Ein Buch, auf das die Welt 60 Jahre warten musste: große Literatur, in der Aktivismus und Poesie in explosiver Weise aufeinandertreffen
"Nachbarn" ist eines jener seltenen Werke in der Literatur, die ihre Zeit einfangen und ihr doch weit voraus sind. Diane Oliver erkundet darin die sich wandelnden sozialen Umstände: Beäugt von den Nachbarn, fragen sich Ellie und ihre Familie, ob es richtig ist, den kleinen Bruder morgen als einziges Kind auf die Schule der Weißen zu schicken. Ein Paar wird durch rassistische Übergriffe dazu getrieben, im Wald zu leben, und entwickelt eine mörderische Wut. Meg heiratet einen Schwarzen, doch die Liebe fordert über die Grenzen der Hautfarbe ihren Preis. Über allem könnte die Frage stehen: Gibt es einen Unterschied zwischen dem, was für die Gesellschaft am besten ist, und dem, was das Individuum braucht? Oliver geht es immer um beides, um das Politische und das Persönliche, und damit um allgemeingültige Fragen unserer Existenz und unseres Miteinanders.
"Diane Oliver ist die größte amerikanische Autorin des 20. Jahrhunderts. Mit ihr reise ich in die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und in die Seele der Menschen. Wenn Nina Simone die High Priestess of Soul war, ist Diane Oliver die High Priestess of Literature." Julia Franck
"Diane Olivers überwältigende Geschichten tauchen in einer Zeit wieder auf, in der uns die Brutalität des Rassismus immer wieder vor Augen geführt werden muss. Oliver ist weder an Raum noch an Zeit gebunden und gibt uns ergreifende Einblicke in das Leben derjenigen, deren Menschlichkeit ständig verleugnet wird." Emilia Roig
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Als moralischer Kompass tauglich
Bewertung aus Speyer am 01.02.2024
Bewertungsnummer: 2121544
Bewertet: Hörbuch-Download
Diane Olivers „Nachbarn“ kommt unscheinbar daher – im Laden wäre es vermutlich nicht in meine Hände gewandert. Doch damit hätte ich etwas verpasst …
Ellies Eltern haben sich entschieden, ihren Sohn auf eine „weiße Schule“ zu schicken, Winifred geht auf ein College … Unerhörtheiten in den USA der 1960er Jahre. Und dergleichen gibt es mehrere in diesen Kurzgeschichten, die zunächst zusammenhanglos wirken mögen, jedoch Parallelen bzw. Gemeinsamkeiten aufweisen: die Umstände zwingen Menschen, gegen sie bzw. für ihre Überzeugungen zu kämpfen, wodurch eine angespannte, wütende, ja beinah aufgeheizte Atmosphäre entsteht – und das in der nächsten Nähe, direkt um sie herum, wo man sich an sich ja wohlfühlen möchte.
Mir will nicht so recht einfallen, wie man Diane Olivers geschickt gemachte Komposition beschreiben könnte: Sie bedient sich des Mediums der Kurzgeschichten, die titelgebende erzählt aus der Perspektive Ellies, die eigentlich „nur“ berichtet, was ihr auffällt – und das ist so einiges. Da geht es um Rassismus, Ausgrenzung, Aggression, aber auch Liebe, Politik, Gesellschaft, Individuen – festgemacht am „Distinktionsmerkmal“ Hautfarbe und erzählt in alltäglichen Situationen und exemplarischen Details (wie einer Busfahrt). Und nicht selten ertappt man sich beim Gedanken: Ist es wirklich erst 60 Jahre her, dass das Leben so war bzw. noch schlimmer, hat es sich nennenswert verbessert? Wenn einem dann bewusst wird, dass Diane Oliver Zeitzeugin war, erkennt man nicht nur den Umstand, dass sie ihrer Zeit weit voraus war, sondern auch, dass man mit ihr ein literarisches Talent viel zu früh verloren hat. Denn wenn sie bereits in jungen Jahren ein Werk wie „Nachbarn“ vorlegen konnte, was hätte sie mit noch mehr Reife schreiben können? Zwar sind Kurzgeschichten nicht jedermanns Sache, aber durch die „Klammer“ der nahen Umgebung liest sich das Buch flüssig. Das liegt auch an Olivers Stil, der sprachlich so brillant ist, dass einem die Figuren schnell ans Herz wachsen. Vielleicht liegt es auch daran, dass etwa Ellie jung ist und daher eine „unverbrauchte“ und doch vielleicht aus Benachteiligungen erwachsene reife, schlicht ungewöhnliche Sicht auf die Welt hat. So hält Oliver ihren Lesern den Spiegel vor, ohne den Finger auf ihn zu richten, wodurch die Geschichten als moralischer Kompass taugen. Und obwohl Maya Alban-Zapatas Stimme und Vortrag gut passen, funktioniert hier das Hörbuch für mich weniger als das, weil die Geschichten sehr von Olivers Schreibstil abhängen Buch (vielleicht auch, weil ich Hörbücher bevorzugt „nebenbei“ höre, was hier schwierig ist). Nach dem Hören bleibe ich nachdenklich zurück und wünschte, dass das Hörbuch weniger aktuell wäre, als es ist.
Amerika im Umbruch
Bewertung am 17.11.2025
Bewertungsnummer: 2656483
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Vierzehn Short Stories erzählen von einem Amerika im Umbruch. Es ist die Zeit der Bürgerrechtsbewegung in den 1960iger Jahren, wo Rassentrennung und rassistische Terror den Alltag Schwarzer Familien in den Südstaaten der USA bestimmte. Diane Oliver bringt mit ihren Erzählungen die Innensichten ihrer Schwarzen Protagonist:innen zum Ausdruck. Eine schwarze Familie der Mittelklasse will ihren Sohn an eine Grundschule schicken, die bisher ausschließlich von weißen Schüler:innen besucht wird. Die Durchsetzung des Rechts auf gleiche Bildung bringt die Familie an ihre Grenzen. Eine Gruppe Schwarzer Jugendlicher setzt sich in ein örtliches Restaurant, um bedient zu werden. Sämtliche weißen Gäste verlassen daraufhin das Lokal. Mit roher Polizeigewalt endet der Restaurantbesuch der Gruppe.
Die meisten Geschichten der Autorin beruhen auf ihren eigenen Erfahrungen als junge, schwarze Südstaatlerin, sie haben somit auch einen dokumentarischen und historischen Charakter. Gleichgültigkeit, Hass und Beschimpfungen prägten den Alltag Schwarzer US-Bürger:innen in den Südstaaten. Der Hass auf Menschen anderer Ethnien erlebt heute in der Ära Trump eine unvorstellbare Renaissance. Erinnert sei an die Demonstrationen der „Black Lives Matter“-Bewegung, welche mit massiver Gewalt niedergeschlagen wurden. Diese neuen Entwicklungen erlebte Diane Oliver nicht mehr, 1966 verunglückte die Autorin bei einem Motoradunfall tödlich. Ihr Masterabschluss im Writers‘ Workshop an der Universität von Iowa wurde ihr posthum verliehen.
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