»Ein tief bewegender Roman über Trauer und Identität. Gekonnt verwebt Jente Posthuma Tragik und Humor.« Jury International Booker Prize Als Erstes denkt sie immer an ihren Zwillingsbruder: Wenn sie einen neuen Pullover für ihre Sammlung entdeckt. Wenn sie nicht weiß, wie sie ein schlecht laufendes Date elegant beenden kann. Wenn sie Sylvia Plath liest und Virginia Woolf. Oder als sie die einstürzenden Twin Towers in den Fernsehnachrichten sieht. Ihr Zwillingsbruder ist der Mensch, der immer da ist - erst im gemeinsamen Kinderzimmer, dann in der Wohnung auf der anderen Seite des Parks in Amsterdam. Doch plötzlich kommt der Tag, an dem er nicht mehr da ist.
»Auch Virginia Woolf hatte einen Pelzmantel angezogen, wusste ich. Sie füllte die Taschen mit Steinen und ertränkte sich in einem Fluss. Wie mein Bruder, aber das wusste ich damals noch nicht.«
Jente Posthuma schreibt in präzisen Miniaturen, voll sanfter Melancholie und überraschendem Humor von einer Trauer, die nicht weichen will und in jeder Faser des Körpers spürbar ist. Und sie erzählt, wie das Ringen um Verständnis die Nähe zum verlorenen Menschen noch vertiefen kann.
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Eine anspruchsvolle Geschichte, der ich gerne gefolgt bin
MarieOn am 03.03.2025
Bewertungsnummer: 2427638
Bewertet: eBook (ePUB)
Ihr erster Gedanke gilt ihrem Zwillingsbruder. Wenn sie am Morgen erwacht, ist er da. Wie sie damals Waterboarding gemacht hatten. Er legte sich aufs Sofa und sie legte ihm ein Geschirrtuch über das Gesicht. Dann ließ sie Wasser in seinen Mund laufen, in einem feinen Rinnsal. Er hielt nicht lange aus, dann fesselte sie seine Hände und er bat sie aufzuhören. Danach war sie dran, aber sie zappelte und wand sich aus den Fesseln. Sie wollten wissen, wie die Leute in Guantanamo empfanden, wenn sie gefoltert wurden.
Die Mutter machte sich Sorgen um sie, weil sie keine Schönheit war. Um den Sohn musste sie sich nicht sorgen, der konnte alles und sie wusste: Aus dem wird einmal was. Er war zwanzig Minuten vor ihr geboren, als wäre das eine Erklärung für alles.
Nach einem Workshop bei Oshos Anhängern war ihr Bruder erleuchtet. Danach wusste er, dass das Leben keine Linie, sondern ein Kreis war. Sterben und wieder von vorne anfangen. Es gab nur zwei Aspekte des Lebens, die völlige Hingabe oder die akzeptierte Selbsttötung, um der Enge des Egos zu entkommen.
Mit achtzehn zogen sie aus, jeder in eine eigene Wohnung, nur dreihundert Meter voneinander entfernt. Sie studierte Englisch und jobbte in einem Secondhandshop. Er studierte Englisch und jobbte in einer Schwulenbar. Dann gefiel es ihm dort so gut, dass er sich exmatrikulierte und fest anstellen ließ.
Er wurde mit neun gemobbt. Auf einem Foto aus dieser Zeit sieht man, dass seine Augen langsam an Glanz verloren. Sie erinnert sich, wie er ganz allein auf dem Schulhof in der Ecke stand und sie ihn ignorierte. Sie spürte seine Bedürftigkeit und das passte nicht dazu, dass er ihr zuhause in allem überlegen war. Seine Sorgen, Ängste und Albträume begannen schon, als er zwölf war.
Fazit: Die Niederländerin Jente Posthuma hat eine fein abgestimmte Erzählung ähnlich eines Memoirs geschaffen. Darin zeigt sie ihre fiktive Protagonistin in ihrem Alltag, während sie sie immer wieder zurückblicken lässt. Sie versucht den Tod des geliebten Bruders zu verstehen. Ohne Bewertung blickt sie auf die vielen Ereignisse, die möglicherweise dazu führten, dass ihr Bruder depressiv geworden ist. Die Mutter, die Nähe schwer zulassen und keine schenken konnte. Der Vater, der die Familie frühzeitig verließ. Wie der Bruder glorifiziert wurde und ein Quell der mütterlichen Freude war. Der frühe Hang zur Melancholie beider Geschwister. Die Geschichte plätschert leise vor sich hin und erzeugt auch mit humorvollen, komischen Anekdoten eine einnehmende Stimmung. Die Tragik ist spürbar und die Verarbeitung des Verlustes tief und lang anhaltend. Eine anspruchsvolle Geschichte, der ich sehr gerne gefolgt bin.
Gelungene Balance zwischen Tragik und Humor
Buchbesprechung aus Bad Kissingen am 26.03.2025
Bewertungsnummer: 2449598
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
REZENSION – Bereits im Jahr 2021 kam der Roman „Woran ich lieber nicht denke“ von Jente Posthuma im niederländischen Original auf die Shortlist für den Literaturpreis der Europäischen Union und erreichte 2024 mit seiner englischen Übersetzung die Shortlist des International Booker Prize. Im Februar erschien nun das Buch im Luchterhand Verlag in deutscher Übersetzung. Es ist die berührende Geschichte einer jungen Frau, die den Freitod ihres Zwillingsbruders zu verarbeiten und ihrer Trauer, auch eigenen Schuldgefühlen Ausdruck zu geben versucht. Zugleich ist es eine Geschichte über die Suche nach der eigenen Identität. „Mein Bruder war weg und mit ihm meine gesamte Vergangenheit. Ich kam nirgendwoher und ging nirgendwohin.“
Der Tod ihres Bruders kann das enge Band, das beide über 35 Jahre verband, nicht trennen. Im Gegenteil, es scheint noch enger geworden zu sein. Noch immer denkt sie, die Jüngere, die Nummer Zwei, in alltäglichen Situationen an ihn, den Erstgeborenen, den Älteren, die Nummer Eins. Ihr Zwillingsbruder war der Mensch, der ihr immer zur Seite stand. Sogar als berufstätige Erwachsene hatten sie eng beieinander gewohnt, wenn auch in getrennten Wohnungen auf gegenüber liegenden Seiten des Amsterdamer Stadtparks. „Ich wünsche mir gar kein eigenes Leben, sagte ich. Du willst nicht selbst leben, sagte mein Bruder. Aber das stimmte nicht. Ich wollte einfach nur mit ihm leben.“
Doch irgendwann versuchte der Bruder sich zu lösen, versuchte selbstständig zu werden, entfloh der klammernden Schwester sogar für ein Jahr nach Brasilien. Nach seiner Rückkehr war das Verhältnis zueinander ein anderes geworden. Der Bruder verschwieg manches der Schwester, wurde verschlossener und fiel zunehmend in Depression. Die Erzählerin ist inzwischen verheiratet, doch Ehemann Leo muss seine Frau mit dem Bruder teilen, verbringt sie doch Stunden mit ihm in dessen Wohnung. Sogar nach dessen Tod ist sie unfähig, sich vom Bruder zu lösen. „Jeden Tag wartete Leo darauf, dass ich nach Hause kam, und wenn ich zu Hause war, brauchte er nicht lange zu warten, bis ich wieder ging. Nachts zu warten, hatte er aufgegeben.“ … Vielleicht wär's am besten, du ziehst in die Wohnung deines Bruders, sagte Leo. Er ist jetzt seit zweieinhalb Jahren tot, und du bist immer noch öfter drüben als hier.“
„Woran ich lieber nicht denke“ ist kein Roman im klassischen Sinn mit durchstrukturierter Handlung. Es ist vielmehr eine willkürlich scheinende Sammlung von Miniaturen, von Momentaufnahmen, in denen die Ich-Erzählerin rückblickend ihr gemeinsames Leben mit dem Bruder in allen Höhen und Tiefen Revue passieren lässt und die – mal über mehrere Seiten, mal in nur wenigen Sätzen formuliert – erst in ihrer assoziativen Gesamtheit ein stimmiges, in sich abgeschlossenes Bild ergeben. Darin zeigt Autorin ohne jede Dramatik die tiefe Verzweiflung der Ich-Erzählerin, der es nicht gelingt, sich aus dem Strudel der Trauer zu befreien, fühlt sie sich doch in gewisser Weise mitverantwortlich am Freitod ihres Bruders. Sie glaubt, ihm zuletzt nicht aufmerksam genug zugehört zu haben, um die Andeutungen seines Todeswunsches ernst zu nehmen.
In Posthumas Roman steht keine Handlung im Vordergrund. Eine Verfilmung ist deshalb nur schwer vorstellbar. Denn auch alle anderen Personen – ob es die Mutter der Erzählerin ist, ihre Tante oder ihre Psychotherapeutin – bleiben letztlich nur Randfiguren. Sie ähneln stattdessen Stichwortgebern in einem Kammerspiel, in dem nur die Erzählerin, monologisierend und in ihrer Gefühls- und Gedankenwelt gefangen, allein im Rampenlicht der Bühne steht.
Jente Posthuma schreibt völlig unaufgeregt und in einfachen, kurzen Sätzen, denen jede Dramatik fehlt, geradezu mit einer gewissen Leichtigkeit. Sie lässt ihre Protagonistin emotional zurückhaltend, oft ganz sachlich, über manche Situationen sogar mit trockenem Humor erzählen, wodurch der tiefe Schmerz der Erzählerin durchbrochen wird. Es ist eher eine subtile Emotionalität und die gelungene Balance zwischen Tragik und Humor, die „Woran ich lieber nicht denke“ zu einer besonderen, berührenden Lektüre macht.
Meinung aus der Buchhandlung
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"Wer sich fortbewegt, kann jederzeit den Boden unter den Füßen verlieren."
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mit "Woran ich lieber nicht denke" (aus dem Niederländischen von Andreas Ecke) schrieb sich Jente Posthuma 2024 in die Booker Prize Shortlist - und das vollkommen zurecht. In ihrem neuen Roman schreibt sie über eine junge Frau, die ihren Zwillingsbruder verliert. Eines Tages nimmt er sein eigenes Leben und in den Momente, Augenblicke, Erinnerungen, die wir zu lesen bekommen, versucht seine Schwester damit umzugehen zu lernen. Sie erzählt von ihrer Kindheit, ihrer Pullover-Sammlung, den Katzen Drei und Vier und beinahe sachlich, nebenbei, erwähnt sie immer wieder den Suizid ihres Zwillingsbruders, zieht Bezug darauf. "Woran ich lieber nicht denke" lebt von den Zwischenzeilen, dem Nicht-Gesagtem, der Lücke oder Leere zwischen den Geschwistern. "Ich weiß nicht genau, wie lange ich fiel, wie ich landete und wieder aufstand. Aber plötzlich ging ich wieder. Anders, vorsichtiger. Verwerfungslinien sind an der Erdoberfläche oft mit bloßem Auge nicht sichtbar. Wer sich fortbewegt, kann jederzeit den Boden unter den Füßen verlieren." Ein poetischer, zärtlich rauer Roman, der tief berührt und ich nicht ohne eine Menge Tränen lesen konnte. Große Empfehlung!
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