Das jüdische Dilemma zwischen Assimilation und Eigenständigkeit - von der Aufklärung bis heute
Die Deutschen lieben Nathan. Doch Lessings Bühnenfigur konnte die Hoffnung, dass es eines Tages keine Rolle mehr spielen würde, ob jemand Jude sei, nicht erfüllen. Und als Hannah Arendt 1959 den Lessing-Preis entgegennahm, sprach sie sich in ihrer Dankesrede ausdrücklich gegen diese Idee der Assimilation aus, die am Ende zum Verschwinden jüdischer Identität führen würde. Das jüdische Dilemma zwischen Anpassung und Autonomie konnte seit der Aufklärung nicht aufgelöst werden - auch der Staat Israel steht in dieser Spannung zwischen säkularer und religiöser Identität. Natan Sznaider ist überzeugt, dass dieser Widerspruch nie verschwinden wird. Was spricht dagegen, ihn zu akzeptieren und anzuerkennen, dass wir immerhin als Ungleiche gleich sind?
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Meinung aus der Buchhandlung
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In den letzten zwei Jahren waren es zwei Bücher, die mich angesichts des lautstark propagierten Antisemitismus und Antizionismus - vor allem im Zusammenhang der Ereignisse der Documenta 15 und des Terrorangriffs der Hamas am 7. Oktober 2023 - stark beeindruckten: Einerseits war es von Natan Sznaider das Buch "Fluchtpunkte der Erinnerung", andererseits das Buch von Bruno Chaouat "Ist Theorie gut für die Juden?". Auch wenn es gewisse Unterschiede in der Herangehensweise und im bezugnehmenden Material gibt, so sind doch die Intentionen der beiden Autoren ähnliche: Beide setzen sich intensiv mit dem Antisemitismus und dem Antizionismus in der Philosophie sowie in den Kunst-, Kultur- und Sozialwissenschaften auseinander. Während sich der Literaturwissenschaftler Bruno Chaouat als "Schüler" von Jean-Francois Lyotard schwerpunktmäßig mit den unzureichenden Analysen des Antisemitismus in der postmodernen und dekonstruktivistischen Philosophie sowie mit deren Folgen in den Postcolonial Studies beschäftigt, analysierte der Soziologe Natan Sznaider in dem Buch "Fluchtpunkte" den Antisemitismus, der auf der Documenta 15 sichtbar wurde, aber seine Wurzeln in den Theoremen der Kunst-, Kultur- und Sozialwissenschaften hat. - Um es gleich zu sagen, die ersten 100 Seiten las ich im neuen Buch von Natan Sznaider hintereinanderweg. Nur ungern legte ich es zur Seite. - Nicht nur in diesem Buch liegt ein wichtiger Bezugspunkt Natan Sznaiders bei Hannah Arendt. Hier widmet er sich ihrer Dankesrede zur Überreichung des Lessing-Preises im Jahr 1959 in Hamburg. Während es für die deutsche Nachkriegsgesellschaft (von Tätern, Mitläufern, inneren Immigranten und anderen Subjekten der Verdrängung) um eine "Zeit danach" ging, hielt Hannah Arendt fest, dass es für Juden und Israelis keine Zeit nach der Shoa gibt. Das, womit sich Natan Sznaider also diesmal in seinem neuen Buch auseinandersetzt, ist die sich nichtschließende Wunde, die die Shoa bzw. der beständige Antisemitismus schlägt, denn - so heißt es bei Natan Sznaider -: "Für uns Juden und insbesondere Israelis gab und gibt es keine Nachkriegszeit. Die Zeit nach der Schoa ist nie ‚danach‘, sie ist immer im Jetzt." So beginnt sein Buch "Die jüdische Wunde" auch mit dem Dilemma von jüdischer Eigenständigkeit und Assimilation im Ausgang der Aufklärung und knüpft dabei an Lessings Bühnenfigur "Nathan der Weise" an. Auch wenn das Gleichheitsaxiom und das der Menschenrechte Ungleichheiten und Diskriminierungen zum Verschwinden bringen sollte, so löste die jüdische Assimilation das Dilemma von Anpassung und Autonomie nicht auf. Natan Sznaider beschreibt anhand von Lessings "Nathan der Weise" ausführlich die Widersprüche und Folgen, die die jüdische Assimilation mit sich brachte. Die fatale Folgen dieses Dilemma der Assimilation reichen bis zur Staatsgründung Israels hinein, die gerade von linken bzw. kultur- und sozialwissenschaftlichen Diskursen dem Judentum vorgeworfen wird. Das Buch von Natan Sznaider ist ein gut geschriebenes und gut argumentiertes Buch, dass wichtig und aus aktuellen Anlässen leider auch notwendig ist. Für sein literarisches und wissenschaftliches Werk erhielt Natan Sznaider am 26. Mai 2024 in Frankfurt am Main den Friedenspreis der Geschwister Korn und Gerstenmann-Stiftung.
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