"Solange ich rede, bin ich am Leben. Solange ich fliege. Die letzte Gewissheit, die mir bleibt: Wenn ich niemals lande, werde ich nicht gestorben sein."
Es ist der 2. Juli 1937, in ihrer Lockheed Electra fliegt Amelia Earhart hoch über dem Ozean. Die Schatten der Wolken sehen aus wie Inseln. Sie steht kurz davor, als erster Mensch die Welt zu umrunden. Dies ist die schwerste Etappe.
Jo Lendle erzählt die Geschichte einer Heldin, die keine Heldin sein will. Amelia fliegt, sie schreibt, sie setzt sich für Frauen ein – ein Vorbild. Doch sie hadert mit all den Zuschreibungen, weil sie sich selbst darin nicht findet, nicht zuletzt in den Kategorien von Frau und Mann. Also hebt sie ab und lässt alles hinter sich, ohne Kompromisse.»Die Himmelsrichtungen« ist das Porträt eines ungeheuer mutigen, charismatischen, eigensinnigen Menschen. Es ist eine Liebesgeschichte mit wechselnden Beteiligten – manche erstaunlich, andere flüchtig wie Wolken. Und es ist ein Roman über die Erinnerung und wie sie sich allmählich entblättert. Jede Schicht zeigt die Vergangenheit in einem neuen Licht. Wie soll man diese Geschichte anders erzählen als rückwärts? Amelia weiß noch nicht, dass es der letzte Tag ihres Lebens ist.
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Wow - die Geschichte der Luftfahrtpionierin Amelia Earhart, grandios erzählt!
Literatursprechstunde aus Göttingen am 10.02.2025
Bewertungsnummer: 2408321
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Es liegt in deiner Hand, dein Leben in die Hand zu nehmen. Die Belohnung liegt im Vorgang selbst. Frag dich was dein Ziel ist und was die Gefahr und ob das Eine es wert ist, das Andere einzugehen. Falls ja, hör auf dir Sorgen zu machen. Wer sich Sorgen macht, reagiert langsamer, das ist erwiesen. Hamlet wäre ein schlechter Flieger gewesen.“
Mit diesen bewegenden Worten von Amelia Earhart, die sie an eine Gruppe Studenten richtete, möchte ich anfangen Euch „Himmelsrichtungen“ vorzustellen. Es erzählt die Geschichte von Amelia Earhart (1897-1937) - eine ganz besondere Frau, eine Vorreiterin, eine Pionierin der Luftfahrt. Sie war nicht nur eine begnadete Pilotin, die als erste Frau alleine über den Atlantik geflogen ist - sondern sie hat ihr Leben lang auch für die Rechte von Frauen gekämpft und sie hat sehr schöne Gedichte geschrieben. Jo Lendle rollt ihr Leben rückwärts auf quasi und erzählt in kleinen Zeitschleifen von einem Leben, das sich eigentlich mehr in der Luft abgespielt hat, als am Boden.
Amelia Earhart ist 1897 geboren und hat sich schon als Kind sehr zum Abenteuer hingezogen gefühlt. Ihr Vater war ein Trinker, deswegen hat sich ihre Kindheit hauptsächlich im Haus ihrer Großeltern abgespielt.
Als sie Anfang 20 ist, darf sie das erste Mal in einem Flugzeug mitfliegen - danach steht die Entscheidung: Sie will selbst Fliegerin werden! Mit 28 verschiedenen Jobs schafft sie es dann auch Flugstunden bei einer Pilotin zu nehmen und zu bezahlen, die sie allerdings sehr schnell in ihren eigenen Fähigkeiten überholt. Amelia ist sehr gut in dem, was sie in Flugzeugen tut. Sie kauft sich dann auch zügig ihre eigene Maschine und wird durch ihre legendäre Atlantiküberquerung 1928 mit einem Schlag berühmt.
Das Fliegen ist für Amelia Earhart mehr als ein Beruf - es ist Freiheit und es ist Macht. Bei dieser Atlantiküberquerung, diesem Überflug (den Lendle auch auf mehreren Seiten sehr eindrücklich beschreibt), sagt sie an einer Stelle:
„Ich konnte es Nacht werden lassen, oder einem endlosen Tag folgen - einfach nur, indem ich eine andere Richtung einschlug. Man eilt den Dingen voraus, oder blieb hinter ihnen zurück. Ich hatte die Zeit in meinen Händen.“
Das klingt für mich nach dem Inbegriff eines Gefühls von Freiheit und Unabhängigkeit. Das Fliegen bedeutet für Amelia eine Form von Macht und auch Ermächtigung - in einer Zeit, in der Frauen so gut wie keine Rechte hatten (im Vergleich zu Männern zumindest). Das wird zum Beispiel deutlich, als Amelia einen wissenschaftlichen Vortrag hält und die Zuhörer anschließend nur Fragen bezüglich ihrer Ehe, Kochrezepten oder ihres Kleidungsstils stellen - wer hätte schon einen Mann nach seinem Vortrag mit derlei Fragen behelligt?!
Amelia Earharts Ehe war nie das Zentrum ihres Lebens. Ihr Ehemann musste ganze sechs Mal um ihre Hand anhalten, bis sie endlich „Ja“ sagte und das auch nur unter der Bedingung, dass er ihr den Freiraum einräumt, fliegen zu dürfen - wohin ihr beliebt und natürlich auch soviel ihr beliebt.
Das Buch beruht zu großen Teilen auf Fakten, die der Autor akribisch recherchiert hat, aber es gibt auch (äußerst gelungene!) fiktive Elemente, wie den Umstand, dass Amelia Earhart sich zu Frauen hingezogen fühlte und eine Art Beziehung zu Eleanor Roosevelt unterhielt. Es gibt in diesem Zusammenhang eine (Sex-) Szene, in der die beiden Frauen zusammen im Bett liegen und diese ist so wundervoll beschrieben, wie ich es nie zuvor aus der Feder eines Mannes gelesen habe - großartig, Jo Lendle! Er verleiht dem doch für die damaligen Zeiten umgewöhnlichen Umstand, dass zwei Frauen miteinander im Bett lagen, eine solche Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht.
Ich bin wirklich zutiefst beeindruckt, mit wieviel Fingerspitzengefühl sich Jo Lendle Amelia Earhart angenähert hat und welche Verbindung er offensichtlich zu ihr aufgebaut hat in seiner Recherche. Er beschreibt sie ebenso kraftvoll wie behutsam. Sie wirkt dadurch absolut lebendig und zum Greifen nah, gleichzeitig fehlt es auch nicht an humoristischen Nuancen. Was muss sie nur für eine mutige, schlagfertige Frau gewesen sein! Ich habe das Buch Mittags begonnen zu lesen und (mit ein paar Unterbrechungen) habe ich es Abends beendet. Es war für mich total kurzweilig und auch auf eine besondere Art motivierend. Jo Lendle nimmt uns gekonnt mit auf eine Reise durch ein außergewöhnliches Leben - von dem man leider nicht genau weiß, wie es geendet ist. Das ist ein ebenso schöner, wie dramatischer Umstand, denn vor ihrem letzten Flug, ihrer Weltumrundumg, bei der sie verschollen ist, hat Amelia gesagt:
„Frauen müssen Dinge wagen, wie Männer sie gewagt haben. Wenn sie scheitern, wird ihr Scheitern eine Herausforderung für andere sein.“
Diese quasi Abschiedsworte haben mich mit dem Wissen, dass sie danach nie wieder aufgetaucht ist, total berührt.
Jo Lendle erzählt mit einer solchen Leichtigkeit und handwerklich versiert, dass ich in einen wahren Lesesog geraten bin - gibts was Schöneres für uns Literaturjunkies?! Dieses Buch ist, obwohl es eine Geschichte erzählt, die lange her ist, keinesfalls aus der Zeit gefallen - es ist so im Jetzt, wie es manche Gegenwartsliteratur nicht ist!
Federleicht nimmt uns der Autor mit durch die Biografie einer echten Pionierin in Sachen Frauenrechte und Feminismus.
Amelia Earhart war nicht nur eine wichtige Persönlichkeit für ihre Zeit, sie sollte es auch für uns sein - ich habe so viel persönlich aus „Himmelsrichtungen“ mitgenommen und möchte Euch ihre Geschichte und dieses Buch ans Herz legen. Man muss kein besonderes Faible für Flugzeuge oder die Fliegerei haben, um dieses Buch zu lieben! Unbedingter Lesetipp!
Eine Zeitreise mit einer starken Frau im Zentrum
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 08.10.2024
Bewertungsnummer: 2312095
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mir hat das Buch „Die Himmelsrichtungen“ ganz gut gefallen. Der Schreibstil des Buches ist sehr angenehm. Die Geschichte von Amelia Earhart wird auf eine spezielle Art und Weise erzählt, anhand ihrer eigenen Aufzeichnungen und in umgekehrter Reihenfolge. Das Buch startet mit ihrer Gegenwart, welche die Schwierigkeiten aufzeigt, welche sie als Frau erlebt hat, und endet in ihrer Kindheit, wo man mehr über ihre Motivation zum Fliegen lernt. Empfehlenswert ist es, schon etwas über sie zu wissen, bevor man dieses Buch in die Hand nimmt, da es sonst durch die spezielle Erzählweise verwirrend wirken kann.
Meinung aus der Buchhandlung
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Biographien sind zumeist gut zu lesen. Dies zeigt sich im Besonderen, wenn die handelnde Person eine faszinierende Persönlichkeit darstellt. Eine Biographie verpackt in einem Roman bietet Möglichkeiten, das Leben solcher Persönlichkeiten aufzuzeigen. In diesem Werk ist dies aber leider misslungen.
Amelia Earhart ist nicht die erste Frau, die es wagt ein Flugzeug zu steuern. Sie ist aber in vielen anderen Dingen eine Pionierin. Schreibt man ihr doch die erstmalige Überquerung des Atlantik von Amerika nach Europa ohne Zwischenlandung zu. Eine Frau, die sich wahrlich nie als Kämpferin für Frauenrechte hält und auch nicht so gesehen werden wollte. Trotzdem gelingt es ihr an vielen Fronten doch einigermaßen erfolgreich zu sein, wenn auch ungewollt. Bei einem Wettfliegen amerikanischer Pilotinnen erreicht sie gemeinsam mit ihren Mitbewerberinnen, dass weiblichen Pilotinnen gleiche Rechte zuteil werden wie deren männlichen Kollegen. Sie brauchen demnach keineswegs begleitet, beschützt und angelernt werden.
Sie hält Vorträge und verkehrt in höchsten Kreisen, verbringt sogar eine Nacht mit der Präsidentengattin Eleanor Roosevelt. Sie heiratet, trennt sich wieder und vermählt sich erneut. Und sie beschließt, die Welt mit dem Flugzeug zu umrunden. Eine fatale Entscheidung, denn dieser Flug wird ihr das Leben kosten. 1937 kehrt Amelia Earhart von ihrem Flug nicht zurück. Sie und ihr Begleiter Fred Noonan gelten seither als vermisst und wurden wenig später für tot erklärt. Seit diesem Zeitpunkt gab es immer wieder Versuche sie zu finden. 2019 unter dem amerikanischen Meeresarchäologen Bob Ballard wurde der bisher letzte Suchtrupp beauftragt.
Jo Lendle erzählt die Geschichte der Flugpionierin Amelia Earhart in Ich-Form. Eine Erzählweise, die mich bei dieser außergewöhnlichen Lektüre sehr irritiert hat. Er maßt sich an, Gedanken und Gefühle seiner Leser zu kennen. Dies mag bei einem fiktionalen Roman funktionieren, bei einer Biografie finde ich es befremdlich. Und er erzählt diese Geschichte in losen Episoden. Eingeschoben in eine Chronologie der letzten Tage und Stunden dieses verhängnisvollen Fluges. Diese Rückblicke hinterlassen eine Leere ohne Erklärung, ohne Erläuterung. Wegbegleiter treten zutage, die ihrem Umfeld zuzuordnen sind. Einige davon stehen ihr nahe, andere missachtet sie. Wer diese Personen sind bleibt weitgehend offen und unbeantwortet. Namen tauchen auf und treten wieder in den Hintergrund. Das Schicksal dieser Menschen bleibt rätselhaft.
Diese Art des Rückwärtserzählens lähmt auch jede Spannung. Dazu erwähnen diese Rückblicke oft Ereignisse, bei denen man sich fragt, warum der Autor gerade von diesen berichtet. Er verliert sich zunehmend in Nebensächlichkeiten. Monotone Schilderungen wie sie sich
beispielsweise im Kuchen backen versucht oder ihre Körperpflege beschreibt vermögen den Leser wahrlich nicht zu fesseln. Dazu die blitzlichtartigen Episoden, die wie zerrissen und zusammenhanglos wirken.
Mich konnte dieser Roman leider nicht wirklich überzeugen. Diese Frau hätte aber aufgrund ihres spektakulären Lebens eine spannendere Umsetzung in einen biografischen Roman verdient.
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