Eines der wichtigsten Bücher der deutschsprachigen Exil-Literatur Hamburg 1933: Nach acht Wochen auf See kehrt der Dampfer Kulm in seinen Heimathafen zurück. Die sozial wie weltanschaulich ungleiche Besatzung des Schiffes findet sich in einem radikal veränderten Land wieder: Die Nationalsozialisten sind an der Macht und herrschen mit Gewalt und Willkür. Die Mannschaft muss sich dem brutalen neuen Gesicht Deutschlands stellen. Zwischen politischen Spannungen, persönlichen Konflikten und der Suche nach einem Platz in einer unbarmherzigen Gesellschaft entfaltet sich eine mitreißende Erzählung über Identität und den Kampf um das Überleben. Der Journalist und Schriftsteller Heinz Liepman (1905-1966) schilderte in packenden Episoden die Konfron- tation mit den neuen Machtverhältnissen. Liepman widmete seinen 1933 erschienenen Roman »den in Hitler-Deutschland ermordeten Juden«.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
lielo99
aus Bad Münstereifel
5/5
07.02.2025
eBook (ePUB 3)
"Jude sein ist nicht Gesinnung, sondern Schicksal"
Am 2. Weihnachtstag 1933 verließ das Schiff „Kulm“ den Hamburger Hafen. Am 28. März 1933 kommt es zurück. Nichts mehr ist so wie es war. Der Smutje heißt plötzlich nur noch Jude und auf den anderen Schiffen weht die Fahne der Nationalsozialisten. "Das Vaterland" beschreibt sehr drastisch, wie es den Heimkehrern zumute war.
Brutale Männer schlagen und treten alle, die sich ihnen in den Weg stellen. Sie gehören der „Hilfspolizei“ an und haben Narrenfreiheit. Sie haben die Macht. Das Denunzieren ist an der Tagesordnung. Jeder verrät jeden und das nur, weil er sich damit einen Vorteil verschaffen wollte. Dass die Opfer immer wieder in das KZ Wittmor gebracht wurden und dort Folter hinnehmen mussten, das war den Denunzianten egal. Viele der hier inhaftierten kamen niemals zurück zu ihren Familien. Sie starben durch Hunger, Durst und Folter.
Heinz Liepman war Schriftsteller und Journalist. Bei der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war er 28 Jahre alt. Leider war er jüdischen Glaubens und wurde nur aus diesem Grund von den Nazis verfolgt. Er musste fliehen. Ein ausführliches Nachwort von Wilfried Weinke beschreibt den Lebenslauf Liepmans und die Hetze gegen ihn und seine Bücher. Als Antifaschist musste er sich in Deutschland ständig vor Übergriffen schützen und konnte seine Schriften nicht veröffentlichen. So ging es vielen und die unsägliche Bücherverbrennung ist nur ein Beispiel für die Verfolgung dieser Autoren.
Shilo
aus Ulm
5/5
05.02.2025
eBook (ePUB 3)
Beeindruckend
Heinz Liepman (1905-1966) erzählt die Geschichte der Besatzung des Dampfers „Kulm“, welche nach dreimonatigem Aufenthalt auf See Ende März 1933 in ihren Heimathafen Hamburg zurückkehren. Die Männer haben von den Ereignissen und Geschehen in Deutschland und der Veränderungen seit dem Regierungsantritt der Nazis im Januar, auf See nichts erfahren. Beschrieben werden die mannigfachen Reaktionen der Besatzung. Da gibt es über die bestehende Gewalt Ungläubigkeit und Widerstand, jedoch auch Sympathie für die Bewegung der Nationalsozialisten.
Ausführlich beschreibt der Autor das Verhalten des Kapitäns und der einzelnen Mitglieder seiner Mannschaft, nachdem sie das Schiff verlassen haben. Wie sie das Verhalten der Nazis und der Bevölkerung mit ihren Ängsten und den allgemeinen Wandel wahrnehmen. Auch wird der Alltag im Konzentrationslager Wittmor bei Hamburg bildhaft geschildert. Der Schreibstil ist dokumentarisch ausgearbeitet. Erschreckende Geschehen, die mir bisher unbekannt waren, werden glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt. Im Anschluss an den Roman gibt es noch eine interessante Biografie des Schriftstellers.
Dieses Pamphlet, wie Heinz Liepmann dieses Buch bezeichnet, hat mich tief beeindruckt. 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Buchbesprechung
aus Bad Kissingen
4/5
05.02.2025
eBook (ePUB 3)
Historisch authentisch und interessant
REZENSION – Im Juni 1933, fünf Monate nach Hi*lers Machtergreifung, floh der damals 27-jährige jüdische Schriftsteller und Journalist Heinz Liepman (1905-1966) nach Paris. Er hatte unter anderem mit Artikeln in der „Weltbühne“ und im „Hamburger Echo“ vor den Nazis und deren Antisemitismus gewarnt, weshalb seine drei auch international beachteten Romane vom Regime im April verboten und öffentlich verbrannt worden waren und er selbst bedroht wurde. Im Exil schrieb er sofort seinen Roman „Das Vaterland“, der schon im November 1933 bei einem Amsterdamer Verlag auf Holländisch und Deutsch erschien. Diesen „Tatsachenroman aus dem heutigen Deutschland“, einen der ersten deutschsprachigen Exilromane, gibt es nun seit Februar in kommentierter Neuausgabe beim Pendragon Verlag.
Darin schildert Liepman in einer Mischung aus fiktiver Handlung, eigenem Erleben, in die Handlung eingearbeiteten Schicksalen realer Hamburger Einwohner sowie damaligen Meldungen in Hamburger Lokalzeitungen sehr authentisch den Alltag einfacher Menschen in seiner Heimatstadt Hamburg von März bis Juni 1933 unter der Nazi-Diktatur. Am Beispiel von Einzelschicksalen schreibt er – wie es im umfassenden Nachwort des Herausgebers und Liepman-Biografen Wilfried Weinke heißt – „über die Veränderungen im privaten, sozialen und politischen Leben, die dazu führten, dass Familienbande zerrissen, Menschen zu Unpersonen, Recht- und Wehrlosen wurden“.
Nach acht Wochen auf hoher See kehrt der Fischdampfer Kulm nach Hamburg zurück. „Drei Monate war die Kulm unterwegs. Funkenbude gibt’s nicht, einen Hafen haben wir nicht angelaufen. … Was inzwischen in der Welt geschehen ist, wissen wir nicht. Wie sollten wir auch? Und warum?“ Zwar stehen die einzelnen Besatzungsmitglieder weltanschaulich und politisch unterschiedlichen Strömungen nahe, doch an Bord spielte Politik keine Rolle. Dies ändert sich nun abrupt während der Tage an Land. Die Nationalsozialisten herrschen mit Gewalt und Willkür. Episodenhaft zeigt der Autor, wie sich nun jedes Besatzungsmitglied seinen Platz in der veränderten Gesellschaft suchen, sich im Kampf um Leben und Überleben positionieren muss.
Es sei „kein Roman, sondern ein Pamphlet“, heißt es in Liepmans Vorwort aus September 1933. Er schildert Vorfälle, deren Zeuge er selbst oder Freunde von ihm waren. Er wollte mit seiner Erzählung „die Menschen der Länder, in denen dies Buch erscheint“, informieren. Sie „sollen wissen, wie der äußerlich so bestechende Nationalsozialismus in der alltäglichen Wirklichkeit aussieht“. In seiner literarischen Anklage prangerte der Autor auch die Gleichgültigkeit mancher Landsleute an, die Schreckensmeldungen nicht akzeptieren wollten und vor alltäglicher Gewalt und Willkür – sei es aus Angst oder aus Opportunismus – die Augen verschlossen oder sich den Nazis leichtgläubig anschlossen: „Milchhändler und Barbiere, Strichmädchen und Studenten. Sie alle erhofften bessere Zeiten und wollten schrecklich gerne an jemanden glauben, der ihnen alles versprach.“ Sogar unter deutschen Juden war anfangs noch Sorglosigkeit auszumachen: „Werte Dame, Sie erzählen hier Gräuelmärchen. Ich bin auch Jude. Aber weder mir noch meiner Familie hat irgendjemand etwas getan. Der Hi*ler weiß schon, was er will. … Passen Sie auf, in vier Wochen hört man nichts mehr von Antisemitismus in Deutschland.“
Liepmans Roman ist kein literarisch oder intellektuell anspruchsvolles Werk und kann es als „Pamphlet“ und „Tatsachenroman“ auch nicht sein. Es ist eine fast dokumentarische, in jedem Fall authentische und in einfacher, jedermann verständlichen Sprache verfasste und beklemmende Erzählung, die seine damaligen Leser aufrütteln sollte. Liepman verzichtet auf sentimentale Dramatisierung oder heroische Überhöhung, wodurch die Unsicherheit und Ängste seiner Protagonisten sowie die Gräuel jener Zeit noch wirkungsvoller zur Geltung kommen.
Mag der über 90 Jahre alte Roman vielleicht den heutigen Ansprüchen literarisch nicht mehr unbedingt entsprechen, so sind doch die darin behandelten Themen – Mitläufertum, ideologische Verblendung und moralische Verantwortung sowie die Fragen, wann Schweigen zur Schuld wird und welche Verantwortung jeder Einzelne für das gesellschaftliche und politische Geschehen trägt – allerdings zeitlos. Nicht ohne Grund appellierte deshalb Schriftsteller Heinrich Böll in seinem Vorwort zur 1979 veröffentlichten Neuausgabe des Romans an den jüngeren Leser „sich vorzustellen, was es bedeutet hat, unter dieser Schreckensherrschaft zu leben und zu überleben, er mag sich vorstellen, was über Nacht passieren konnte.“ Diesen Worten ist auch in heutiger Zeit nichts hinzuzufügen angesichts des wieder erstarkenden Rechtsextremismus und Antisemitismus. So ist die aktuelle Neuausgabe des leicht lesbaren Romans „Das Vaterland“, dessen dokumentarischer Stil den erfahrenen Journalisten in Heinz Liepman erkennen lässt, nicht nur erwachsenen, sondern vor allem jungen Lesern als historisch informative und warnende Lektüre zu empfehlen.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.