Heute will jeder ein Paria sein, Narzissmus und Opferwettbewerb stehen hoch im Kurs. Werden die in Angst und Empfindsamkeit erzogenen jüngeren Generationen in der Lage sein, sich der chaotischen Welt von morgen zu stellen?
Jeder, ob reich oder arm, Mann oder Frau, trägt seine Benachteiligung wie ein Patent zur Schau, um sich über seine Mitmenschen zu erheben. Dieser verbitterte Schmerzenskult lässt die Figur des Märtyrers wiederaufleben und nährt die beiden großen Leidenschaften des Grolls und der Rache. Auch die Glücklichen und Mächtigen wollen zur Aristokratie der Ausgegrenzten gehören – auf Kosten der wirklich Unglücklichen.
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Gesellschaften im Zeitalter des zur Schau gestellten Leidens
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Pascal Bruckner wird zu dem Kreis der "Nouvelle Philosophie" gezählt, zu dem auch Alain Finkielkraut, Bernard-Henri Levy, André Glucksmann und Jean-Marie Benoist gerechnet werden. Obwohl die Vertreter und Vertreterinnen der "Nouvelle Philosophie" selbst aus politisch linken Kreisen und philosophisch existenzialistischen Schulen herkommen, gelten sie als vehemente Kritiker linkspolitischer Positionen innerhalb der Philosophie und in den Sozialwissenschaften. Ihre Standpunkte werden von ihnen oftmals in polemisch formulierten Essays vertreten. So ist auch das neue Buch "Die Gesellschaft der Opfer. Porträt des Erniedrigten als Held" von Pascal Bruckner eher eine polemisch geschriebene Diagnose und keine Arbeit an politischen Begriffen oder eine Gesellschaftstheorie: wobei das dem Buch keinen Abbruch tut. Der französische Originaltitel des Buches lautet "Je souffre donc je suis / Ich leide, also bin ich" und summiert so ziemlich die existenzielle und damit auch soziale Befindlichkeit eines narzisstischen Individualismus, der zunehmend - nach Lesart von Pascal Bruckner - zur Matrix unserer modernen und aufgeklärten Gesellschaft wird. Auch wenn Pascal Bruckner weit ausholt und in der Mehrzahl der Religionen dieser Welt eine prägende Semantik des Opfers und des Leidens findet, so setzt - wie er schreibt - eine signifikante Viktimisierung der Gesellschaft, ihrer Politik und ihrer Individuen erst mit dem Schwinden des Utopismus und den Glücksversprechen der aufgeklärten Moderne ein. Mit der Desillusionierung der Modernität und dem Verlust ihrer Kraft zur Gestaltung von wohlstandsversprechenden Utopien, verwandelt sich das Streben nach Glück in ein Verharren in Sorge um das eigene Dasein und einer Kultivierung des eigenen Leidens. In diesem Zusammenhang geht Pascal Bruckner davon aus, dass alle heilsversprechenden und revolutionären Bewegungen sich in unser modernen Welt weitgehendst selbst diskreditiert und dabei ihr eigenes revolutionäres Subjekt durch die Theatralik und Revolte Leidender ersetzt haben. In dieser Welt verblasster Utopien gerät das Individuum der Moderne in einen Opferwettbewerb, in dem ein jedes Individuum seine Rolle als leidendes Opfer findet und um dessen öffentliche Anerkennung kämpft, zuweilen auch mit terroristischen Mitteln. In diesem Kontext geht Pascal Bruckner auf aktuelle Phänomene ein: wie etwa auf den wachsenden Antisemitismus bzw. Antizionismus, auf Wokeness-Bewegungen, auf Verharmlosungen der russischen Kriegspolitik und auf die linke Solidarität mit islamischen Fundamentalismen. Während René Girard in seiner Anthropologie der Opferriten die politische Theologie in Blick nahm, Klaus Theweleit die frauenfeindlichen Phantasien leidender Männer untersuchte und Slavoj Žižek die Liebe des Menschen zu seinen Symptomen entdeckte, so zeigt uns Pascal Bruckner wie die Gesellschaften am Ende ihrer desillusionierten Moderne sich um jede Art von Verantwortung drücken, die sie im Zustand ihrer errungenen Freiheit besitzen. Anmerken möchte ich hier aber auch, dass mir beim Lesen der Schreibstil von Pascal Bruckner streckenweise sehr redundant und sich wiederholend vorkam. Auch gibt es einen gewissen Tonfall des Leidens an der Leidenssemantik desillusionierter Gesellschaften. Aber dennoch beschreibt er auf weite Strecken den Zustand von Gesellschaften, in denen wir leben.
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