Krawatte, Dienstgrad, Feierabendbier: Es könnte
immer so weiter gehen. Doch Erwin, Mittfünfziger,
Familienvater, bricht aus. Einst ein Freigeist, stürzt
er sich nach Jahrzehnten wieder in ein wildes,
ungebundenes Abenteuerleben. Er taucht unter,
flieht in die Natur, gilt bald als vermisst. Findet mich
zeichnet das Psychogramm eines Mannes, dem
letztlich eine Psychose diagnostiziert wird und
dessen Familie ihn nicht mehr wiedererkennt. Doris
Wirth erzählt diese Geschichte als Langzeitporträt,
das wechselnde Perspektiven einnimmt; sie blendet
zurück in die Vergangenheit von Erwins Ehe, in
die sozialen Umstände der Familiengründung und
die Reaktionen der in diesen Verhältnissen aufwachsenden
Kinder. Findet mich ist ein packendes
Romandebüt, das nach den Auswirkungen der
Selbstdefinition über Leistung und Arbeit fragt und
Zwänge und Begrenzungen in unserer Gesellschaft
aufzeigt.
Kundinnen und Kunden meinen
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Ich kann nicht mehr! Doris…
kaffeeelse aus D am 03.07.2025
Bewertungsnummer: 2947033
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich kann nicht mehr! Doris Wirth gibt in ihrem Roman „Findet mich“ tiefe Einblicke in ein psychiatrisches Erkrankungsbild. Denn psychiatrische Erkrankungen reichen sehr weit. Der erkrankte Mensch ist der Leidtragende. Ja. Aber nicht nur. Denn auch sein Umfeld erkrankt mit. Denn diese Veränderungen, die psychiatrische Erkrankungen nun einmal mit sich bringen, befallen genauso das nahe Umfeld der Erkrankten. Und das wird in diesem Buch „Findet mich“ thematisiert. Was ich wunderbar finde! Denn wir brauchen in unserer Gesellschaft genau solche Einblicke. Die Zahl der psychiatrisch Erkrankten wächst in unserer Gesellschaft ständig. Nun könnte man meinen, dass läge an der wachsenden Bereitschaft sich mit diesem Thema zu befassen und sich eher ärztliche und/oder medizinische Hilfe zu suchen. Ich finde aber hier liegt ein gewisser Trugschluss. Denn den Hauptgrund für dieses vermehrte Auftreten psychiatrischer Erkrankungsbilder sehe ich in dem Druck, der in unserer Gesellschaft leider immer mehr zunimmt. Erwin ist die Hauptfigur in „Findet mich“. Er bricht aus. Er verschwindet. Er kann nicht mehr. Erwin verabschiedet sich aber nicht vollkommen. Was er ja könnte. Da ist noch dieses Findet mich. Er hinterlässt Spuren. Will gefunden werden. Dennoch ist da diese veränderte Betrachtungswelt in Erwin, sind da diese verqueren Gedanken, die den Lesenden die Erkrankung greifbarer machen, die bei der Lektüre letztendlich immens berühren. Ebenso thematisiert wird aber auch das Leiden der anderen Familienmitglieder in Rückblicken, die Welten der Ehefrau Maria und die Welten der Kinder Lukas und Florence. Denn diese Erkrankung ist nicht urplötzlich da. Sie erscheint und wird nach und nach mit der unbehandelten Zeit größer und größer und erschwert das Leben der Betroffenen und der Familien. Und dies schildert Doris Wirth einfach grandios. Alle in der Familie bekommen ihre Stimme und beschreiben ihr Leben. Und das passiert intensiv und absolut empathisch. Nun könnte man meinen eine medikamentöse Einstellung verhindert so etwas. Aber so einfach ist das leider nicht. Klar hilft die Medikation und kann einen akuten Zustand abmildern und lässt die Symptome langsam verschwinden. Definitiv. Aber was passiert dann? Denn die Ursachen der Erkrankung sind hier noch nicht behandelt. Nicht umsonst spricht man in der Psychiatrie von diesem Dreiergestirn, was Medikation, Psychologie und letztendlich die Bereitschaft beim Patienten, das eigene Lebensfeld grundlegend zu verändern, beinhaltet. Und da kommt man zum schwierigsten Punkt. Das Eingemachte. Denn das ist das Schwierigste. Wie tickt man selbst? Wo sind die eigenen Wichtigkeiten? Was tut man für sich selbst, wo ist die Selbstfürsorge, wie viel Zeit hat man zur eigenen Seelenpflege? Und da kommt man zum springenden Punkt in unserer Welt des Druckes und der immer weniger werdenden Zeit, die man außerhalb des eigenen Hamsterrades verbringt!!! „Findet mich“ ist ein kluges Psychogramm eines an einer Psychose erkrankten Mannes und seines nahen Umfeldes, aber gleichzeitig steckt in diesem Buch eine immense Gesellschaftskritik, die man bei und nach der Lektüre klug resümieren sollte!
Ich kann nicht mehr!
Kaffeeelse (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 03.07.2025
Bewertungsnummer: 2530214
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Doris Wirth gibt in ihrem Roman „Findet mich“ tiefe Einblicke in ein psychiatrisches Erkrankungsbild. Denn psychiatrische Erkrankungen reichen sehr weit. Der erkrankte Mensch ist der Leidtragende. Ja. Aber nicht nur. Denn auch sein Umfeld erkrankt mit. Denn diese Veränderungen, die psychiatrische Erkrankungen nun einmal mit sich bringen, befallen genauso das nahe Umfeld der Erkrankten. Und das wird in diesem Buch „Findet mich“ thematisiert. Was ich wunderbar finde! Denn wir brauchen in unserer Gesellschaft genau solche Einblicke. Die Zahl der psychiatrisch Erkrankten wächst in unserer Gesellschaft ständig. Nun könnte man meinen, dass läge an der wachsenden Bereitschaft sich mit diesem Thema zu befassen und sich eher ärztliche und/oder medizinische Hilfe zu suchen. Ich finde aber hier liegt ein gewisser Trugschluss. Denn den Hauptgrund für dieses vermehrte Auftreten psychiatrischer Erkrankungsbilder sehe ich in dem Druck, der in unserer Gesellschaft leider immer mehr zunimmt.
Erwin ist die Hauptfigur in „Findet mich“. Er bricht aus. Er verschwindet. Er kann nicht mehr. Erwin verabschiedet sich aber nicht vollkommen. Was er ja könnte. Da ist noch dieses Findet mich. Er hinterlässt Spuren. Will gefunden werden. Dennoch ist da diese veränderte Betrachtungswelt in Erwin, sind da diese verqueren Gedanken, die den Lesenden die Erkrankung greifbarer machen, die bei der Lektüre letztendlich immens berühren.
Ebenso thematisiert wird aber auch das Leiden der anderen Familienmitglieder in Rückblicken, die Welten der Ehefrau Maria und die Welten der Kinder Lukas und Florence. Denn diese Erkrankung ist nicht urplötzlich da. Sie erscheint und wird nach und nach mit der unbehandelten Zeit größer und größer und erschwert das Leben der Betroffenen und der Familien. Und dies schildert Doris Wirth einfach grandios. Alle in der Familie bekommen ihre Stimme und beschreiben ihr Leben. Und das passiert intensiv und absolut empathisch.
Nun könnte man meinen eine medikamentöse Einstellung verhindert so etwas. Aber so einfach ist das leider nicht. Klar hilft die Medikation und kann einen akuten Zustand abmildern und lässt die Symptome langsam verschwinden. Definitiv. Aber was passiert dann? Denn die Ursachen der Erkrankung sind hier noch nicht behandelt. Nicht umsonst spricht man in der Psychiatrie von diesem Dreiergestirn, was Medikation, Psychologie und letztendlich die Bereitschaft beim Patienten, das eigene Lebensfeld grundlegend zu verändern, beinhaltet. Und da kommt man zum schwierigsten Punkt. Das Eingemachte. Denn das ist das Schwierigste. Wie tickt man selbst? Wo sind die eigenen Wichtigkeiten? Was tut man für sich selbst, wo ist die Selbstfürsorge, wie viel Zeit hat man zur eigenen Seelenpflege? Und da kommt man zum springenden Punkt in unserer Welt des Druckes und der immer weniger werdenden Zeit, die man außerhalb des eigenen Hamsterrades verbringt!!!
„Findet mich“ ist ein kluges Psychogramm eines an einer Psychose erkrankten Mannes und seines nahen Umfeldes, aber gleichzeitig steckt in diesem Buch eine immense Gesellschaftskritik, die man bei und nach der Lektüre klug resümieren sollte!
In „Findet mich“ von Doris Wirth geht es um den Aufbruch und Ausbruch eines Familienvaters, der eine manische Psychose durchlebt. Die Autorin schreibt auch über Erwartungen, die Eltern an ihre Kinder haben und Kinder an ihre Eltern, über gesellschaftliche Zwänge und den Druck, es allen recht zu machen. Als Leserin oder Leser wird man sich in den unterschiedlichsten Rollen wiederfinden.
Wir folgen Erwin auf seinem Roadtrip ohne Plan, ohne Ziel, ohne Geld und ohne Familie. Immer schon hat sein Vater ihm das Gefühl gegeben, nicht genug zu sein. Dann der Tod des Vaters, der Jobverlust, das Gefühl, sein Leben nicht mehr im Griff zu haben: Erwin reicht es. Er sehnt sich nach dem unverfälschten, echten Leben in der Wildnis, bricht mit allen Regeln und Konventionen und verschwindet einfach aus dem Leben seiner Familie.
Zunächst wirkt es so, als hätte Erwin genug von seinem gewohnten Leben. Sein Wunsch nach Freiheit ist für mich greifbar, auch dass er das Gefühl hat, diese nur draußen in der Natur zu erreichen. Wer ist der Mensch, wenn er sich frei und ohne Regeln bewegt? Diese Frage stellt die Autorin immer wieder. Ich habe mich gefragt, ob dieser Wunsch nach Freiheit unabhängig von der Krankheit ist oder in Beziehung steht. Das wird bis zum Schluss nicht deutlich, wenn sich sogar die Kinder fragen, ob sie Erwin nicht lassen hätten sollen. Denn am Ende wirkt Erwin lustlos, desinteressiert und lässt jegliches Feuer vermissen. Interessant ist für mich auch, dass ich Erwin und seinen Wunsch nach Freiheit auch ohne die psychische Erkrankung nachvollziehen konnte, da großer Druck auf ihm lastet. Ich habe mit Erwin mitgefühlt, als er sich nach Pflanzen und feuchter Luft gesehnt hat, als er raus wollte aus dem grauen, kleinen Raum. Ich habe richtig gespürt, wie beengt er sich fühlt.
Doris Wirth erzählt ihr Familienpanorama aus unterschiedlichen Perspektiven: Wir lesen nicht nur über Erwin, sondern auch aus der Sicht von Maria, Lukas und Florence. Das ist besonders eindringlich, da wir erfahren, wie sich Erwins Verhalten auf alle auswirkt und wie die Beziehungen untereinander sind. Dabei hat jede Figur für sich ihre Probleme und Sorgen und ist auf der Suche nach dem Platz in der Welt. Besonders Lukas konnte ich gut verstehen, er bäumt sich immer wieder leise gegen den Vater auf, ist rebellisch und hat eine vollkommen unterschiedliche Vorstellung vom Leben. Beide Parteien haben es schwer, aufeinander zuzugehen und Gemeinsamkeiten zu entdecken.
Dabei erzählt die Autorin unaufgeregt, nicht übertrieben, und dadurch besonders authentisch und glaubwürdig, als würde man über eine Familie aus der Nachbarortschaft lesen. Besonders gefallen hat mir, dass sich Form und Inhalt des Buches angleichen. Je manischer, lauter, verwirrter Erwin am Ende seiner Reise wird, desto unvollständiger und abgehackter werden die Sätze im Buch. Dadurch werden die Geschehnisse temporeich erzählt und man hat das Gefühl, sich direkt in Erwins Gehirn zu befinden. Das hat mich beim Lesen sehr begeistert und macht das Buch einzigartig.
„Findet mich“ bleibt vor allem aufgrund seiner Authentizität in Erinnerung. Es ist eine tragische Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Ich habe diese außergewöhnliche Familiengeschichte sehr gerne gelesen und kann das Buch wärmstens empfehlen.
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