Für Gerda gehört die Berliner Mauer zur Normalität. Erst wenn sie so alt ist wie ihre Oma, wird sie rüber in den Westen dürfen. Nur Vögel können einfach so über die Grenze fliegen. Vögel sind wichtig in Gerdas Familie. Ihr Vater hat eine geheimnisvolle Verbindung zu ihnen, und bei ihrer Oma lebt der Wellensittich Coco. Mit Gerda erleben wir eine entschwundene Welt mit Fahnenappell auf dem Schulhof, selbst gebastelten Friedenstauben und Westgeschenken.
Federleicht, anrührend, reich bebildert: DDR-Kindheit aus einer ganz persönlichen Vogel-Perspektive
Ausgezeichnet als Kinderbuch des Monats im August 2024 von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur
Esel des Monats August 2024 der Fachzeitschrift für Kinderliteratur Eselsohr
Auf der Bestenliste Leselotse im November 2024
Über die Reihe "Wir Kinder von früher":
In jeder Kindheit passieren Dinge, die man nie vergisst. Schlimme, lustige, aufregende – vor allem: selbst erlebte Geschichten. Diese Reihe weckt sie zum Leben. Für alle Kinder von heute und früher.
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Mit Kindern über die eigene Geschichte sprechen
lesenmitausblick am 14.09.2024
Bewertungsnummer: 2292235
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Als ich beim Salon der grafischen Literatur im Mai in Berlin diese neue Buchreihe entdeckte, wusste ich gleich, dass ich sie lesen muss. Die Rede ist von der neuen Kinderbuchreihe „Wir Kinder von früher“ aus dem Klett Kinderbuch Verlag. Zwei Bücher sind gerade erschienen. Vor allem Gerda Raidts‘ Buch „Wie ein Vogel – Eine Kindheitsgeschichte aus Ostberlin“ sprach mich sofort an. Denn die Autorin und Illustratorin schreibt von ihrer Kindheit in der DDR, ein Leben mit der Mauer, mit Halstuch und Fahnenappell, montags am Morgen auf dem Schulhof. Eine mittlerweile ferne Welt, die auch meine Kindheit bestimmte. Ich bin in einem Land aufgewachsen, das es nicht mehr gibt. Zum Glück. Aber manchmal ist es sehr schwer sich zu erinnern, weil sich vieles enorm verändert hat. Weil es Orte und Dinge so nicht mehr gibt.
„Wie ein Vogel“ ist sehr liebevoll gestaltet, im Format A5 und Hardcover, mit einem passenden Vorsatzpapier. Gerda Raidt beginnt mit einem Blick in ihr Familienfotoalbum, voller Erinnerungen und in Schwarzweiß. Sie erzählt von persönlichen Erlebnissen in ihrer Kindheit, die geprägt war durch ihre Oma und immer wieder Vögel. Ob durch den Vater, ein gefundenes Vogeljunges, einen zugeflogenen Ara oder den Wellensittich der Oma. Im Gegensatz zu den Menschen, konnten sich die Vögel frei bewegen. Nur die Oma durfte in den Westen und brachte dann die begehrten Leckereien und Geschenke mit. Ich hatte eine kleine, schöne Blechdose, in der ich die Süßigkeiten und bunten Papiere aufbewahrte und mir ganz genau einteilte, manchmal so lange, dass das Zeug dann schon alt war. Ich mag die Geschichte von Gerda Raidt sehr, weil sie mich an Dinge erinnert, die ich fast vergessen hätte. Und ja, ich werde gerade auch melancholisch. Man stelle sich eine Kindheit ganz ohne Computer und Smartphone vor!!! Selbst ein Telefon hatten wir nicht. Ich erlaube mir zu behaupten, dass wir noch Kind sein durften, draußen herumgestromert sind, ganze Tage lang. Natürlich spürten wir als Kinder auch, dass man bestimmte Dinge besser nicht tat oder sagte. Westfernsehen ging nur heimlich. Der ABV (Abschnittsbevollmächtigte) hatte alles im Blick. Ich kann gar nicht anders, als von meiner Kindheit erzählen, wenn ich von Gerda Raidts‘ Buch erzähle. Ich finde es ganz wunderbar. Es bietet Gesprächsanlässe mit Kindern über Kindheit früher und heute. Es hilft zu erinnern. Das Erzählen von selbsterlebter Geschichte hat hier seinen ganz besonderen Reiz. Anders als im Geschichtsunterricht sind es persönliche Erlebnisse, mit ganz eigener Prägung und trotzdem erzählen sie auch von den Gesamtumständen.
Gerda Raidts‘ Erzählung geht eine schöne Symbiose mit ihren Zeichnungen ein. Die Bilder enthalten zusätzlich Details, die für mich einen Wiedererkennungseffekt haben. Sie veranschaulichen das Erzählte und helfen heutigen Kindern, sich die vergangene Kindheit vorzustellen, die übrigens immer auch geprägt war von der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Sei es durch die Schule und Friedentauben oder durch die eigenen Großeltern, die viel davon erzählten.
Die Autorin erzählt auch von Freunden, die in den Westen abgehauen sind, vom Fall der Mauer, von Abschied, Tod und Neuanfang. Es gibt einen Blick in die Kindheit ihres Vaters und abgerundet wird dieses wunderbare kleine Büchlein mit einem Nachwort der Autorin, in dem sie dazu ermuntert, mal die eigene Oma zu fragen, wie das eigentlich damals war.
Falls ich euch immer noch nicht überzeugen konnte, was ich aber nicht glaube: Das Buch wurde im August von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur als Buch des Monats ausgezeichnet.
Die Sehnsucht nach Freiheit
La novelera am 30.08.2024
Bewertungsnummer: 2280201
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Buch “Wie ein Vogel” erzählt, wie der Untertitel bereits verrät, von einer Kindheit in der DDR. Aufgemacht ist es wie ein Fotoalbum, auf dem Cover befindet sich ein “Foto”, das mit Klebeband festgemacht ist. Und auch im Buch wird die Familie auf diese Weise vorgestellt. Es geht weniger um geschichtliche Fakten als vielmehr den kleinen Kosmos eines Mädchens, das in der DDR aufwächst.
Für Kinder ist es ja spannend zu erfahren, wie Kinder in der DDR gelebt haben, wenn Oma und Opa davon erzählen. Ob sie die Unterschiede zu heute schon begreifen, ist eher weniger zu vermuten. Die Idee, das Thema “Vögel” (das mir bei einer Assoziation mit dem Wort “Freiheit” tatsächlich mit als erstes einfällt), metaphorisch in diesem Zusammenhang umzusetzen, finde ich sehr gelungen. Dass ein Vogel in einem kleinen Käfig zu wenig Platz hat, um sich zu entfalten, verstehen ja schon die Kleinsten. Und davon ausgehend kann man dann selber ins Erzählen kommen, erklären, oder auch mit weiteren Fragen an die ältere Generation herantreten. “War das wirklich so?”
Zum Vorlesen eignet sich das Buch meines Erachtens nach wunderbar. Es hat sich flüssig gelesen und wir haben es an zwei Abenden genossen. Ein Kinderbuch, dass zur nachträglichen Kommunikation mit Zeitzeugen einlädt. Wir vergeben gemeinsam fünf Sterne.
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