Wie vermag eine einzige Stadt für die meisten intellektuellen und kulturellen Errungenschaften des Westens im 20. Jahrhundert verantwortlich zu sein? Diese Frage steht im Zentrum von Richard Cocketts Ideengeschichte über Wiens Einfluss auf die moderne Welt. Von visionären Ökonomen über die Rebellen des Roten Wien, von Hollywood-Western bis zu Einkaufszentren, von Orgasmen bis zum Traum vom »Neuen Menschen«: Die jüngere Geschichte ist durchdrungen von jenen Denker:innen und Künstler:innen, die von 1900 an die Zukunft formten. Im Guten wie im Bösen. Cocketts Blick von außen gewährt eine neue Sicht auf eine brodelnde Epoche und erzählt von einer schillernden Elite, die Wien ihre Heimat nannte, von den Nazis ermordet oder in die Welt verstreut wurde - und deren Ideen uns bis heute prägen.
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aus Villach
5/5
03.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein MUSS für alle Wienliebhaber*innen
Nach dem Lesen dieses reichhaltigen Buches kann man kaum fassen, wie umfänglich durch die Auswanderung vieler Wiener*innen aufgrund des 1. Weltkrieges oder der Nazis Innovation, Intellektualität und Wissen verloren gegangen ist: „Wien hat den Grundstein für einen Großteil der geistigen und kulturellen Produktion der westlichen Welt im 20. Jahrhundert gelegt“, sagt der britische Autor, Historiker und „Economist“-Journalist Richard Cockett.
Vor allem geht es dabei auch um die Einflüsse, die die assimilierten Jüd*innen leisteten. Sie setzten auf Bildung und konnten sich dann in Musik, Wissenschaft, Literatur, Philosophie, Psychologie, Medizin, aber auch in der Filmbranche in Hollywood, in der Architektur sowie Ökonomie und Konsumforschung verwirklichen. Bildung war insbesondere für die jüdischen Zuwander*innen der beste Weg zum gesellschaftlichen und ökonomischen Aufstieg in Wien.
Der große Vorteil Wiens gegenüber anderen europäischen Hauptstädten war damals, dass Wien die Hauptstadt eines Vielvölkerstaates und die Gesellschaft dadurch multikulturell war.
Größen in sämtlichen Disziplinen verließen Wien bzw Österreich und wurden in der Fremde mit Handkuss aufgenommen. Die Flüchtenden konnten dort ihre Ideen, Forschungen oder sonstige Entwicklungen fortführen. Viele wirken bis heute nach und es ist den wenigsten bewusst, dass der Grundstein dafür seinerzeit in Wien gelegt wurde.
Was für ein Buch! So hinreichend vielfältig wurde die Moderne in Wien noch nicht niedergeschrieben. Großartig ist auch die Aufmachung mit vielen Bildern und die Kapiteleinteilung. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legt: zum Lernen und zum Staunen. Wenn man darüber nachdenkt, ist es wirklich arg, was hier angerichtet wurde und auch schade, dass es so, wie Wien einmal war, nie mehr sein wird.
Wien, die Hauptstadt des Habsburger-Reiches war um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein einzigartiger Schmelztiegel. Menschen aus allen Teilen des Vielvölkerstaates zogen in die Stadt, lebten, arbeiteten und forschten hier. Mit der Herrschaft des austrofaschistischen Ständestaates und nach dem „Anschlusses“ an das Deutsche Reich mussten viele dieser Personen aus politischen und/ oder rassistischen Gründen flüchten. Die Liste der Namen ist lang, viele, auch heute wenig bekannte, finden sich im vorliegenden Buch, manche fehlen leider, wie Ernst Papanek - über ihn gibt es eine lesenswerte Biografie von Lilly Maier. Bei einigen kann man die Einstufung als Wiener in Frage stellen, erfolgte doch der Großteil ihres Schaffens im Ausland und sie kamen dort zu Ansehen und Einfluss, die Zeit in Wien war also nur ein kleiner Teil ihres Lebens. Auch soll nicht vergessen werden, dass viele Wiener und Österreicher Hitler und den Nationalsozialismus unterstützten und im Namen dieses verbrecherischen Regimes zu Tätern wurden. Für einen differenzierteren Blick auf das damalige Wien sollten die Sozialreportagen von Max Winter gelesen werden - er musste ebenfalls flüchten und starb 1937 im amerikanischen Exil. (Siehe auch: Zweig, Die Welt von Gestern)
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