Atmosphärisch dicht erweckt Tanja Paar den Semmering der kleinen Leute und seine Bedrohung durch den aufkommenden Faschismus zum Leben.
Für den Eisenbahner Bertl und seine Frau Klara bedeutet der Semmering einen Aufstieg: Die Beförderung zum Stationsvorsteher und ein Häuschen mit Garten sind in Zeiten von Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit viel. Mit Schwung und Liebe zum Detail erzählt Tanja Paar von der Welt hinter den Kulissen der noblen Sommerfrische, von Dienstmädchen und Holzknechten, Groß- und Kleinbauern, vom Postfräulein Negrelli und von Rahel, die für die jüdischen Gäste koscher kocht. Immer stärker werden die politischen Konflikte auch im Kurort abseits der Großstadt Wien spürbar, und als die Nazis 1938 die Macht ergreifen, gerät die gefährdete Idylle gänzlich aus den Fugen. Wird Klara ihre Freundin Rahel vor der Deportation retten können?
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Gertie G. aus Wien am 01.09.2025
Bewertungsnummer: 2583232
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Tanja Paar entführt ihre Leser in die Sommerfrische-Idylle am Zauberberg der Wiener, den Semmering. Man schreibt das Jahr 1928. Die Donaumonarchie und der Adel sind längst Geschichte. Das neue jüdische Bürgertum hat den Hausberg als Sommerfrische auserkoren. Bekannte Architekten bauen Villen für sie, damit sie, wenn sie mit Sack und Pack über den Sommer einziehen, die selbe Bequemlichkeiten haben, wie in der großen Stadt, nur mit sauberer Luft.
Doch es ist nicht die Herrschaft, die hier beschrieben wird, sondern die einfachen Leute wie das Postfräulein Negrelli, die Bauern, deren Kinder statt in die Schule zu gehen auf dem Hof schuften müssen, das Dienstpersonal der großen Hotels, die Holzknechte oder die Köchin Rahel, die für die jüdischen Gäste koscher kocht sowie der Pianist Szabo. Es ist auch eine Geschichte der Einheimischen und der Zugezogenen, wie dem Eisenbahner Bertl und seiner Frau Klara, die im Bahnwärterhaus an der Südbahn wohnen. Bertl bekleidet nun den Posten eines Fahrdienstleiters. Das Paar ist dankbar für sein kleines Glück, dem nur noch ein Kind fehlt, das sich partout nicht einstellen will.
Nach der Weltwirtschaftskrise 1929, die auch vor der Sommerfrischenidylle am Semmering nicht Halt macht, beginnen die politischen Spannungen spürbar zu werden. Bertl, als Eisenbahner ein Sozialist, kann mit den frömmelnden Einheimischen wenig anfangen, und umgekehrt. Und doch ist der Semmering eine winzige Insel der Seligen, in der Klara sogar Tennis spielen lernt und ihrerseits versucht, Szabo das Eislaufen beizubringen.
Als die Heimwehr sich immer stärker in Szene setzt, legt auch der republikanische Schutzbund nach, bis die Situation im Februar 1934 im Bürgerkrieg eskaliert. Niemand kann so recht glauben, dass illegale Nazis und Sozialisten gemeinsam im Anhaltelager Wöllersdorf in Haft sind.
Dann kommt das Jahr 1938 und die heile Welt am Semmering gerät vollends aus den Fugen. Zuerst verschwindet das Fräulein Negrelli und dann Rahel ...
Meine Meinung:
Dieser historische Roman, der auf den Erinnerungen ihre Großeltern Klara und Bertl, sowie dem mysteriösen Erbe einer Porzellanpuppe, in deren Reifrock ein Schaijtel, also jene Perücke, die orthodoxe Jüdinnen nach ihrer Heirat, tragen (müssen), basiert, zeichnet die Jahre zwischen 1928 und 1945 sehr feinfühlig nach.
Zwischen den einzelnen Episoden sind Gedanken des schlechten Gewissen sowohl von Klara als auch von Szabo zu lesen, der sich Vorwürfe macht, Rahel nicht besser unterstützt zu haben. Er steht stellvertretend für alle, die lange, zu lange gezögert haben, jüdischen Bekannten und Freunden zu helfen. Offen bleibt der Verbleib des Fräulein Negrelli, während das Schicksal von Rahel klar ist.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Roman 5 Sterne.
Das Leben der kleinen Leute oder wie Menschlichkeit gelingt
Eva am 01.12.2025
Bewertungsnummer: 2666947
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Kommen Sie an den Semmering! Gönnen Sie sich im Sporthotel am Semmering eine luxuriöse Auszeit von der Hektik Wiens und tauchen Sie ein in die Freuden exquisiter Kulinarik, herrlicher Landschaft, Wellness und fantastischer Sportmöglichkeiten in einem der beliebtesten Luftkurorte Österreichs.
Bis heute ist der Semmering bei Wien ein Luftkurort für die Wohlhabenden. Tanja Paar aber nimmt uns mit in die Parallelwelt der einfachen Leute. Klara und Bertl leben nicht in der mondänen Welt der Luxushotels, auch wenn Klara immer mal wieder einen Blick in Richtung Bürgertum wirft. Sie leben in der Gartenwohnung des Bahnwärterhäuschens, denn Karl hat sich vom einfachen Bahnarbeiter zum Fahrdienstleiter hochgearbeitet.
Gemeinsam mit Klaras bester Freundin Rahel, einer jüdisch-orthodoxe Witwe mit drei Kindern, Fritz, einem Ex-Baron, der sich auf die Seite der Roten schlägt und Szabo, Lebemann, Pianist und Hotelverwalter bilden Klara und Bertl ein fünfblättriges Freundschaftskleeblatt, das das Beste aus dem Leben herausholt.
Der Semmering wirkt wie ein Kokon, in den erst nach und nach die Zeitgeschichte Einzug hält, die Tanja Paar gekonnt mit der Familiengeschichte verwebt.
Die Erzählung beginnt 1928 und reicht bis 1945. Die Bürgerkriegskämpfe 1934 sind Thema, die illegalen Nazis während der Ständediktatur, der Anschluss Österreichs ebenso wie die Kämpfe zwischen Wehrmacht und Roter Armee 1945. So entsteht ein multidimensionales Bild aus Familiengeschichte, Existenzsorgen und Historie Österreichs.
Wunderbar wird der Roman vom authentischen Klang der Sprache getragen, stilsicher nachempfunden und zum Leben erweckt. Die Sprachmelodie trägt wunderbar durch den Alltag, die kleinen Sorgen und die großen Umbrüche.
Tanja Paar zeichnet ein persönliches, wortgewandtes und eindringliches Portrait von Menschen, die keine Held*innen waren und dennoch unweigerlich politisiert wurden. Die Großeltern der Autorin lieferten mit ihrer eigenen Geschichte die Inspiration zu diesem außergewöhnlichen Erzählprojekt, denn der Großvater war Eisenbahner und lebte mit seiner Frau ebenfalls am Semmering. Wieder einmal zeigt sich anschaulich, wie die politische Geschichte ins Private eindringt. Ein absolut lesenswerter Roman, der mit leisen, humorvollen und klangvollen Tönen die Schrecken und Freuden der Zeit einfängt.
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