Väter, Bestien, Werwölfe - die Frauen in Märchen haben seit jeher kein einfaches Los. In Angela Carters Kult-Nachdichtungen von etwa Blaubart, Der gestiefelte Kater oder Die Schöne und das Biest wird die traditionelle Rollenverteilung nicht nur umgekehrt, sondern in die Luft gejagt. Hier werden Frauen zu Tigerbräuten und Schöne zu Biestern, Erlkönige mit dem eigenen Haar erwürgt und Werwolfsgroßmütter von ihren Enkelinnen erledigt. Die Antiheldinnen und Heldinnen dieser Märchen sinnen in gleichem Maße auf Rache, wie sie nach Liebe streben.
Angela Carter ist die Godmother der feministischen (Horror-)Literatur. Ihre abgründig-erotischen Neuerzählungen von Märchen bestechen auch mehr als fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen mit unvermittelter Wucht.
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Ein moderner Klassiker, dessen Neuentdeckung sich auf jeden Fall lohnt...
Eskalina aus Hannover am 09.06.2025
Bewertungsnummer: 2511255
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Die Schöne und das Biest“, „Der Erlkönig“, „Der gestiefelten Kater“ - alles Märchen und Erzählungen, die wir meinen zu kennen und denken, ein weiterer Blick darauf lohnt nicht. Angela Carter hat zu ihrer Zeit eine Umdeutung gewagt und einen Perspektivwechsel vorgenommen. Erzählerinnen sind meist die betroffenen Frauen und deren Sicht auf die männlichen Verhaltensweisen und Verfehlungen in den Geschichten. Frauen teils in der Opferrolle, teils als dominanter Part. „Die blutige Kammer“ ist eine vielschichtige Darstellung von Frauen mit eigenen Wünschen und Lüsten, so wie sie zur Zeit der Erstveröffentlichung des Buches noch durchaus skandalös galt. Es handelt es sich nicht um ein harmloses erotisches Märchenbuch; dafür ist das Wechselspiel zwischen Liebe, Abscheu und Gewalt zu hintergründig, sind die Grenzen zwischen Täter und Opfer zu verschwommen.
Es entzieht sich jeder klaren Deutung und bleibt immer ein wenig rätselhaft. Ich hatte beim Lesen häufig das Gefühl, eine Andeutung, einen Hinweis übersehen oder falsch interpretiert zu haben. Gerade das hat es aber letztlich für mich so faszinierend gemacht.
Das geniale Nachwort von Mithu Sanyal hätte besser als Vorwort gepasst und wäre somit sehr hilfreich für diejenigen, die das Buch in keinen Kontext einordnen können, denn beginnt man dieses Buch unvorbereitet und ohne etwas über Angela Carter zu wissen, fragt man sich, ob man hier ein Werk aus dem 19. Jahrhundert vor sich hat und was es bezweckt.
Die Sprache ist überladen mit Adjektiven und wirkt extrem altmodisch. Trotzdem haben ihre Märcheninterpretationen einen ganz eigenen Charme, wenn man sich denn auf sie einlässt und genau da sehe ich das Problem bei diesem Buch, denn an welche Zielgruppe richtet es sich? Die heutige Generation Z könnte sprachlich überfordert sein. Also nur ein Buch für Babyboomer und die Jahrgänge davor? Es wäre schade, würde es sich so entwickeln. Ich wünsche dem Buch einen beachteten Neustart; das hat es einfach verdient…
Entlarvt, aber nicht befreit
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 30.01.2026
Bewertungsnummer: 3030890
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Angela Carter schreibt mit einer Sprache, die trägt. Ihre Bilder sind dicht, sinnlich, düster, und sie versteht es, eine Gothic-Atmosphäre zu erschaffen, die zwischen Märchen und Albtraum schwebt. Man liest diese Erzählungen nicht nur, man bewegt sich durch sie: durch Wälder, Kammern, Schlösser, Körper und Blicke. Literarisch ist das stark, manchmal sogar überwältigend.
Carter zieht den alten Märchen den Zuckerguss ab. Sie zeigt, was darunter liegt: Macht, Besitz, Begehren, Tausch. Väter verspielen Töchter, Männer begehren, Monster locken, Frauen überleben in Räumen, die nicht für sie gebaut wurden. In diesem Sinn sind die Texte schonungslos und ehrlich. Sie entlarven die kulturellen Fantasien, aus denen diese Geschichten seit Jahrhunderten gemacht sind.
Was mich jedoch irritiert, ist das Etikett „feministisch“, das diesem Buch fast selbstverständlich beigegeben wird. Denn bei aller Entlarvung bleibt die Struktur erstaunlich stabil. Die Frauen gewinnen keine neue Welt, sie gewinnen eine Strategie. Sexualität wird zur Gegenmacht, zur Währung, zur Überlebensform – aber nicht zur Befreiung. Das Spiel ändert seine Regeln nicht, es wird nur auf einer anderen Ebene gespielt.
Viele Geschichten folgen dabei einem ähnlichen Muster: jung, schön, begehrt, gefährdet. Die Kulissen wechseln – Schloss, Wald, Schnee, Vampirhaus – doch der Motor bleibt derselbe: Wunsch, Objekt, Annäherung, Verwandlung oder Verschwinden. Das ist klug, konsequent und irgendwann auch ermüdend.
Ich lese Carter weniger als Autorin, die zeigt, wie es anders sein könnte, sondern als eine, die gnadenlos offenlegt, wie diese Geschichten – und vielleicht auch unsere Rollenbilder – tatsächlich funktionieren. Das ist ihre große Stärke. Aber es bleibt eine Entlarvung, kein Entwurf.
Ein literarisch starkes, dunkles, wichtiges Buch.
Nur für mich kein Text der Befreiung, sondern einer der schonungslosen Diagnose.
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Meinung aus der Buchhandlung
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"Ein orthodoxer Priester im Talar hatte ihren verruchten Vater an einer Weggabelung in den Karpaten gepfählt, noch bevor ihr die Milchzähne gewachsen waren."
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich habe schon immer gerne Märchen gelesen, handelt es sich dabei um feministische Neuerzählungen, umso besser! Egal ob "Blaubart", "Der gestiefelte Kater", "Die Schöne und das Biest", uvm. - kein Klassiker ist vor dem scharfsinnigen Urteil hinsichtlich patriarchaler Gewalt und Geschlechterrollen der amerikanischen Autorin sicher. Möchte man die "damsels in distress" altbekannter Geschichten oftmals regelrecht schütteln, sie mögen sich doch einmal zur Wehr setzen, entfährt einem beim Lesen von Carters Versionen ein Seufzer der Erleichterung und man ist versucht laut aufzuschreien: endlich! Dieses feministische Standardwerk liegt nun in einer Neuübersetzung vor, komplementiert mit Illustrationen von Julia Kissina und einem Nachwort von Mithu Sanyal.
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