Ayelet Gundar-Goshen inszeniert einen inneren Konflikt, der die Figuren und Lesenden gleichermaßen in seinen Bann zieht. Und sie schafft davon ausgehend ein packendes Psychodrama über Schuld und Rache, über die Flucht vor Verantwortung und über Mitgefühl, das sich an unerwarteten Orten zeigt.
Naomi ist nicht begeistert, als sie sich allein mit ihrem einjährigen Sohn Uri und einem arabischen Handwerker in ihrer Wohnung in Tel Aviv wiederfindet. Ihr Mann Juval hat ihn mit der Renovierung ihres Balkons beauftragt, während er selbst bei der Arbeit ist. Sie fühlt sich unwohl in der Präsenz des fremden Mannes, zumal Uri eigentlich seinen Vormittagsschlaf halten sollte und allmählich quengelig wird. Während sie Kaffee zubereitet, entsteht plötzlich auf der Gasse vor dem Haus ein Aufruhr, ein Teenager ist von einem herabstürzenden Hammer erschlagen worden. Naomi wird schnell klar, dass ihr Sohn den Hammer in einem unbeaufsichtigten Moment vom Balkon gestoßen haben muss. Doch der Verdacht fällt nicht auf die israelische Familie, sondern auf den arabischen Arbeiter. Als er wenig später zum Verhör abgeführt wird, ist Naomi wie gelähmt, es gelingt ihr nicht, die Wahrheit zu sagen.
Eine Geschichte, die mit einer harmlosen Tasse Kaffee beginnt, wird zu einer gefährlichen Tour zwischen Stadt und Dorf, bei der keiner der Beteiligten so bleibt, wie er war.
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Flucht nach vorn - nutzlos!
speedy208 (Mitglied der Book Circle Community) am 21.11.2025
Bewertungsnummer: 2659901
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein modernes Sittengemälde der heutigen Zeit - aus Israel. Aber das hätte überall spielen können, denn Vorurteile sind an kein Land gebunden. Am Anfang war ich gar nicht begeistert - das Einzige, was mir gefiel, war eben das Cover mit dem Schwan. Und als ich die ersten Seiten las, dachte ich: “Oh nein, ein Baby, seine Mutter und der Handwerker!” Aber dann bekam das Buch Action, Spannung und man konnte es nicht mehr weglegen. Der Schwan als Symbol der Aufrichtigkeit, des Stolzes, der Reserviertheit, aber auch der Aggressivität, wenn man ihm zu nahe kommt.
Der Stein des Anstosses war eben das Kurz-aus-den-Augen-Verlieren ihres knapp anderthalbjährigen Sohns der jungen Mutter Naomi. Damit wurde quasi eine unglückliche, verhängnisvolle Lawine an Missverständnissen ausgelöst, die schliesslich die junge Familie ins Ausland - sprich Afrika - “fliehen” liessen, um der Schmach, der Scham, der Schuldgefühle zu entgehen. Das half zwar nur vordergründig, aber die Schuld blieb.
Der kleine Uri krabbelt Richtung Balkon, wo der arabische Handwerker seine Werkzeugtasche offen liess. Dieser ist kurz ausgetreten, Balkon und Tasche unbeaufsichtigt, das Baby neugierig, stösst irgendwie an einen Hammer, der sich Richtung Brüstung absetzt und 4 Stockwerke runterfällt. Ausgerechnet auf den Kopf eines 16jährigen russischstämmigen Jungen, der blau macht, also die Schule schwänzt, der Sohn eines Gemüsehändlers um die Ecke. Dieser stirbt, die Passanten schreien, schauen nach oben, wissen, dass da ein arabischer Handwerker tätig ist. Die Ambulanz kommt, der tödlich getroffene Junge wird mitgenommen und die Nachbarn reden von “Terroristen”. Zufällig kommt der 10jährige Sohn des Handwerkers vorbei und wird - als Araber - sofort attackiert, obwohl er nur seinem Vater, dem Handwerker, sein Mittagessen vorbeibringen wollte. Uris Mutter Naomi ist sich bewusst, wer schuld war am Unfall, informiert zwar ihren Mann Juval, der bald kommt, aber nicht die Polizei, der sofort auftaucht und den unschuldigen arabischen Familienvater verhaftet. Die Spannung wächst, die Umgebung ändert und man spürt deutlich die Vorurteile der Juden (in Israel) gegenüber ihren arabischen Landsleuten, die Sündenböcke für alles, quasi der Abschaum, mit dem man nichts zu tun haben will, man ist ja um vieles besser als diese “Terroristen”.
In Afrika ist Naomi zum Nichtstun verdammt, freundet sich in der jüdischen und der englischen Community mit anderen an, während Uri nach dem Vorfall zuhause Alpträume hat, die er nicht erklären kann, weswegen die Eltern eine jüdische Psychologin aufsuchen. Diese kann zwar helfen, aber sie und Juval, der Ehemann, sind alte Vertraute, sie war seine Geliebte. Wieder ein Spannungspunkt. Nachdem sein Sohn “geheilt” ist, lässt sich Juval behandeln. Naomi stattdessen macht Freiwilligenarbeit in einem Kinderheim, wo sie eine reiche, arrogante Afrikanerin kennenlernt, die Naomi wiederum von oben herab behandelt (“diese Weissen”). Obwohl sie sich dann anfreuden, endet die Freundschaft abrupt nach einem verhängnisvollen Essay der Afrikanerin, die in London studiert hat, im “Guardian”, weswegen Juval quasi wieder pseudoversetzt wird. Und immer wieder bekommt das Ehepaar Drohbriefe und -anrufe aus Israel. Dabei hat sich ja vor ihrem Umzug nach Afrika ja das Missverständnis geklärt, aber der älteste Sohn des arabischen Handwerkers fordert Schadenersatz, tyrannisiert die Familie - auch aus der Ferne.
Atmosphärisch sehr gelungener, bedrückender Roman, wo Religion, Tradition, Politik, Vorurteile, Bildung, Klassendenken spürbar wird - ob in dieser oder jener Richtung. Hätte nicht erwartet, dass mich das so packt.
Tiefe Abgründe
TontoM aus Luxemburg am 17.09.2025
Bewertungsnummer: 2599255
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dem Leser tun sich bei der Lektüre unerhörte Abgründe auf. Wie gehen wir mit unserer Hilflosigkeit und Verletzlichkeit und den damit verbundenen Ängsten um? Fünf Minuten der Unaufmerksamkeit verändern und zerstören einige Leben. Fremde Menschen begegnen sich erstmalig, oder vertraute Freunde treffen nach langer Zeit unerwartet wieder aufeinander und versuchen, an die verlorene Nähe anzuknüpfen.
Die Psychologin AGG trifft den Leser sehr tief, wenn er sich der Frage stellen muss, warum sind uns manche Kinder so unsympathisch und wann und warum werden Kinder böse. Der Höhepunkt des Buches läuft jedoch auf die Schilderung eines Tabubruches (S. 253 ff.) hinaus, den die meisten von uns nicht einmal zu denken wagen. Wie weit zensiert man sich gedanklich selbst?
Ich fand den Kontext der Handlung herausfordernd: die tief gespaltene israelische Gesellschaft mit ihrer Chancenungleichheit, die israelische Militärhilfe in Afrika oder historische Bezüge zum Ugandaplan der Briten.
AGG hat wieder ein starkes Buch geschrieben, in dem es um Vertrauen und verlorenes Vertrauen geht.
Meinung aus der Buchhandlung
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Ein packender und aufwühlender Roman, in dem es um Schuld und deren Auswirkungen geht: Am Anfang steht die Schuld einer Mutter, deren kurz unbeaufsichtigt gelassenes Kind einen Unfall mit Todesfolgen verursacht. Das geschieht in dem schon aufgeheizten gesellschaftlichen Klima zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Tel Aviv. Wie Ringe auf dem Wasser setzen sich in dessen Folge gewaltsame Ereignisse fort, neue Schuld wird geboren. Das universell zwischenmenschliche Spektrum der Gefühlswelt steht im Roman in Vordergrund: Mutterliebe und mütterliche Zweifel, erotische Anziehung, Eifersucht, Vergeltungsdrang, Vorurteile und Hass, Macht und Machtlosigkeit. Psychologisch packend, erschreckend echt und echt lesenswert wird im Roman gezeigt, wozu wir Menschen fähig sind, wenn es um das eigene Überleben und das Überleben der Leute geht, die man liebt. Virtuos hält uns die Autorin einen Spiegel der heutigen konfliktreichen Welt vor, in der die Ungleichheit der Lebensbedingungen als Brandbeschleuniger wirkt.
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Der tragische Unfall, der an dem Tag passierte, als ein palästinensischer Handwerker den Balkon einer israelischen Familie renovierte, hinterlässt tiefgreifende Wunden. Die dauerhafte Feindschaft zwischen den beiden Nationen wird erneut angefacht, Beziehungen werden auf die Probe gestellt und über allem schwebt die Frage nach der Schuld. Hat mir gut gefallen.
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