Milena Michiko Flašar erzählt von einem Schriftsteller mit Schreibblockade, der sich in eine Füchsin verliebt, von ehemals Liebenden, die aus Langeweile zu Voyeuren werden, von einer Frau, die rein medial vom Tsunami ergriffen wird, von zwei Freunden, die sich über einem ethischen Disput betrinken, oder einem passionierten Leser, dem erst der Bruder, dann die Frau auf völlig rätselhafte Weise abhandenkommen. Vom Verdoppeln und Auflösen, Verschwinden und Wegträumen, von Fluchten und Ausflüchten handeln diese Geschichten. Die Handschrift der Autorin ist unverkennbar, der Rhythmus, die Wortwahl ihres besonderen Stils. Wie in ihren Romanen studiert Milena Michiko Flašar in diesen Erzählungen verschiedene Formen von Einsamkeit und unerfüllten Sehnsüchten, erweitert das literarische Feld jedoch humorvoll und spielerisch um eine neue surreal-phantastische Ebene.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Kwinsu
aus Salzburg
4/5
21.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Sinn lässt sich suchen
"Anders als in der Fernsehserie gab es weder eine Pointe noch eine Moral noch das obligatorische Happy End." (S. 214)
Dieses Zitat aus Milena Michiko Flasars Erzählband "Der Hase im Mond" fasst vortrefflich zusammen, wie ich ihre neun Kurzgeschichten wahrgenommen habe. Ich konnte oft weder eine Moral, noch eine Pointe, geschweige denn ein Happy End finden. Das ist grundsätzlich auch nicht nötig. Der Schreibstil der Autorin ist sehr besonders, er hat mich eingenommen, auch wenn der Ablauf der Geschichten ab und an zäh und nervig daherkam. Es erfordert einiges an Geduld, eine Geschichte so hinzunehmen, ohne dass sie augenscheinlich Sinn ergibt. Das Zitat, was zum Ende des Buches aufgeworfen wird, scheint mir auch sehr bewusst dorthin gesetzt worden zu sein.
Sie setzt die Realität oft in einem schwebenden Zustand, der ab und an ins Fantastische gleitet, an. "Was ist tatsächlich geschehen?" ist eine zentrale Frage, die ich mir beim Lesen ständig gestellt habe. Die verhandelten Themen sind vielfältig und wiederkehrend: Mann-Frau- & Eltern-Kind-Beziehungen, Rollenverteilung, Verwahrlosung, Aufgabe des Alltags, Äußerlichkeiten (v.a. weiße Zähne), Gefühlsstörungen & Wahnhaftigkeiten, ein intensives sich-Hineinsteigern in unterschiedliche Beobachtungen, die Suche nach dem Selbst, das eigene Scheitern und andere Abhängigkeiten. Auch Tiere spielen immer wieder eine Rolle.
Es wäre schön, das Buch mit einer japanischen Brille lesen zu können: die Autorin hat einen japanischen Elternteil, die Geschichten spielen in Asien und wären vermutlich greifbarer, hätte man einen entsprechenden kulturellen Background. Meine Gefühlslagen zu den Erzählungen schwankte zwischen Bezauberung, Mitgerissen-sein, Abstoßung, Langeweile, Entnervung, Verwirrtheit und Begeisterung. Solche Schwankungen zu verursachen, zeugt von großem Talent, vor allem unter dem Aspekt, dass sich eine Sinnhaftigkeit der Geschichten nur selten einstellt. So alltäglich sie sein mögen, so sehr versetzen sie einen in eine andere, beinahe schon alienesque Welt. Begleitet werden die unterschiedlichen Protagonist*innen stets von philosophischen Gedankengängen. Eines steht fest: hinterher ist man keineswegs schlauer.
Mein Fazit: "Der Hase im Mond" ist eine sehr spezielle Kurzgeschichtensammlung, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Sie glänzt durch eine magische literarische Sprache, die einen in eine andere Welt zu versetzen mag. Eine Leseempfehlung spreche ich aus für alle, die es nicht stört, nach dem Lesen keinen Sinn entdecken zu müssen.
Eternal-Hope
aus Österreich
4/5
08.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Vielschichtig, verspiegelt und flüchtig
Nach mehreren Romanerfolgen wie "Oben Erde, unten Himmel" oder "Ich nannte ihn Krawatte" hat die in Österreich aufgewachsene Autorin Milena Michiko Flasar, Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters, nun eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht. Genauso wie eine der Geschichten im Buch lautet auch der Titel "Der Hase im Mond".
Es sind stille, poetische, vielschichtige Geschichten, die alle in einem japanisch geprägten Umfeld spielen und zum Teil eng mit japanischer Mythologie verbunden sind. Besonders zeigt sich das in der ersten Geschichte "Die Füchsin", in der ein unter Erfolgsdruck stehender Autor von einer Fuchsfrau besucht, inspiriert und bezaubert wird, passend zur japanischen Mythologie der Kitsune, der Fuchsgeister.
Wer die japanische Kultur tiefgehend kennt (ich gehöre nicht zu diesem Personenkreis), wird hier sicher noch viel mehr kulturelle Bezüge feststellen können, aber auch für alle anderen ist es eine interessante und leicht fremdartige Lektüre. Am Ende des Buches findet sich ein einseitiges Glossar, das die wichtigsten unbekannten japanischen Begriffe und Konzepte kurz erklärt.
In den meisten Geschichten geht es auf die eine oder andere Art auch darum, wer wir für uns selbst und für andere sind, wie etwas scheint und wie es wirklich sein könnte, was wir aufeinander und auf die Welt projizieren und voneinander und von ihr erwarten und wie wir uns in ihr und zu den Geschehnissen um uns herum positionieren. Viele der Geschichten weisen auf die eine oder andere Art fantastische, surreale oder zumindest leicht unglaubhafte Elemente auf. Die porträtierten Figuren sind oft ein bisschen verloren in der Welt, einsam oder jedenfalls distanziert und in ihrem eigenen gedanklichen Universum.
Damit empfiehlt sich das Buch für Menschen, die damit etwas anfangen können... wenn man das kann, entfalten die Geschichten aber ihren ganz eigenen Zauber, der gerade in all dem Verspiegelten, Flüchtigen und Undefinierbaren liegt. Die Geschichten spielen damit, auf vielfältige Weise interpretierbar zu sein, sodass wir uns als Lesende darin suchen, verlieren und spiegeln können.
Dramaturgisch sind die Geschichten gut aufgebaut, man ist beim Lesen jeweils sofort in der jeweiligen Geschichte drinnen, sieht die Welt durch die Augen der jeweiligen Figuren und ist gespannt darauf, wie die Geschichte weitergeht. Dabei gibt es auch so einige interessante und unerwartete Wendungen, auch wenn es sich insgesamt um ein ruhiges und poetisches Buch handelt.
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4/5
27.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Anders als in der Fernsehserie gab es weder eine Pointe, noch eine Moral, noch das obligatorische Happy End."
Das obige Zitat, das man gegen Ende des Buches finden kann, beschreibt die Geschichten in Flašars Erzählband sehr treffend - sie sind aus dem Leben gegriffene Szenen, die beim Lesen etwas mehr Aufmerksamkeit erfordern ob der vielen Fragen, die man sich dabei unweigerlich stellen wird, aber es lohnt sich! Wie schon bei "Oben Erde, unten Himmel" war ich besonders angetan vom Schreibstil und der fast schon poetischen Art und Weise, mit der die Autorin es schafft, alltägliche Geschichten in Worte zu fassen. Für mich das ideale Nachtkastl-Buch, um sich vorm Schlafen gehen noch von einem kurzen Text verzaubern zu lassen, bevor dann die eigene Fantasie im Traum übernimmt.
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