Mit seinen Essays gelingt Karl-Markus Gauß ein kenntnisreiches und leidenschaftliches Plädoyer für die universalen Werte der Aufklärung. Seine Beschäftigung mit der jüdischen Geistesgeschichte, den Versäumnissen zeitgenössischer Gedenkpolitik, intellektueller Selbstzufriedenheit und nicht zuletzt dem neuen Antisemitismus leistet eine ebenso umfassende wie fundierte Kritik an den herrschenden Zuständen.
Sein neuer Essayband vereint nuancenreiche Porträts wenig bekannter Gestalten der jüdischen Geistesgeschichte in Österreich, Polen, Litauen, Triest mit »ungeordneten Aufzeichnungen«, in deren Zentrum der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und sein Fortdauern stehen.
Es sind Texte wider den Zeitgeist, die überzeugend darzulegen vermögen, dass der Antisemitismus von jeher eines anstrebt: eine Welt ohne Juden.
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5.0/5.0
Sonja
aus Hallein
5/5
19.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gegenmittel bei selbst verschuldeter Unwissenheit
Bereits im Titel des ersten Essays, „Das umjubelte Massaker“, nimmt Karl-Markus Gauß Inhalt und Ziel des Bandes vorweg, nämlich zu erklären, was zum steigenden Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 geführt hat; er tut dies ohne Anklage oder Vorwürfe, aber auch ohne Rücksichtnahme auf eventuelle Befindlichkeiten aus verschiedensten Richtungen. Vor allem im letzten Essay rechnet der Autor schonungslos mit der selbstverschuldeten Unbildung innerhalb der sogenannten Bildungselite ab: „Sie wissen nichts, das macht sie so unbeirrbar. Sie haben keine Ahnung, daraus beziehen sie ihre Überzeugung. Ihre Unwissenheit darf man ihnen nicht nachsehen, denn sie ist selbstverschuldet.“ (S. 95)
In den 10 Essays dazwischen lesen wir vom Pogrom von Jedwabne in Polen, über das 60 Jahre lang geschwiegen wurde, um eventuelle Mittäterschaften nicht eingestehen zu müssen, und über eine angebrachte Form des Gedenkens, ebenso wie über Minderheiten, wie dem slowenischen, in Triest aufgewachsenen Autor Boris Pahor.
Anhand der Biografien jüdischer Wiener werden die Umbrüche Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärt und der soziopolitische Hintergrund aufgezeigt, vor dem Herzls Der Judenstaat verfasst wurde, und diese Kapitel sind somit besonders heute und für jeden Österreicher eine Pflichtlektüre. Gauß reflektiert über die erschreckende Aktualität der Essays von Jean Améry im woken Hass auf alle Menschen, die „als Juden `gelesen`werden“ (S. 31). Berühmte Autoren, wie der Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer, werden ebenso angeführt wie zu Unrecht vergessene, wie Grigori Kanowitsch. Mit Hugo Bettauers 1922 verfassten Roman Die Stadt ohne Juden wird über den heute auf Demonstrationen und in sozialen Medien wiederholt geäußerten Wunsch nach einer Vertreibung aller Juden (wohin?) reflektiert.
Nicht alle Israeli sind Juden, nicht alle Juden sind Zionisten, und nicht alle Zionisten leben in Israel. Diesen Satz habe ich vor einiger Zeit in einem Forum gelesen. Karl-Markus Gauß erklärt und analysiert diese Zusammenhänge in seinen Essays auf seine Weise, von Judith Butler über die Demonstrationen seit dem 7. Oktober, wenn nötig auch mit beißendem Zynismus.
Viele kennen und schätzen die klugen, in pointierter Sprache verfassten Essays von Karl-Markus Gauß. Für andere kann dieser Essayband ist ein Gegenmittel sein, das jeden Leser aus seiner selbst verschuldeten Unwissenheit herauszuführen vermag. Voraussichtliche Nebenwirkungen der Lektüre sind der Weg zur nächsten Buchhandlung und die Bestellung einiger der zitierten Bücher.
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