wer nicht handelt, wer keine Ereignisse produziert, wer einfach nur Zeit verbraucht, löst Irritation aus. Dass die Erzählerin auf diese Irritation mit einem schlichten „Ich flog vor ungefähr einem Jahr mit meinem Bett davon. Ich habe keine Lust auf Missverständnisse." (S. 30) antwortet, ist einer der schönsten literarischen Mittelfinger, die ich seit Langem gelesen habe.
Was das Format angeht, war ich anfangs skeptisch — aber jetzt kann ich sagen: Es funktioniert. 128 Seiten, die in einem Rutsch gelesen werden können und trotzdem nachwirken. Der Schuber beweist, dass kurze Texte nicht weniger sagen als lange. Und ich stelle es mir ohnehin ungemein schwerer vor, auf 20 bis 30 Seiten etwas auszulösen, als wenn man 200 bis 250 hat. Von daher: Gratulation an die Autor:innen und den Verlag.
Fazit
„Im Bett. Erzählungen vom Liegen" ist für alle, die Gegenwartsliteratur mögen und vielleicht gerade nicht die Zeit haben für einen 250-Seiten-Roman. Für alle, die gerne verschiedene Stimmen und Stile in einem Band entdecken. Und für alle, die das nächste Mal, wenn sie zweckfrei im Bett liegen, wissen wollen, dass das eine vollkommen legitime Entscheidung ist. Vielen Dank an den Lampe Verlag für das Rezensionsexemplar.
Meinung aus der Buchhandlung
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„Ich verlange nicht, ein Ereignis zu sein. […] Ich will einfach nur mit meinem Bett unterwegs sein.
Bewertet: Buch (Set mit diversen Artikeln)
Bereits „Ihrer Zeit Voraus“ aus dem Lampe Verlag hat mich richtig gut gefallen, deshalb war ich nun umso gespannter, auf den Schuber "Im Bett - Erzählungen vom Liegen".
Zu 90% sehen meine Morgen aus wie folgt - Katzengekuschel, frischer
Kaffee und Buch im Bett. Ich liebe es, in meinem Bett zu sein aber der anxiety-Maus in mir
ist durchaus bewusst, dass es nicht immer so fein ist, ans Bett „gebunden“ zu sein.
Dieser Schuber bietet Raum für vier verschiedene Geschichten über das Gefühl, dass
vom Im-Bett-Sein ausgelöst werden kann. Ich sag es erneut – ich liebe liebe liebe
Kurzgeschichten!! Auch hier wird so viel auf +- 20 Seiten gepackt, bunt geschriebene
Welten werden hervorgerufen, Geschichten spinnen sich weiter und weiter und die
entworfenen Ideen – fabelhaft.
Bereits die erste Erzählung von Heike Geißler, „Im Bett“, sprüht nur so vor magischen
Realismus, welchen ich besonders gerne mag. Was geschieht, wenn mensch sich von
allem loslöst und einfach nur ist? Und was, wenn dieses auf dem eigenen Bett und in
Lüften passiert? „Ich verlange nicht, ein Ereignis zu sein. […] Ich will einfach nur mit
meinem Bett unterwegs sein.“ Ich finde es immer wieder so spannend, was alles aus
Erzählungen herausgezogen werden kann, was von Lesenden in die Geschichte
interpretiert werden kann, wie sie aufgenommen werden kann. Die nächste Erzählung
„Ein Panzer für Irmi“ von Tamara Noort handelt von Freundinnenschaft und brachte
mich sofort zum Weinen. So gut! Ich bin ja bereits große Liebhaberin ihres Romans „Der
Schlaf der Anderen“ und jetzt umso gespannter, mehr von ihr zu lesen. Dimitrij
Kapitelmans „Das belegte Herz“ ist die dritte Erzählung aus der Reihe und Alena
Schröder schließt mit „Victoria Supreme 3000“ - so ein Banger, ich war ganz baff.
Insgesamt ist der Schuber „Im Bett – Erzählungen vom Liegen“ sehr zu empfehlen;
noch immer finde ich die Idee des Lampe Verlags kurze Erzählungen zu einem Thema so gekonnt zu verpacken so fein und freu mich, nun einen weiteren im Regal stehen haben zu
dürfen. Ich mein, auch die einzelnen Coverdesigns der Erzählungen? Nur Liebe!
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