Eine baufällige Villa in Rom, eine rätselhafte Dottoressa, ein Mann auf der Couch erzählt um sein Leben: In ihrem neuen Roman »Goldstrand« fügt Katerina Poladjan Splitter des alten Europas zu einem heiter-melancholischen Bild der Gegenwart
An der bulgarischen Schwarzmeerküste entsteht in den 1950er Jahren ein Ferienort: Goldstrand, geplant als Platz an der Sonne für alle. Auf der Baustelle wird Eli gezeugt. Sechzig Jahre später hat er seine größten Erfolge als Filmregisseur längst gefeiert und liegt auf der Couch seiner Dottoressa in Rom. Er mutmaßt und fabuliert seine Familiengeschichte, die durch ein ganzes Jahrhundert und quer über den europäischen Kontinent führt, von Odessa über Konstantinopel und Warna in Bulgarien bis nach Rom.
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Hervorragendes Buch
Bewertung aus Heyerode am 16.02.2026
Bewertungsnummer: 3047784
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Für mich war dieses Buch ein Stück weit Erinnerung an meine erste Zeit, in der ich verheiratet war, wir sind gemeinsam im zweiten Jahr nach Bulgarien gefahren an die Schwarzmeerküste. Das war ein für uns damals unvergesslicher Urlaub und auch ein Glückstreffer, weil nicht jeder das Glück hatte, überhaupt einen solchen Urlaub buchen zu können.
Das Wetter, das Hotel, überhaupt das Erlebnis, dieses südliche Flair erleben zu dürfen haben wir damals extrem genossen.
Nun aber zum Buch: Wir werden versetzt an die bulgarische Schwarzmeerküste. Goldstrand ist ein Ort, der in den 50er Jahren dort entstand. Wir lesen von dieser Zeit - von der Baustelle, auf der damals unser Charakter Eli gezeugt wird.
Dann gehen wir 6 Jahrzehnte weiter. und lesen von seinem Erfolg als Fimregisseur und befinden uns nun in Rom. Wir lesen von seiner Familiengeschichte, die uns kreuz und quer durch ein Jahrhundert und durch Europa wandern lässt.
Ein dünnes Büchlein, man sollte nicht meinen, wieviel Inhalt man da reinpacken kann. Mich hat es faziniert, wie die Autorin mich mitgenommen hat. Ich finde auch die Idee gut, Eli aus seinem Leben berichten zu lassen, der Dottoressa aus dem Leben zu berichten und uns LeserInnen mitzunehmen in sein Leben, in die Zeit und die Lokalitäten.
Eli wird sehr intensiv charakterisiert, er erzählt sozusagen SEINEN Film. Sehr gut gemacht, wie diese fiktive Familiengeschichte, die fiktive Biografie mit der Historische und den gesellschaftlichen Entwicklung Bulgariens und dieser Ferienregion verbunden wird. Absolut spannend und auch literarisch interessant zu lesen.
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#heidizengerling
Der Film, den Eli niemals drehte
Kwinsu aus Salzburg am 17.11.2025
Bewertungsnummer: 2656315
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
"Ich stellte das Drehbuch fertig, fand eine Produktionsfirma, und Berlusconi wurde als Steuerbetrüger verurteilt. Das Leben war voller Hoffnung" (S. 119)
Eli ist ein egozentrischer, schrulliger Kerl, knapp über 60, mutmaßlicher Erfolgsregisseur und sein Lebensmittelpunkt scheinen seine Besuche bei der "Dottoressa" zu sein. Ihr erzählt er in fantastischen Bildern und nicht immer ganz glaubhaft seine Lebensgeschichte und seine persönlichen Qualen . Dabei nimmt er uns mit in eine bewegte Familiengeschichte: über seinen Großvater Lew, der mit seinen beiden Kindern Vera und Felix aus Moskau flieht, Vera geht dabei verloren und am bulgarischen, zukünftigen Goldstrand gelandet, will er die Hoffnung immer noch nicht aufgeben, seine Tochter doch noch zu finden. Während der Vater Lew ein karges Leben führt, verwirklicht Felix - Elis künftiger Vater - seinen Traum und wird Architekt, kehrt an den Goldstrand zurück, um ihm architektonisch zu Glanzzeiten zu verhelfen. Dort trifft er auf die Italienerin Francesca, die schließlich Elis Mutter wird. Doch da ein uneheliches Kind für deren Eltern eine Schande ist, muss Eli bei den Großeltern aufwachsen. So nimmt die erzählte Geschichte ihren Lauf und wird zu dem großen Film, den Eli niemals drehte.
Katerina Poladjan ist mit "Goldstrand" ein großartiger, sehr humoriger Roman gelungen, der einen absolut unzuverlässigen Erzähler vorweist und man so schließlich niemals weiß, was an Elis Erzählung Fantastik oder erzählerische Wirklichkeit ist. In nur knappen 160 Seiten packt die Autorin nicht nur eine bildgewaltige Szenerie, die sich tief im Gedächtnis absetzt, sondern unterschwellig auch eine zeitgeschichtliche Abhandlung vom östlichen Teil Europas bis Italien. Eli ist ein gnadenloser Blender, der sich selbst und seine Familiengeschichte groß macht. Zuerst habe ich ihm (oder vielmehr der Autorin), alles abgekauft, doch langsam und unauffällig, spitzt sich die Fantastik zu und man beginnt sich zu wundern. Höhepunkt in dieser Trügerei war für mich, als in den Therapiesitzungen mit der Dottoressa plötzlich Paolo auftaucht - und durch seine bloße Anwesenheit in den Verlauf der Therapiesitzungen eingreift. Eli wird plötzlich klein und zurückhalten und beginnt vielleicht, sich selbst zu reflektieren. So genau weiß man es aber nicht, genauso wenig, ob nun Halluzinationen, Vergesslichkeit oder bloß eine Verwunderung auftritt. Jedenfalls besinnt er sich nun mehr auf die Gegenwart, als die Vergangenheit und beginnt, sich mit seiner eigenen, gescheiterten Familie auseinanderzusetzen. Was aber niemals fehlen darf, ist der Glauben an den Film.
Die Autorin zeichnet den Charakter Elis so eindrücklich mit ihrer bildhaften Sprachkunst, dass man ihn trotz - oder vielleicht gerade aufgrund - etlicher Unzulänglichkeit einfach mögen muss. Generell ist ihr Schreibstil beeindruckend, denn er protzt nicht mit Schnörkeleien, sondern ist eingänglich und zugleich charakterstark. Die humorige Note, die im ganzen Roman an den Tag gelegt wird, wenn Eli von sich selbst spricht, ist wirklich witzig und trotzdem nimmt sie dem Protagonisten nichts an Ernsthaftigkeit, stellt ihn nicht bloß. Die Themen sind zeitgeschichtlich und politisch äußerst geschickt in die Geschichte verwoben, ohne dass sie zu sehr in den Vordergrund treten, was dem Buch eine zusätzliche Tiefe verleiht.
Mein Fazit: Goldstrand ist für mich definitiv eines meiner Lesehighlights im Jahr 2025. Wer ein humoriges, tiefgründiges und bildhaftes Buch, mit unterschwelligem zeitgeschichtlichen und politischen Kolorit mag, das zudem noch sehr eingänglich zu lesen ist, muss unbedingt zu diesem großartigen Roman greifen!
Meinung aus der Buchhandlung
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Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2026 (Belletristik)
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mit Hilfe ihres schrulligen, sympatischen Protagonisten und einer großen Portion Witz und Charme zeichnet Katerina Poladjan ein getreues Abbild der politischen Landschaft und des Treibens der Gesellschaft im Zeitgeist des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie erfindet das Rad der Literatur keineswegs neu, muss sich vor den Kolleg*innen aber natürlich auch nicht verstecken.
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