Saralisa Volm will sich die Deutungshoheit ihres Körpers zurückerobern und nimmt die Leser*innen mit in ihr Erleben und ihre Wut.
Schon während ihrer Pubertät galten die Maße 90-60-90 als Schönheitsideal. Die Rubensmädchen hatten längst ausgedient und Barbie hielt Einzug. Obwohl Saralisa gerne aß, war sie dünn, dennoch machte sie Diäten und blieb unzufrieden mit ihrem Körper. Sie entdeckte das Kotzen als Methode ihrer Essenslust zu frönen und dabei gertenschlank zu werden. Bis zum ersten Kreislaufzusammenbruch dauerte es ein paar Jahre und da beherrschte die Bulimie auch schon ihr gesamtes Leben. Sie pendelte zwischen Vertuschung und Beherrschung und quälte sich durch Kontrollverluste, gleichzeitig gab ihr ihr Verhalten das Gefühl von Kontrolle und eine wohltuende Befriedigung. Nach jahrelangem On Off der Bulimie-Beziehung voller Leidenschaft und Hass hörte sie damit auf. Zähne, Haare und Magen hatten so gelitten, dass es ihr nicht mehr gelang, nach außen zu glänzen. Die Schönheitsindustrie feuerte weiter:
Nichts schmeckt so gut, wie es sich anfühlt, dünn zu sein. Kate Moss S. 43
Die Autorin zeigt, wie gerade Frauen zum Spielball zwischen milliardenschwerer Schönheitsindustrie und milliardenschwerer Genussmittelindustrie werden. Ein Kreislauf an dessen Ende Diätkonzerne, Pharmaindustrien und Ärzte stehen.
Schönheit ist ein System, das nur dann funktioniert, wenn es viele ausschließt. Elisabeth Lachner S. 48
Was viele, von dieser Selbstoptimierung Betroffene nicht verstehen ist, dass Selbstwert eben nicht käuflich ist.
Unterstützung findet das System des Schönheitswahns auch durch Creator*innen. Je mehr Follower*innen, desto größer die Sicht auf lukrative Zusammenarbeit mit Firmen.
Frauen werden weltweit unterdrückt, wenn sie nicht ihrer augenscheinlichen Bestimmung folgen nett, angenehm und sozial verträglich zu sein. Es folgen Ausgrenzung, Mobbing, Cybermobbing und Femizide. 2020 wurden in Deutschland 359 Fälle häuslicher Gewalt aktenkundig, fast jeden Tag traf es eine.
Die Autorin führt uns in die frauenfeindliche Welt der Schauspielkunst ein und zeigt anhand der eigenen Karriere, wie frustrierend diese Arbeit sein kann.
Sie zeigt, dass das Ziel der Gleichberechtigung nur entspannte weibliche Mittelmäßigkeit sein kann.
Fazit: Saralisa Volm hat sich in diesem Buch mit ihrer eigenen Weiblichkeit auseinandergesetzt und viele kluge Gedanken zu Papier gebracht. Das Buch liest sich so erhellend wie frustrierend, weil der geneigten Leser*in auffällt, welche Wegstrecke zu echter Gleichberechtigung noch vor uns liegt. Sicher ist es ratsam, unseren Töchtern zu erklären, „dass jede*r ihre Grenzen achten muss, dass ein Nein bedeutet, dass man aufhören muss und dass Sex nicht eingefordert werden darf“. Allerdings fände ich es ebenso hilfreich, wenn wir das unseren Söhnen klar machen würden. Die Autorin macht ihre Gedanken anhand vieler Beispiele aus dem eigenen Leben gut lesbar und verständlich. Sie schreibt sowohl mit einem lachenden als auch einem weinenden Auge und damit keineswegs pessimistisch. Von mir definitiv eine absolute Leseempfehlung.
toll, inspirierend, WICHTIG
Bewertung am 21.07.2023
Bewertungsnummer: 1984558
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
"Das Ewige Ungenügend" ist ein zutiefst ehrliches Buch, das eine unverblümte Reise durch das Frau-Sein bietet. Saralisa Volm schreibt mit einer außergewöhnlichen Offenheit und vermittelt dabei eine dringende Botschaft, die uns alle angeht: Der Kampf für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung darf niemals enden.
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