Hätte die kleine Rozette als Baby nicht Schutz gefunden bei einem fremden Ehepaar, wäre sie wie ihre jüdischen Eltern in Auschwitz ermordet worden. Sie hat überlebt, weil man ihr eine neue Identität gab. Weil aus Rozette Rita wurde. Jahrzehnte später erzählt sie ihre Geschichte. Lutz van Dijk und Francis Kaiser haben ihr zugehört und mit ihrem Bilderbuch ein Format gefunden, in dem sie schon jüngeren Kindern vom Holocaust erzählen können. In beeindruckend realistischen Bildern zeigt Francis Kaiser die 80-jährige Rozette im Gespräch mit jungen Zuhörer*innen. Lutz van Dijk, der ihre Lebensgeschichte nacherzählt, erschafft eine Atmosphäre von Empathie und Geborgenheit, die es möglich macht, von Rozettes Trauma zu erfahren uind gleichzeitig von ihrer Fröhlichkeit und Zuversicht getröstet zu sein.
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07.02.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Einfühlsam und kindgerecht über den Holocaust sprechen
Ein Bilderbuch über den Holocaust für Kinder ab acht Jahren? Kann das funktionieren? Meiner Meinung nach schon!
„Damals hieß ich Rita“ ist gerade ganz neu im Peter Hammer Verlag erschienen und hat mich schon beim ersten, neugierigen Durchblättern überzeugt. Ich hoffte sehr, dass sich meine Meinung während des Lesens nicht ändern würde.
Rozette Kats erzählt selbst ihre Geschichte: „Die Geschichte von Rozette Kats“. Aufgeschrieben hat sie Autor Lutz van Dijk. Seine Bücher handeln von historischem und aktuellem Engagement von und für Minderheiten. Illustriert hat Francis Kaiser. Ihre Bilder sind sehr realistisch, mit Blick für jedes Detail, gestaltet. Sie wirken nahezu wie Fotografien und fangen Stimmungen und Gefühle unglaublich lebensecht ein. Es ist übrigens ihr Bilderbuch-Debüt.
Autor und Illustratorin finden zu Beginn des Buches im Vorsatzpapier sehr treffende Worte, ob es denn verantwortlich sei, ein Buch über den Holocaust für so junge Kinder zu schreiben. Ich schließe mich ihnen an. Ja, ist es. Der beste Beweis ist das vorliegende Bilderbuch.
Denn Rozette Kats erzählt ihre Geschichte mit Bezug auf die Lebenswelt heutiger Kinder. Nicole, Amira, Michael, John, Ali und Kerstin lauschen Rozette mit all ihrer kindlichen Neugierde und vielen Fragen, wie sie bei Kindern aus dem Bauch heraus kommen. Die Kinder und ihre Familien bilden dabei die bunte Vielfalt unserer Gesellschaft ab. Unter ihnen sind Kinder wie Nicole aus Kiew, die traurigerweise auch Kriegserfahrungen mit sich bringen.
Sehr einfühlsam erzählt die achtzigjährige Rozette, warum sie zwei Paar Eltern hatte. Dabei fragt sie die Kinder, ob sie die Geschichte hören möchten, auch wenn es sehr traurige Momente gibt. So werden die Kinder darauf vorbereitet, dass die Geschichte keine leichte ist. Ausgehend von einer Kinderfotografie aus dem Jahr 1944 beginnt Rozette vom Krieg und der Verfolgung der Juden zu sprechen. Durch Rückfragen der Kinder erfahren sie kindgerechte Erklärungen. Diese wiederum werden durch die Illustrationen von Francis Kaiser unterstützt, die den Alltag und die Gefahren, denen Juden ausgesetzt waren, zeigt und somit zum Verständnis beiträgt. Jedoch ohne dabei zu überfordern. Ab und an finden sich echte Fotos aus Rozettes Kindheit zwischen den Illustrationen. Das finde ich gelungen, weil so die historische Ebene, die Wahrhaftigkeit der Geschichte hinter dem Bilderbuch deutlich wird.
Rozettes Mama Bep hatte Angst um Rita, wenn es auf den Straßen Kontrollen durch deutsche Soldaten gab. Wer ist denn jetzt Rita, fragt ihr euch? Rozettes Eltern Henny und Emiel waren Juden und in ihrem Versteck nicht mehr sicher. Sie wollten alles tun, um das Leben ihres kleinen Mädchens zu retten. So brachten sie Rozette bei Bep und Henk unter, die kinderlos waren und ihr zur Sicherheit den Namen Rita gaben. Erst nach dem Krieg trauten sich Bep und Henk der fast sechsjährigen Rita zu erzählen, dass sie nicht die echten Eltern sind und sie nicht Rita heißt. Ihre leiblichen Eltern Henny und Emiel sowie ihr im Lager Westerbork geborener Bruder Robert wurden in Auschwitz ermordet. Für die zuhörenden Kinder ist die Geschichte so traurig, dass sich Amira sogar die Ohren zuhält. Anderen steht die Trauer ins Gesicht geschrieben. Einfühlsam spricht Rozette über diese Angst. Sie erzählt den Kindern von ihrer eigenen lebenslangen Angst. Denn auch wenn die Nazis und ihr Anführer Hitler nicht mehr an der Macht waren, wie konnte sie jemals sicher sein, ob nicht andere Menschen sie angreifen würden, weil sie jüdisch war? Rozette hat lange ihre Geschichte, den Krieg, die Nazis verdrängt. Wollte nichts davon hören. Hat ihre Angst versteckt und nach außen versucht froh auszusehen. Erst viel später, als sie anderen jüdischen Kindern begegnet, die in Verstecken oder unter anderem Namen lebten, setzte sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinander.
Rozettes Geschichte macht den zuhörenden Kindern deutlich, dass es trotz aller Schrecken in der Welt möglich ist einander zu vertrauen und respektvoll zu begegnen. Und so bedankt sich Amira am Ende der Geschichte, weil Rozette ihnen vertraut und ihre Geschichte erzählt hat. Zurück bleibt Zuversicht, die trotz all der Traurigkeit der Geschichte, Hoffnung schenkt.
Am Ende des Buches finden sich noch einige biografische Angaben zu Rozette Kats, die Hintergrundinformationen geben.
„Damals hieß ich Rita“ ist ein einfühlsames Bilderbuch, das es schafft, Kindern ab acht Jahren vom Holocaust zu erzählen, kindgerecht, auf Augenhöhe. Ich finde es sehr gelungen. Die Dialoge zwischen Rozette und den Kindern sind sehr sensibel und authentisch geführt. Die Illustrationen tragen in ihrer realistischen Darstellung zum Verständnis bei und übermitteln gleichzeitig sehr viele Emotionen, die helfen können, die Geschichte einzuordnen. Wenn Kinder Fragen stellen, brauchen sie ehrliche Antworten. Dieses Bilderbuch gibt Antworten auf Augenhöhe und holt Kinder dort ab, wo sie stehen, ist ehrlich, ohne zu überfordern, in einer geschützten Atmosphäre. Trotzdem gilt: Lest das Buch erst allein und schätzt dann ein, ob euer Kind dafür bereit ist.
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