Elbland
Roman | »Claudia Rikl schreibt mit großer Empathie und Leidenschaft über die Lebenslügen einer leidgeprüften Generation und das erdrückende Erbe des Ungesagten.« Kristina Hauff
Als ihre Mutter Irma stirbt, verliert Nina den Boden unter den Füßen. Nach Jahren des Ausharrens an der Seite dieser gebrochenen Frau ist sie plötzlich frei und fühlt sich verlorener denn je. Um wieder festen Grund zu finden, reist sie ins tschechische Riesengebirge, wo die Familie ihren letzten gemeinsamen Urlaub verbracht hat. Nina will ergründen, was die Familie damals auseinandertrieb - und was das Land für sie bereithält, das ihre Mutter einst Heimat nannte: Böhmen.
So tiefsinnig wie schwebend schön ergründet Claudia Rikl, was beim Verlassen der Heimat zurückbleibt und was uns das Bleiben kostet.
»Claudia Rikl schreibt mit großer Empathie und Leidenschaft über die Lebenslügen einer leidgeprüften Generation und das erdrückende Erbe des Ungesagten.« Kristina Hauff
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Auf den Spuren der Vergangenheit
Bellis-Perennis aus Wien am 19.06.2026
Bewertungsnummer: 3172446
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Claudia Rikl ist, wie sie erzählt, zu diesem historischen Roman durch ihre eigene Familiengeschichte inspiriert worden. Die Autorin nimmt ihre Leserschaft in drei Zeitebenen (1945/1987 und Gegenwart) in die Geschichte einer dysfunktionalen Familie mit, die vor allem durch Sprachlosigkeit und fehlender Herzenswärme gezeichnet ist.
Der Roman ist die Geschichte eines Traumas, das am Ende des Zweiten Weltkrieges beginnt und über die Jahrzehnte wie eine schwärende Wunde keine Heilung erfährt, erfahren kann, weil Mutter Irma über die Ereignisse nicht sprechen kann. Weder mit ihrem Ehemann noch mit ihren Töchtern Nina und Katja.
1987, nach einem Sommerurlaub an Irmas Geburtsort Arnau, heute Hostinné, in der damaligen Tschechoslowakei, bei der die Familie entdeckt, dass ihre Mutter fließend tschechisch spricht, geschieht einiges Unvorhergesehenes, über das geschwiegen wird. Warum stellt niemand die Frage nach den Sprachkenntnissen? Tschechisch ist ja nicht unbedingt eine Sprache, die man nebenher lernt.
Wenig später zerreißt es die fragile Familie endgültig, wie wenig später die DDR. Katja macht im Westen Karriere und der Ehemann verlässt den traurigen Rest seiner Familie. Nina, die ältere der Schwestern kümmert sich um ihre Mutter, die zusehends immer tiefer in Depressionen versinkt. Sie stellt ihre eigenen Bedürfnisse stets zugunsten jener der Mutter zurück. Nur einmal, hat sie sich durchgesetzt. Statt Medizin zu studieren, ist sie Schauspielerin geworden.
Als die unnahbare Irma stirbt, fällt ihre Tochter Nina selbst in ein tiefes schwarzes Loch. Obwohl, oder vielleicht genau deswegen, weil die Belastung, ihre depressive Mutter zu pflegen, wegfällt, rebelliert ihr eigenen Körper. Nina verliert das wichtigste Instrument einer Schauspielerin - ihre Stimme. Krank geschrieben, stöbert sie in der Hinterlassenschaft und findet ein paar vergilbte Fotos und ein Rechenbuch. Neugierig macht sie sich auf eine Reise nach Tschechien, um den wenigen Spuren, die ihre Mutter hinterlassen hat, zu folgen.
Meine Meinung:
Obwohl ich natürlich aus zahlreichen Biografien bzw. historischen Romanen und Zeitzeugenberichten weiß, was in den Tagen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der deutschstämmigen Bevölkerung in der Tschechoslowakei passiert ist, ist es dennoch sehr interessant zu lesen, was Irma als Kind erlebt hat. In abwechselnden Rückblenden erfahren wir Details aus Irmas Kindheit und welche Dynamik aus der Tragödie entwickelt hat. Dieses transgenerationale Trauma, das auch beinahe Ninas Leben zerstört hat. Gleichzeitig eröffnet diese Reise nach Arnau, dem heutigen Hostinné, die Möglichkeit, einer Versöhnung der beiden Schwestern. Beide haben die jeweils andere als bevorzugtes Kind gefunden sowie des Verrats schuldig am Zerwürfnis verdächtigt. Dass hier ganz andere Mechanismen im Spiel sind, ist ihnen nicht bewusst.
Für mich, die sich schon länger mit Epigenetik und transgenerationalen Traumata beschäftige, ist die Auflösung sehr gut gelungen. Allerdings liegt vor den beiden noch ein langer Weg, mit den neuen Erkenntnissen umgehen zu lernen und eine neue Beziehung zueinander aufzubauen.
Die Autorin zeigt eindrucksvoll, welche Auswirkungen unausgesprochene Wahrheiten haben können. Vor allem kleine Kinder nehmen an, zum Beispiel an einer Trennung der Eltern „schuld“ zu sein, oder es „verdient“ zu haben, dass das Geschwisterkind augenscheinlich mehr geliebt wird als es selbst. Hier wären die Erwachsenen gefordert, den Kleinen zu helfen, in dem sie ihnen Vertrauen und Liebe schenken. Doch das ist ihnen oft, wie im Fall von Irma, nicht möglich, weil sie selbst emotional bedürftig sind.
Die Charaktere wirken authentisch, vor allem weil sie kaum eine emotionale Bindung zueinander aufbauen können. Auch die eine oder andere Leserin wird hier ihre Schwierigkeiten haben, Zuneigung oder Nähe zu den Figuren zu entwickeln. Das ist für mich aber die große Kunst der Autorin, keine rührselige Geschichte zu erzählen, sondern eine doch sachliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auszufechten.
Fazit:
Gerne gebe ich dieser komplexen Familiengeschichte 5 Sterne.
Das Trauma einer Vertriebenen
Magdalena aus Köln am 28.04.2026
Bewertungsnummer: 3122504
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Elbland von Claudia Rikl ist das erste Buch der Autorin, das ich gelesen habe. Es hat mich tief berührt, und ich möchte es euch ans Herz legen.
Das Buch spielt auf drei Zeitebenen: In der Gegenwart, im Jahr 1945 und 1987. Im Mittelpunkt des Romans stehen Nina und ihre Mutter Irma.
Nina, um die 50, ist Theaterschauspielerin in Leipzig. Nach dem Tod ihrer Mutter Irma verliert sie ihre Stimme, die HNO-Ärztin diagnostiziert eine stressbedingte psychogene Aphonie und schreibt sie für eine Woche krank. Nina beschließt, nach Hostinné ins Sudetenland zu fahren, wo ihre Mutter geboren ist und wohin sie im Jahr 1987 in den letzten gemeinsamen Familienurlaub gefahren sind.
Die Herkunft der Mutter wurde in der Familie nie thematisiert. Nina ist überrascht, als sie mitbekommt, dass ihre Mutter Tschechisch spricht.
Irma war ihr Leben lang sehr in sich gekehrt und ließ niemanden an sich heran. Als die Töchter erwachsen wurden, hat ihr Mann sie verlassen, da er mit ihrer emotionalen Distanz nicht länger leben konnte. Die jüngere Tochter Katja hat im Westen Karriere gemacht und ist nur selten zu Besuch gekommen, was ihre Schwester Nina ihr übel genommen hat.
In den Kapiteln aus dem Jahr 1945 lesen wir, was damals in Böhmen passiert ist, als Irma sieben Jahre alt war. Die Familie gehörte der deutschen Minderheit an, sie besaß eine Textilfabrik. Nach der deutschen Kapitulation wurden die Deutschen, die noch in Böhmen lebten, in Lager verfrachtet. Die furchtbaren Erlebnisse der Siebenjährigen im Lager hatten Auswirkungen auf ihr ganzes Leben, und Nina bekommt endlich eine Erklärung für das Verhalten ihrer Mutter.
Ich interessiere mich sehr für Geschichten von Vertriebenen, und auch diese hat mich tief berührt. Es macht mich traurig zu lesen, wie grausam Menschen zu Menschen waren, die eine andere Nationalität oder einen anderen Glauben hatten. Noch trauriger macht es mich, dass sich in den letzten achtzig Jahren nicht viel daran geändert hat.
Ich hätte gern mehr über Irmas Leben nach 1945 erfahren, vor allem wie und wann sie aus dem Lager in Olesovice nach Leipzig gekommen ist.
Gerne vergebe ich fünf Sterne und spreche eine Leseempfehlung aus.
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