Krawatte, Dienstgrad, Feierabendbier: Es könnte
immer so weiter gehen. Doch Erwin, Mittfünfziger,
Familienvater, bricht aus. Einst ein Freigeist, stürzt
er sich nach Jahrzehnten wieder in ein wildes,
ungebundenes Abenteuerleben. Er taucht unter,
flieht in die Natur, gilt bald als vermisst. Findet mich
zeichnet das Psychogramm eines Mannes, dem
letztlich eine Psychose diagnostiziert wird und
dessen Familie ihn nicht mehr wiedererkennt. Doris
Wirth erzählt diese Geschichte als Langzeitporträt,
das wechselnde Perspektiven einnimmt; sie blendet
zurück in die Vergangenheit von Erwins Ehe, in
die sozialen Umstände der Familiengründung und
die Reaktionen der in diesen Verhältnissen aufwachsenden
Kinder. Findet mich ist ein packendes
Romandebüt, das nach den Auswirkungen der
Selbstdefinition über Leistung und Arbeit fragt und
Zwänge und Begrenzungen in unserer Gesellschaft
aufzeigt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
kaffeeelse
aus D
5/5
03.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich kann nicht mehr! Doris…
Ich kann nicht mehr! Doris Wirth gibt in ihrem Roman „Findet mich“ tiefe Einblicke in ein psychiatrisches Erkrankungsbild. Denn psychiatrische Erkrankungen reichen sehr weit. Der erkrankte Mensch ist der Leidtragende. Ja. Aber nicht nur. Denn auch sein Umfeld erkrankt mit. Denn diese Veränderungen, die psychiatrische Erkrankungen nun einmal mit sich bringen, befallen genauso das nahe Umfeld der Erkrankten. Und das wird in diesem Buch „Findet mich“ thematisiert. Was ich wunderbar finde! Denn wir brauchen in unserer Gesellschaft genau solche Einblicke. Die Zahl der psychiatrisch Erkrankten wächst in unserer Gesellschaft ständig. Nun könnte man meinen, dass läge an der wachsenden Bereitschaft sich mit diesem Thema zu befassen und sich eher ärztliche und/oder medizinische Hilfe zu suchen. Ich finde aber hier liegt ein gewisser Trugschluss. Denn den Hauptgrund für dieses vermehrte Auftreten psychiatrischer Erkrankungsbilder sehe ich in dem Druck, der in unserer Gesellschaft leider immer mehr zunimmt. Erwin ist die Hauptfigur in „Findet mich“. Er bricht aus. Er verschwindet. Er kann nicht mehr. Erwin verabschiedet sich aber nicht vollkommen. Was er ja könnte. Da ist noch dieses Findet mich. Er hinterlässt Spuren. Will gefunden werden. Dennoch ist da diese veränderte Betrachtungswelt in Erwin, sind da diese verqueren Gedanken, die den Lesenden die Erkrankung greifbarer machen, die bei der Lektüre letztendlich immens berühren. Ebenso thematisiert wird aber auch das Leiden der anderen Familienmitglieder in Rückblicken, die Welten der Ehefrau Maria und die Welten der Kinder Lukas und Florence. Denn diese Erkrankung ist nicht urplötzlich da. Sie erscheint und wird nach und nach mit der unbehandelten Zeit größer und größer und erschwert das Leben der Betroffenen und der Familien. Und dies schildert Doris Wirth einfach grandios. Alle in der Familie bekommen ihre Stimme und beschreiben ihr Leben. Und das passiert intensiv und absolut empathisch. Nun könnte man meinen eine medikamentöse Einstellung verhindert so etwas. Aber so einfach ist das leider nicht. Klar hilft die Medikation und kann einen akuten Zustand abmildern und lässt die Symptome langsam verschwinden. Definitiv. Aber was passiert dann? Denn die Ursachen der Erkrankung sind hier noch nicht behandelt. Nicht umsonst spricht man in der Psychiatrie von diesem Dreiergestirn, was Medikation, Psychologie und letztendlich die Bereitschaft beim Patienten, das eigene Lebensfeld grundlegend zu verändern, beinhaltet. Und da kommt man zum schwierigsten Punkt. Das Eingemachte. Denn das ist das Schwierigste. Wie tickt man selbst? Wo sind die eigenen Wichtigkeiten? Was tut man für sich selbst, wo ist die Selbstfürsorge, wie viel Zeit hat man zur eigenen Seelenpflege? Und da kommt man zum springenden Punkt in unserer Welt des Druckes und der immer weniger werdenden Zeit, die man außerhalb des eigenen Hamsterrades verbringt!!! „Findet mich“ ist ein kluges Psychogramm eines an einer Psychose erkrankten Mannes und seines nahen Umfeldes, aber gleichzeitig steckt in diesem Buch eine immense Gesellschaftskritik, die man bei und nach der Lektüre klug resümieren sollte!
Kaffeeelse
Thalia Book Circle Community
5/5
03.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich kann nicht mehr!
Doris Wirth gibt in ihrem Roman „Findet mich“ tiefe Einblicke in ein psychiatrisches Erkrankungsbild. Denn psychiatrische Erkrankungen reichen sehr weit. Der erkrankte Mensch ist der Leidtragende. Ja. Aber nicht nur. Denn auch sein Umfeld erkrankt mit. Denn diese Veränderungen, die psychiatrische Erkrankungen nun einmal mit sich bringen, befallen genauso das nahe Umfeld der Erkrankten. Und das wird in diesem Buch „Findet mich“ thematisiert. Was ich wunderbar finde! Denn wir brauchen in unserer Gesellschaft genau solche Einblicke. Die Zahl der psychiatrisch Erkrankten wächst in unserer Gesellschaft ständig. Nun könnte man meinen, dass läge an der wachsenden Bereitschaft sich mit diesem Thema zu befassen und sich eher ärztliche und/oder medizinische Hilfe zu suchen. Ich finde aber hier liegt ein gewisser Trugschluss. Denn den Hauptgrund für dieses vermehrte Auftreten psychiatrischer Erkrankungsbilder sehe ich in dem Druck, der in unserer Gesellschaft leider immer mehr zunimmt.
Erwin ist die Hauptfigur in „Findet mich“. Er bricht aus. Er verschwindet. Er kann nicht mehr. Erwin verabschiedet sich aber nicht vollkommen. Was er ja könnte. Da ist noch dieses Findet mich. Er hinterlässt Spuren. Will gefunden werden. Dennoch ist da diese veränderte Betrachtungswelt in Erwin, sind da diese verqueren Gedanken, die den Lesenden die Erkrankung greifbarer machen, die bei der Lektüre letztendlich immens berühren.
Ebenso thematisiert wird aber auch das Leiden der anderen Familienmitglieder in Rückblicken, die Welten der Ehefrau Maria und die Welten der Kinder Lukas und Florence. Denn diese Erkrankung ist nicht urplötzlich da. Sie erscheint und wird nach und nach mit der unbehandelten Zeit größer und größer und erschwert das Leben der Betroffenen und der Familien. Und dies schildert Doris Wirth einfach grandios. Alle in der Familie bekommen ihre Stimme und beschreiben ihr Leben. Und das passiert intensiv und absolut empathisch.
Nun könnte man meinen eine medikamentöse Einstellung verhindert so etwas. Aber so einfach ist das leider nicht. Klar hilft die Medikation und kann einen akuten Zustand abmildern und lässt die Symptome langsam verschwinden. Definitiv. Aber was passiert dann? Denn die Ursachen der Erkrankung sind hier noch nicht behandelt. Nicht umsonst spricht man in der Psychiatrie von diesem Dreiergestirn, was Medikation, Psychologie und letztendlich die Bereitschaft beim Patienten, das eigene Lebensfeld grundlegend zu verändern, beinhaltet. Und da kommt man zum schwierigsten Punkt. Das Eingemachte. Denn das ist das Schwierigste. Wie tickt man selbst? Wo sind die eigenen Wichtigkeiten? Was tut man für sich selbst, wo ist die Selbstfürsorge, wie viel Zeit hat man zur eigenen Seelenpflege? Und da kommt man zum springenden Punkt in unserer Welt des Druckes und der immer weniger werdenden Zeit, die man außerhalb des eigenen Hamsterrades verbringt!!!
„Findet mich“ ist ein kluges Psychogramm eines an einer Psychose erkrankten Mannes und seines nahen Umfeldes, aber gleichzeitig steckt in diesem Buch eine immense Gesellschaftskritik, die man bei und nach der Lektüre klug resümieren sollte!
Loreley
5/5
11.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
psychologische Betrachtung eines Familienkonstrukts
Familienvater Erwin bricht auf eine Abenteuerreise auf. Er will ganz auf sich gestellt sein, im Wald leben und seinen Instinkten vertrauen. Bei seinem Aufbruch hinterlässt er kleine Hinweise, denn zwar geht er ohne jemandem Bescheid zu geben, aber er möchte auch, dass man ihn sucht und findet.
Die Geschichte wird in Rückblenden aus der Perspektive von Erwin, seiner Frau Maria sowie den Kindern erzählt. Das Familienkonstrukt ist nicht einfach. Jedes der Familienmitglieder hat seine Probleme, deren Ursache zum Teil generationsübergreifend zu suchen sind. Erwin leidet unter seiner Rolle. Wie ist man ein guter Vater und Ehemann? Er definiert seinen Part in der Familie als den des Versorgers und stößt sich somit selbst an den Rand der kleinen Gemeinschaft. Maria versucht seine aus Überforderung resultierenden Wutausbrüche gegenüber den Kindern zu deckeln und da auszugleichen, wo Erwin fehlt.
Im Laufe der Geschichte erfährt man, wie Erwin schleichend psychisch erkrankt und sowohl selbst durch sein eigenes Verhalten toxisch ist, auf der anderen Seite aber auch unter sich selbst leidet. Zeit seines Lebens hat er sich angepasst und sich so verhalten wie er meint, dass es gesellschaftlich angemessen sei. Er gründet eine Familie, obwohl er sich gar nicht sicher ist, ob er das möchte. Die Frau sucht er sich danach aus, ob sie seinen Eltern gefällt. Er engagiert sich bei der Feuerwehr, obwohl er Fehler macht und sich nicht wohl fühlt. In vielen Dingen ist Erwin fremdgesteuert und verhält sich so, wie "man" es scheinbar von ihm erwartet.
Der Aufbruch von Erwin ist somit eine Reise auf der Suche nach Identität und dem Ausbrechen aus den Erwartungen und dem Fremdgesteuert sein. Er sucht zwar nach Zugehörigkeit, will sich aber gleichzeitig von den gesellschaftlichen Fesseln befreien, die ihn so belasten.
Der Schreibstil der Autorin ist einfühlsam und bildhaft, was ich sehr mochte. Ich habe in einem Interview mit Doris Wirth gehört, dass sie jahrelang an diesem Buch gearbeitet hat, und das merkt man diesem präzise ausgefeiltem Werk auch einfach an. Wer Interesse an ungesunden Familiendynamiken und psychischen Erkrankungen hat, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Zu Recht war "Findet mich" dieses Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und ich bin der Meinung, es hat noch viel mehr Aufmerksamkeit verdient.
Bewertung
5/5
18.09.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
... ein Vater, der gefunden werden will
... eine krasse Familiengeschichte, die mich trotz zunehmender Dramatik (oder gerade deshalb?) immer mehr in ihren Bann gezogen hat:
Eine Familie mit zwei heranwachsenden Kindern - Bruder und Schwester. Ein liebevoller Vater, der zunehmend zu extremen Wutausbrüchen neigt, eine fürsorgliche Mutter, die zwischen den Stühlen zu sitzen scheint und die heranwachsenden Kinder, die gleichzeitig voller Liebe und Angst die Launen des Vaters zu erspüren versuchen. Und dabei hoffen, nie so zu werden wie er ...
Und irgendwann ist der Vater verschwunden, einfach weg, will gefunden werden.
Absolut beeindruckend und sprachlich intensiv hat Doris Wirth dieses Gefüge mit Rückblicken auf die Kindheit und Jugend der Eltern geschildert, die einzelnen Personen in ihren Charakteren genauestens beschrieben und auch die sich entwickelnde Psychose des Vaters gekonnt geschildert.
Absolut lesenswert, finde ich.
Bewertung
5/5
15.09.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Nominiert für den deutschen Literaturpreis 2024
Ein Titel der Longlist zum deutschen Buchpreis.
Eine ganz normale Familie. Wirklich? Eigentlich schon. Ein Familienvater, Frau, Kinder, ein ganz normales Leben. Wären da nicht die verbalen Entgleisungen..... Und eines Tages beschließt Erwin, der Vater, auszubrechen aus diesem Leben.
Ich freue mich das dieses Buch nominiert wurde. Eindrucksvoll wird hier die Psychose eines Mannes geschildert, dem immer mehr entgleitet. Durch rückblenden nehmen wir teil an diesem Leben. Doch ob er es schafft müsst ihr herrausfinden.......
In „Findet mich“ von Doris Wirth geht es um den Aufbruch und Ausbruch eines Familienvaters, der eine manische Psychose durchlebt. Die Autorin schreibt auch über Erwartungen, die Eltern an ihre Kinder haben und Kinder an ihre Eltern, über gesellschaftliche Zwänge und den Druck, es allen recht zu machen. Als Leserin oder Leser wird man sich in den unterschiedlichsten Rollen wiederfinden.
Wir folgen Erwin auf seinem Roadtrip ohne Plan, ohne Ziel, ohne Geld und ohne Familie. Immer schon hat sein Vater ihm das Gefühl gegeben, nicht genug zu sein. Dann der Tod des Vaters, der Jobverlust, das Gefühl, sein Leben nicht mehr im Griff zu haben: Erwin reicht es. Er sehnt sich nach dem unverfälschten, echten Leben in der Wildnis, bricht mit allen Regeln und Konventionen und verschwindet einfach aus dem Leben seiner Familie.
Zunächst wirkt es so, als hätte Erwin genug von seinem gewohnten Leben. Sein Wunsch nach Freiheit ist für mich greifbar, auch dass er das Gefühl hat, diese nur draußen in der Natur zu erreichen. Wer ist der Mensch, wenn er sich frei und ohne Regeln bewegt? Diese Frage stellt die Autorin immer wieder. Ich habe mich gefragt, ob dieser Wunsch nach Freiheit unabhängig von der Krankheit ist oder in Beziehung steht. Das wird bis zum Schluss nicht deutlich, wenn sich sogar die Kinder fragen, ob sie Erwin nicht lassen hätten sollen. Denn am Ende wirkt Erwin lustlos, desinteressiert und lässt jegliches Feuer vermissen. Interessant ist für mich auch, dass ich Erwin und seinen Wunsch nach Freiheit auch ohne die psychische Erkrankung nachvollziehen konnte, da großer Druck auf ihm lastet. Ich habe mit Erwin mitgefühlt, als er sich nach Pflanzen und feuchter Luft gesehnt hat, als er raus wollte aus dem grauen, kleinen Raum. Ich habe richtig gespürt, wie beengt er sich fühlt.
Doris Wirth erzählt ihr Familienpanorama aus unterschiedlichen Perspektiven: Wir lesen nicht nur über Erwin, sondern auch aus der Sicht von Maria, Lukas und Florence. Das ist besonders eindringlich, da wir erfahren, wie sich Erwins Verhalten auf alle auswirkt und wie die Beziehungen untereinander sind. Dabei hat jede Figur für sich ihre Probleme und Sorgen und ist auf der Suche nach dem Platz in der Welt. Besonders Lukas konnte ich gut verstehen, er bäumt sich immer wieder leise gegen den Vater auf, ist rebellisch und hat eine vollkommen unterschiedliche Vorstellung vom Leben. Beide Parteien haben es schwer, aufeinander zuzugehen und Gemeinsamkeiten zu entdecken.
Dabei erzählt die Autorin unaufgeregt, nicht übertrieben, und dadurch besonders authentisch und glaubwürdig, als würde man über eine Familie aus der Nachbarortschaft lesen. Besonders gefallen hat mir, dass sich Form und Inhalt des Buches angleichen. Je manischer, lauter, verwirrter Erwin am Ende seiner Reise wird, desto unvollständiger und abgehackter werden die Sätze im Buch. Dadurch werden die Geschehnisse temporeich erzählt und man hat das Gefühl, sich direkt in Erwins Gehirn zu befinden. Das hat mich beim Lesen sehr begeistert und macht das Buch einzigartig.
„Findet mich“ bleibt vor allem aufgrund seiner Authentizität in Erinnerung. Es ist eine tragische Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Ich habe diese außergewöhnliche Familiengeschichte sehr gerne gelesen und kann das Buch wärmstens empfehlen.
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