Als queere Menschen sind wir besonders durch Einsamkeit bedroht. Isolation vor und nach dem Coming-out, der lange, konfliktreiche Weg zu uns selbst und oft das Fehlen einer Familie, die uns unterstützt, wenn es hart auf hart kommt. Aber: Haben wir nicht eine besondere Fähigkeit zur Solidarität? Sind wir nicht besonders gut darin, Beziehungen neu zu erfinden? Wohnprojekte, Wahlfamilien, Bindungen jenseits der heterosexuellen Rollenmodelle – sie können alle Orte sein, die vor Einsamkeit schützen.
In Queere Einsamkeit, Queere Gemeinschaft fragt Lennart Herberhold, was uns einsam werden lässt – ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen als Single, der nach drei Jahren Grindr ahnt, dass er den Mann fürs Leben vielleicht nicht mehr finden wird. Doch wie geht es zum Beispiel einer non-binären Person, die in der Provinz auf der Suche nach sich selbst ist? Wie erlebt eine 80jährige Lesbe Alleinsein? Und: Welche Wege gibt es aus der Einsamkeit heraus?
Auf der Suche nach Antworten besucht der Autor Wohnprojekte und Menschen, die sich seit Jahrzehnten in un-klassischen Beziehungen umeinander kümmern. Dieses Buch ist sowohl ein Nachdenken über queere Lebensmodelle und queeres Alleinsein als auch eine Art Ratgeber, der zeigt: Es gibt viele Wege, nicht mehr einsam zu sein.
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Bewegende Biografien
S. Heller am 06.06.2026
Bewertungsnummer: 3159684
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Die zwei Haupttitel des Buches sind gleichzeitig auch die zwei großen Kapitel. Einsamkeit und Gemeinschaft. Aus der Sicht und der Biografie queerer Menschen. Als schwuler Mann in seinen 50ern (ich hoffe, ich erinnere mich hier richtig!), der in der saarländischen Provinz aufwuchs, kennt Lennart beide Themen sehr gut. Auch in seinem Buch macht er daraus kein Geheimnis. Mit dieser eigenen Biografie im Gepäck nimmt Herberhold uns mit durch Deutschland. Durch das queere Deutschland. In Dörfern und Großstädten sprach er mit 15 queeren Menschen über genau diese Themen. Menschen zwischen fünfzehn und fünfundachtzig. Die unterschiedlichsten Biografien und Identitäten betreten die Bühne. Vom schwulen Mann in seinen 60ern, der auf Grindr nach Nähe und Zärtlichkeit sucht bis hin zu einem trans Jungen, der über seine Schulzeit spricht. Jedes Kapitel bringt eine Geschichte mit, ein Thema. Dabei geht es um Einsamkeit und Gemeinschaft und um all das, was dazwischen liegt. Es ist eine Vielfalt an queeren Biografien, die nicht ohne Schmerzen, Leid, Diskriminierung auskommen. Genauso wenig, wie es ihnen an Tiefgang, an Freude, an Pride, an Wärme fehlt.
Lennart schreibt so, wie er es auch spricht. Oder vielleicht ist es andersherum. Es ist ganz unkompliziert geschrieben, liest sich wie ein Gespräch auf Augenhöhe. Wie ein vertrautes Gespräch. All die Eindrücke und Erfahrungen, die er aus den Interviews – ein eigentlich völlig unpassendes Wort für diesen einfühlsamen Austausch unter Queers – brachten mir nicht nur ein Gefühl von Nähe mit, sondern auch von Wertschätzung und Verständnis. Wir lesen vom Queersein in den 80ern, teilen die Erfahrungen mit schwulem Onlinedating, machen uns Gedanken über das queere Altwerden. Dann geht es auch um queere Wohnprojekte, um alternative Familienkonstellationen und um die queere Wahlfamilie, die einfach da ist. Dabei geht es nicht immer nur um die bloße Biografie und Erfahrungen seiner Gesprächspartner*innen. Er setzt es in Verbindung zur eigenen Geschichte, teilt Beobachtungen aus dem Alltag, spricht über die Philosophie der Einsamkeit. Dazwischen findest du Fragen und Einladungen. Er, der Autor, fragt dich. Welche Erfahrungen hast du mit Einsamkeit? Warum hast du dieses Buch gekauft? Wann hast du zuletzt Nähe gespürt? Es sind persönliche Fragen, vielleicht auch philosophische Fragen. Die Abschnitte im Buch, in denen Lennart nicht direkt mit Menschen spricht oder von seinen Konversationen mit ihnen berichtet, lesen sich wie ein nachdenkliches Tagträumen auf einer Frühlingswiese.
Dabei haben mich nicht nur die Geschichten und diese vielfältigen, beeindruckenden Personen überzeugt, sondern Lennarts offene, ehrliche und emotionale Art zu schreiben. Dennoch ist das Thema kein leichtes. Wer selbst queer ist, wird einige der Erfahrungen – schöne wie schmerzhafte – selbst kennen. Ich konnte das Buch deshalb auch nicht in langen Sitzungen lesen; zu emotional und manchmal auch schmerzhaft wäre es gewesen. Was nach der Lektüre bleibt, ist ein tiefes Gefühl von Verbundenheit mit den Menschen im Buch. Trotz – oder wegen? – der Emotionen war es jede Seite wert und könnte ich es noch einmal zum ersten Mal lesen: Ich würde es.
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