Das scheinbar Unversöhnliche versöhnen und das wirklich Unversöhnliche aushalten - Navid Kermanis existenzieller, hellsichtiger Roman
Wie ist es, wenn sich die vertraute Welt auflöst, wenn das, was gestern noch normal war, heute nicht mehr gilt? Navid Kermani fängt diesen Moment in einem einzigen Sommer ein: Ein Freund, der zuletzt politisch auf Abwege geraten war, hat sich das Leben genommen. Die Kriege rücken näher und die Debatten werden schriller. Seine Freundin hält den Erzähler für einen Macho, aber das bleibt bei weitem nicht der schlimmste Vorwurf, der sein Selbstbild erschüttert. Auf unnachahmliche Weise gelingt es Navid Kermani, unsere Gegenwart aus ihren Widersprüchen heraus zu begreifen, das scheinbar Unversöhnliche zu versöhnen und, wichtiger noch, das wirklich Unversöhnliche auszuhalten. Ein existenzieller, hellsichtiger Roman unserer Zeit.
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Keine leichte Kost, aber lesenswert!
Lesenswert aus Bielefeld am 17.02.2026
Bewertungsnummer: 3048881
Bewertet: eBook (ePUB)
Mit "Sommer 24" liefert der vielfach preisgekrönte Schriftsteller und habilitierter Orientalist Navid Kermani einen anspruchsvollen Roman über unsere Zeit ab, gepackt in das Jahr 2024, ein Jahr des Umbruchs.
Sein Freund Rudolf, selbst Holocoust-Überlebender, driftet politisch in die rechte Ecke ab, sympathisiert mit der AFD , verteidigt Israels Angriffe im Gazastreifen. Er wählt schließlich den Freitod. In USA besteht die Wiederwahl von Trump bevor, unterstützt von Elon Musk. Kriege rücken näher. Dazu kommt, dass sich seine Freundin von ihm trennt und ihn als Macho bezeichnet, aber auch sonst wird sein Leben durch eine von ihm selbst verfasste Geschichte heftig durcheinandergewirbelt.
Der Roman ist keine leichte Kost, es braucht seine Zeit, ihn vollständig in sich aufzunehmen. Denn auf den 160 Seiten steht viel, und noch viel mehr zwischen den Zeilen. Mit messerscharfem Verstand analysiert Kermani nicht nur die Welt und die Politiker (dabei nimmt er unter anderem Bezug auf seine Rede vor dem Deutschen Bundestag), sondern auch sich selbst. Gibt es Möglichkeiten, auszusöhnen und zu versöhnen? Oder muss man einfach aushalten? Sprachlich gesehen ist der Roman ein Meisterwerk, lässt uns Kermani durch seine Sprache an seinen Gedanken teilhaben, dazwischen immer nimmt er auch Rückblick auf vergangene Ereignisse.
Ein eindringliches Werk, das man sehr aufmerksam lesen muss! Ein Werk, das zum Nachdenken anregt! Ein Werk, das ich sehr gerne weiterempfehle! Ein Werk, das mich veranlasst, seine Lesung im März zu besuchen!
Ein Statement für politische Haltung
Eva am 17.03.2026
Bewertungsnummer: 3079917
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Wolfgang Schäuble ruft dem Publizisten hinterher: Das war gut! Ich bin nicht mit allem einverstanden, aber das war gut! Der Publizist hatte im Bundestag als Ehrengast eine Rede gehalten und war auf Ablehnung gestoßen. Er, der Verwandte im Iran hat.
Ich bin nicht mit allem einverstanden, was in Sommer 24 steht. Aber es ist richtig gut. Es katapultuiert meinen Debattierwillen in höchste Höhen, ich will reden. Über die Kriege im Iran, in der Ukraine, im Sudan. Über das von ihm mit dem Vormarsch der populären, bild-erzeugenden Kräfte prophezeite Ende der liberalen Demokratie. Über die manchmal verschrobenen konservativen Statements, die er im nächsten Nebensatz selbstkritisch entlarvt. Über das ß, das im Text altmodisch anmutet.
Wenn ein Text vor Relevanz platzen könnte, dann läuft Sommer 24 Gefahr, genau das zu tun. Er birst vor Aktualität und hält den Finger auf die himmelschreienden Widersprüche und Dramen des Zeitgeschehens. Dabei geht es nicht nur um den Schrecken der Kriege und die Demontage der Demokratie.
Dieses Buch ist ein literarischer Spagat. Wie in Ludovico Settembrini und Leo Naphta stehen sich das erzählende Ich, das Kermani sein kann aber nicht muss und sein Antagonist Rudolf gegenüber, der den Freitod wählte und nun auf dem Sterbebett liegt. Der 7. Oktober ist Leitmotiv ebenso wie das Zitat Nichts ist ganzer als ein zerbrochenes Herz.
Im stillen Streitgespräch beginnt die Reflexion über den Sommer 24 und flicht einen Kosmos aus Leid, Demut, menschlicher Reife, dem Kleinen, Eigenen und dem Globalen. Es erinnert an die großen Tagebücher von Kempowski, Rühmkorf oder Klemperer, die weit über die private Dokumentation hinausgehen, und vielmehr Zeugnisse ihrer Zeit sind. Immer politisch, immer persönlich.
Brillant arbeitet der Autor heraus, dass das Politische unausweichlich und immer privat ist, und was das bedeutet, besonders für Menschen, die schon durch ihre Geburt in den politischen Kontext fielen, erkundet er im Sommer 24. Selbstreflexiv, weltanschaulich. Er, der Schriftsteller, der sich nicht vor der Kontroverse scheut.
Ich wünschte, dass jede*r dieses Buch liest. Es gibt kein unpolitisches Leben. Es ist ein Statement.
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