Paris, eine Stadt der Lichter - doch für Malte Laurids Brigge ist sie ein Ort der Schatten. In engen Gassen und dunklen Zimmern wandert er umher, ein Heimatloser in einer Welt, die ihm fremd geworden ist. Mit scharfen, fast fiebrigen Beobachtungen hält er seine Eindrücke fest: das Verfallen der Stadt, das Echo vergessener Geschichten, das Ringen mit der eigenen Vergangenheit. Rainer Maria Rilke entwirft in diesem einzigartigen Werk keinen klassischen Roman, sondern eine poetische Reflexion über das Leben, den Tod und die Kunst. Maltes Aufzeichnungen sind Fragment und Bekenntnis zugleich, eine innere Reise in die Tiefen der menschlichen Existenz. Mit einer Sprache, die zwischen Melancholie und Vision changiert, wird die Grenze zwischen Wirklichkeit und Vorstellung durchlässig - und wir blicken gemeinsam mit Malte in den Abgrund der Seele. Wer dieses Buch aufschlägt, betritt eine Welt, die auf die Kraft des Denkens und Fühlens setzt. Es ist eine Herausforderung, eine Einladung - und vielleicht ein Blick in die eigene innere Dunkelheit. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) ist Rilkes einziger Roman - doch es ist kein Roman im klassischen Sinne. Vielmehr handelt es sich um eine poetisch-philosophische Prosadichtung, in der Erinnerungen, Reflexionen und Beobachtungen ineinandergreifen. Der junge Adlige Malte Laurids Brigge, der nach dem Tod seiner Eltern nach Paris zieht, schildert seine Eindrücke der Großstadt: Armut, Krankheit, Vergänglichkeit - Themen, die ihn zutiefst beunruhigen. In tagebuchartigen Aufzeichnungen setzt er sich mit der Einsamkeit, der Angst vor dem Tod und der Suche nach Identität auseinander. Gleichzeitig kehren Erinnerungen an seine Kindheit in Dänemark zurück, durchdrungen von Familiengeschichten und unheimlichen Erlebnissen. Das Werk ist stark von den eigenen Erfahrungen in Paris geprägt und spiegelt seine Auseinandersetzung mit der existenziellen Einsamkeit des modernen Menschen wider. Ohne klare Handlung, aber voller intensiver Bilder, ist es ein zutiefst persönliches Werk über das Sehen, das Erinnern - und das Ringen um eine Wahrheit, die sich stets entzieht.
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Die Verwirrungen des Malte Laurids Brigge
C. Welser aus Salzburg am 18.09.2017
Bewertungsnummer: 274162
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Rilke gelingen in seinem einzigen Prosaroman vielfältige, interessante Beobachtungen in gewohnt poetisch und feinfühliger Sprache, die diesen Roman der literarischen Moderne besonders aufwerten. Trotz Ruhe und Konzentration, die für dieses Buch vonnöten ist, sehr sehr lesenswert.
Der Lyriker als Romancier…
Bories vom Berg aus München am 24.08.2015
Bewertungsnummer: 2708417
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Der Lyriker als Romancier Rainer Maria Rilke selbst hat «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» als Prosabuch bezeichnet, nicht als Roman. Im Brockhaus wird der Roman definiert durch «die individuell gestaltete Einzelpersönlichkeit, die einer als problematisch empfundenen Welt gegenübertritt», und genau dieses Charakteristikum findet sich hier in der fiktiven Figur des dänischen Poeten, der einem aussterbenden Adelsgeschlecht angehört und als armer Dichter in Paris seinen Weg sucht - also doch ein Roman! Es ist der einzige, den der Lyriker Rilke geschrieben hat, ganz unter dem Eindruck seines Aufenthaltes in der damals drittgrößten Stadt der Welt, sein Roman wurde 1910 veröffentlicht. Im ersten Teil der fragmentarischen, aus 71 Aufzeichnungen bestehenden Erzählung berichtet der 28jährige Malte als eine Art Tagebuchschreiber von seinen Pariser Erlebnissen und den schockierenden Eindrücken, der Moloch Großstadt steht jedenfalls in krassem Gegensatz zu seiner Kindheit in einer wohlbehüteten ländlichen Welt. Er schildert die Menschenmassen und das unsägliche Elend, das mit der Industrialisierung einhergeht. Verfall, Krankheit und Tod scheinen allgegenwärtig, ständig begegnen ihm nie gesehene Aussätzige, Krüppel, übelste Gerüche verfolgen ihn auf seinen Streifzügen, - in seinem Eckel ist ihm die Bibliothek einzige Zufluchtsstätte im Paris des Fin de Siècle. Seine Kindheitserinnerungen im zweiten Themenkomplex sind geprägt von hochherrschaftlichen Wohnsitzen mit großen Zimmerfluchten, dunklen Ölgemälden mit den Portraits der Vorfahren, steifen Essensritualen im Kreise der Familie, sogar der Spuk einer vor hundert Jahren gestorbene Ahnfrau fehlt da nicht, sie erscheint gelegentlich in weißem Kleide und durchquert das Esszimmer, zum Schrecken aller. Und ganz verschlüsselt schimmert auch eine verbotene Liebe durch in den Jugendbildern, von denen Malte in nicht chronologischer Folge berichtet. Ergänzt wird all dies durch Reflexionen über historische Ereignisse, denen zu folgen, deren Anspielungen zu verstehen, den Normalleser deutlich überfordern dürfte, bei mir war es jedenfalls so. Ob da von längst verblichenen Königen oder edlen Damen die Rede ist, vom Papst in Avignon, von antiken Gestalten, hundert Jahre nach Erscheinen des Romans dürfte dem heutigen Leser oft der adäquate Verständnishintergrund fehlen. Einfacher ist es da und auch ergiebiger, Rilkes Gedanken über Grundfragen menschlichen Lebens zu folgen, die Frage nach Gott, die eigene Identität, Schicksal, Liebe, Angst, Tod, aber auch Gesellschaft, Kunst und Sprache natürlich, die Benennung von Geschehnissen und Dingen also, deren pure Existenz ohne die Sprache ihm fraglich erscheint. Und damit sind wir genau bei dem, was diesen Roman auszeichnet, die unglaublich feinfühlige, tiefgründige Sprache nämlich, die ihresgleichen sucht in der deutschen Prosa, kurzum subtil Erzähltes, gemeinhin als Prosagedicht bezeichnet. Hier wird nicht blumig in Worten geschwelgt wie bei manchen Großschriftstellern, nicht maßlos ausufernd wie bei seinem Zeitgenossen Proust zum Beispiel, Rilke entwirft im Gegenteil in knappen Worten einen ganzen Kosmos an Gedanken. Die Dichte seiner Prosa ist atemberaubend, er war der sensible Poet, der «unter dem Sichtbaren nach dem Äquivalenten suchte für das innen Gesehene», und was wir als Ergebnis bei ihm lesen ist äußerst komprimierte «Schmucksprache» im besten Sinne des Wortes. Als einer der Wegbereiter der literarischen Moderne verwendet Rilke Montagetechniken, setzt den Bewusstseinsstrom ein, sogar ein fiktiver Herausgeber findet sich, personifiziert durch gelegentlich eingestreute Randnotizen im Manuskript und verschiedene Fassungen im Anhang. Auch wenn wir nicht alles erfahren über Malte, an dieser oder jener Verständnisklippe scheitern, dieser Roman ist ein sprachliches Fest für entsprechend orientierte Leser mit Muße für ihre Lektüre, vielleicht sogar mit der seltenen Geduld, ein schwieriges, aber wichtiges Werk auch mehrmals zu lesen.
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