Eine schockierende und gleichzeitig fesselnde Lektüre.
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4.9/5.0
Renas Wortwelt
5/5
09.09.2024
Buch (Taschenbuch)
Faszinierendes und unglaublich gut geschriebenes Tagebuch erschreckender Ereignisse
Von seinem kürzlich erschienenen Buch „Marseille 1940“ war ich absolut begeistert und eingenommen. Eine Lesung des Autors daraus mit hochinteressanten Berichten aus seiner Recherche und spannenden Informationen über den Buchinhalt hinaus hat mich dazu bewogen, auch dieses Buch, das jetzt neu als Taschenbuch herauskam, zu lesen.
Und auch davon bin ich begeistert. Am Tag, als es bei mir ankam, nahm ich es sofort zu Hand und konnte es nicht mehr weglegen, bis ich es ausgelesen hatte. Spannender und fesselnder kann auch ein hochkarätiger Thriller nicht sein. Und die erschreckenden Parallelen zu aktuellen Geschehnissen drängen sich geradezu auf.
In Tagebuchform beginnend kurz vor dem Tag der Machtergreifung am 30. Januar 1933, erzählt Uwe Wittstock von den dramatischen und rasanten Entwicklungen, die sich vor allem für die Künstler und Schriftstellerinnen, für Journalisten und Politikerinnen ergaben. Menschen, die plötzlich Verfolgte waren, deren Bücher nicht mehr gelesen, deren Meinung nicht mehr gehört werden durfte.
Heinrich Mann, die Kinder seines Bruders Thomas, Klaus und Erika, Bertold Brecht, Hermann Kesten, Erich Kästner, Erich Maria Remarque, die Liste ist lang, die Liste der Namen derer, die sich plötzlich mit der alles entscheidenden Frage konfrontiert sahen: Gehen oder bleiben.
Else Lasker-Schüler oder Käthe Kollwitz, Alfred Döblin und Walter Mehring, Egon Erwin Kisch, sie alle mussten Verfolgung und schlimmeres befürchten. Und dann gab es noch die, die meinten, so schlimm werde es ja nicht werden, man solle doch abwarten. Und dann diejenigen, die sich in den neuen Umständen etablierten, sich dem Druck beugten oder sich gar gemein machten mit den neuen Machthabern.
Wie so manche in der Akademie der Künste, in der Sektion der Literatur, die von dem neuen kommissarischen Kultusminister zum Ausschluss so berühmter Mitglieder wie Heinrich Mann gezwungen wird. Nur wenige der Mitglieder protestieren, wollen sich dagegen wehren, doch auch sie verstummen schließlich.
Doch es trifft nicht nur Kulturschaffende, auch Politiker werden verfolgt, verprügelt, eingesperrt, gefoltert, alles ohne Handhabe, ohne Kontrolle, verschwinden in Gefängnissen und Lagern. Es geht rasend schnell, es dauert nur wenige Wochen, es braucht nur wenige Gesetze, die Hindenburg willfährig unterzeichnet. Und jede freie Meinungsäußerung, jede Kritik am Regime, alles wird plötzlich lebensgefährlich.
Uwe Wittstock schafft es, durch die Tagebuchform eine enorme Spannung zu erzeugen, man fiebert mit den Betroffenen, hofft wider besseres Wissen, ist entsetzt über die Geschwindigkeit, mit der jede demokratische Ordnung außer Kraft gesetzt wird. Am Ende jedes Tages, den er aufzeichnet, sind, im Stil von Polizeimeldungen, kurze Notizen angefügt über die an jenem Tag in Deutschland getöteten und verletzten Menschen, bei Demonstrationen, bei Protesten, bei Schlägereien der SA und der SS.
Das Buch nimmt einem fast den Atem und die Gefahren, die einer Demokratie, die sich nicht rechtzeitig wehrt, drohen, die Gefahr, dass sich ähnliches wiederholt, sind leider so real, so gegenwärtig. So ist dieses Buch beklemmend, erschreckend und doch so ungemein wichtig, dass man sich wünscht, es würde Pflichtlektüre in den Schulen, besonders in manchen Regionen Deutschlands.
Uwe Wittstock – Februar 33: Der Winter der Literatur
C.H. Beck, April 2024
Taschenbuch, 288 Seiten, 16,00 €
Bewertung
5/5
16.02.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mit der Ernennung Hitlers zum...
Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler endete am 30.1.1933 die Weimarer Republik. Bereits in den ersten Märztagen gab es die ersten Bücherverbrennungen. Sechs Wochen, die absolut alles verändert haben. Das Buch macht einfach nur betroffen und ist heute aktueller denn je.
LichtundSchatten
5/5
21.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Im Grunde unglaublich, wie…
Im Grunde unglaublich, wie schnell damals die Unterdrückung von missliebigen Autoren durchgesetzt wurde. Mit atemloser Spannung bin ich den Ausführungen gefolgt und habe die Vertreibungs-Zeit vor 90 Jahren als etwas erlebt, das man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Die szenischen Schilderungen sind äußerst gelungen und vermitteln ein realistisches Bild, auch die unterschiedlichsten Verhaltensweisen, von sofortiger Abreise bis hin zum Glauben, man könne dagegen halten. Uwe Wittstock meint Ähnlichkeiten zum Heute erkennen zu können, im allgemeinen Vorfeld-Zustand: "Die wachsende Spaltung der Gesellschaft. Die Dauerempörung im Netz, die den Keil immer tiefer treibt." Die offene Frage wäre, wer diesen Keil verursacht hat und weiter befeuert. Ich sehe aber keine Gefahr eines nationalen Überschwangs mehr, gleichwohl befremdet mich die Kriegsbegeisterung der Grünen, die vor der letzten Wahl keinesfalls Kriegsgerät in Krisengebiete schicken wollten. Falls überhaupt ist heute eine nach links und grün tendierende Stimmung vorhanden, die Schuldige im rechten Spektrum sucht, ohne noch Unterschiede zu machen. Die religiös aufgeladene Glaube an unsere Schuld am Klimawandel verheißt leider nichts Gutes.
Bewertung
5/5
11.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Spannende und informative politische Literaturgeschichte mit aktuellen Bezügen
Wittstock zieht aus den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen der NS-Machtergreifung Lehren für die heutige Zeit. Besonderes Augenmerkt legt er auf die rasante Abschaffung des Grundrechtes der Meinungsfreiheit durch die Nazis und die daraus folgenden existentiellen Konsequenzen für die deutschen Literaten: Im Fokus stehen private Tagebucheinträge einerseits, Publikationen und öffentlichen Aktionen auf der anderen: Wir erleben Bert Becht, die Familie Mann, Ricarda Huch, Alfred Döblin u.v.m. im historischen Kontext und können mithilfe der gewährten Einsichten auch Gegenwartsliteratur (z.B. Clemens Setz: "Monde vor der Landung", 2023) besser verstehen.
Bewertung
5/5
13.02.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Dynamik des Schreckens
Der Februar im Jahre 1933 - Tag für Tag ab der Machtergreifung Hitlers wird in diesem Buch die dramatische Zuspitzung der Lage in Deutschland generell und im Besonderen die der Künstler und Literaten vor Augen geführt. Wer erkannte den Ernst der Situation, die Gefahr, wer war zunächst relativ sorglos? Wie reagierten all die berühmten Persönlichkeiten mit den uns so vertrauten Namen wie Thomas Mann oder Alfred Döblin?
Eine Geschichtsstunde, wie sie sein sollte - Hochspannend!
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