Gefangen in einer Zeitschleife erlebt Tara Selter immer denselben Tag, während es für alle anderen Menschen, denen sie begegnet, ein immer neuer Anfang ist. Nachdem ein Jahr voller Achtzehnter-November-Tage weder einen Wiedereinstieg in die Zeit noch eine Rückkehr in das Zusammenleben mit ihrem Ehemann Thomas ermöglicht hat, fühlt sich Tara niedergeschlagen und richtungslos. Es ist ständig Herbst, sie sehnt sich nach Frühlingssonne und warmen Sommerabenden, nach Schnee und Weihnachten. Um die Jahreszeiten zu rekonstruieren, begibt sie sich in der stillstehenden Zeit auf Reisen durch den Raum. Im hohen Norden findet sie den Winter, in Südfrankreich Frühling und Sommer, den Herbst verbringt sie in Köln und Düsseldorf. Es entsteht ein wundersames Reisebuch und eine Jahreszeitensammlung, in der ein ganzes Jahr in einem einzigen Datum gerinnen kann. Eine römische Münze, die sie in Paris gekauft hat, wird Tara zum Sinnbild des stehengebliebenen Augenblicks. Als sie tiefer in die antike Geschichte eintaucht, in der sie ihr eigenes Schicksal gespiegelt sieht, trifft sie in einem Café einen Mann, der ebenfalls im achtzehnten November feststeckt.
sprengt den Rahmen des kleinen Universums, in dem sich der erste Band dieses groß angelegten Romanprojekts abspielt. Raffiniert erweitert Solvej Balle ihren Erkundungsraum, um die Bedingungen unserer Existenz umso tiefer zu erforschen. Eine eindringliche Mahnung, die Welt und ihren Wandel nicht für selbstverständlich zu halten.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Zauberberggast
aus München
5/5
20.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der unerbittliche 18.November
Heute ist der 20. November. Ich bin in der Zeit fortgeschritten, der 18. November liegt für mich schon zwei Tage zurück. Der 18. November ist für die meisten Menschen ein ganz normaler Tag, es sei denn, sie haben Geburtstag oder ein anderes wichtiges Ereignis an diesem Tag zu begehen. Nicht so für Tara Selter, die Protagonistin und Ich-Erzählerin aus “Über die Berechnung des Rauminhalts” von Solvej Balle. Für die belgisch-britische Französin, die von Beruf antiquarische Buchhändlerin ist, wiederholt sich der 18.11 immer und immer wieder, sie ist in einer Zeitschleife gefangen.
Seit ich letztes Jahr am 18.11 mit der Reihe angefangen habe, bin ich großer Fan und doch habe ich im Laufe des Jahres nicht mehr weitergelesen. Vier Bände des auf sieben Bände angelegten Werks sind bereits von Peter Urban-Halle für Matthes & Seitz Berlin vom Dänischen ins Deutsche übersetzt worden und trotz der Begeisterung habe ich erst jetzt wieder, an einem 18.11, zu Band II gegriffen. Es kam mir irgendwie falsch vor, nicht am oder um den 18.11 den “Rauminhalt” zu lesen. Gleichzeitig werde ich am 18.11, so oft der Tag auch für mich wiederkehren möge, keine andere Buchreihe, keinen anderen Roman lesen können als: “Über die Berechnung des Rauminhalts” von Solvej Balle.
Dabei wäre es - zumindest was Band II betrifft - eigentlich passend gewesen. Denn in diesem Buch versucht Tara aus der Gleichzeitigkeit ihrer Umstände, dem Immergleichen “ihres” 18. November auszubrechen und sie fängt quasi an, im 18.11 die Jahreszeiten zu suchen. Sie konstruiert sich künstlich das Zeitvergehen, das sie anhand von meteorologischen Markern festmacht, die den Jahreszeitenwechsel indizieren. Sie reist durch ganz Europa, um richtigen Winter mit Schnee (in Skandinavien), einen Frühling mit neugeborenen Schafen (in Süd-Cornwall), einen warmen Sommertag (in Südrankreich) und schließlich milde Frühherbsttage (im Rheinland) zu erleben.
Die Szene, wo sie mit ihren Eltern in Brüssel Weihnachten feiert, ist geradezu rührend. Wie sie selbst versucht, eine Illusion zu erzeugen, die Zeitschleife zu überlisten, indem sie den Christmaspudding mit ins Bett nimmt. Denn die Sachen in ihrem Bett neigen dazu, nicht zu verschwinden, so wie sie selbst auch ihre Erinnerungen an die täglich wiederkehrenden 18. November behält - nur alle anderen nicht. Wir lernen in diesem Band mehr über Taras Vergangenheit und ihre Weltsicht. Thomas, ihr Mann, der im ersten Band viel Raum eingenommen hat, wird
nicht so oft erwähnt. Er bleibt in ihrem Haus in Frankreich, Tara trifft ihn nicht, sie denkt nur an ihn, wenn sie an Körperlichkeit und Glück denkt.
Ich habe wieder so viel angestrichen, mir so viel von dieser ruhigen, philosophischen Prosa merken wollen. Zum Beispiel die Resignation, das Akzeptieren, dass ihre Jahressimulation eine Farce war: “Vielleicht soll ich einfach in der Welt leben, wie sie ist, und akzeptieren, dass es keine Feiertage mehr gibt, kein Weihnachten, kein Neujahr, dass ich nie mehr Winter oder Frühling erleben werde, kein Ostern, keinen Sommer. Nur November. November.” (S. 142)
Ich weiß nicht, ob ich ein ganzes Jahr auf Buch III warten will. Nicht nach dem Cliffhanger am Ende. Wie soll ich es aushalten, dass mein 18. November sich nur einmal im Jahr wiederholt?
Kata_____Lović
aus Bremen
5/5
14.10.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Auf den zweiten Teil von die…
Auf den zweiten Teil von die » Über die Berechnung des Rauminhalts« habe ich freudig gewartet. So inspirierend war der erste Teil, in dem die Antiquariatsbuchhändlerin Tara in einer Zeitschleife hängen bleibt. Immer wieder landet sie im achtzehnten November, Groundhogday in intellektuell. Im ersten Teil sucht Tara nach dem Ausweg und es ist am Ende offen, ob sie bereit ist für die Lücke im System, für den Sprung raus aus der ewigen Wiederholung der Außenwelt, in der sie selbst die einzige Variation ist. Auch Wochen nach dem Lesen dachte ich so einige Radfahrten darüber nach und versuchte zu erraten, was wird Balle in den folgenden sechs Bänden tun? Wird sie die Perspektive zu den anderen Figuren wechseln? Wird sie auflösen, dass es sich um ein Wahnsystem der Figur handelt? Zur gleichen Zeit war ich überzeugt, nein, das wäre viel zu einfach und linear, meine Gedanken sind zu begrenzt für diese Autorin und Geschichte, sie wird mich überraschen. Und, was soll ich sagen, ich wurde nicht enttäuscht. Es ist nicht einfach über Band Zwei zu schreiben, ohne zu spoilern, denn der Text lebt von überraschenden neuen Perspektiven. Tara sucht nicht mehr nach Lücken, sie akzeptiert den chronischen Zustand des achtzehnten Novembers und findet zu neuen Bewegungen in diesem zeitlich begrenzten Raum. Variationen findet sie, indem sie den Blick nach außen richtet, auf die flüchtigen Einblicke in die Leben Anderer, auf kollektiv strömende Menschenmengen, deren Sog nur kurz auf sie wirkt und über die örtliche Bewegung im Raum, die ihr sogar das Erleben von Jahreszeiten ermöglicht. Auch wenn es ihr sinnlos erscheint, fast zwanghaft dokumentiert sie ihre über die Zeitschleife hinausgehenden Gedanken. Mit Band Zwei schafft die Autorin es, mich wieder in Erstaunen zu versetzen, auf eine unaufgeregt leise und langsam einsinkende Art. Sprache und Tempo bilden damit einen Kontrast zum Gewissheiten in Frage stellenden Inhalt. Balle öffnet Raum um Raum und ich hab großes Vertrauen, dass sie weiter in Erstaunen versetzen wird. Denn das ist gesetzt, es müsste schon einiges passieren, dass ich die weiteren Bände nicht mehr lese. So müssen sich Fantasy- oder Romantasy- oder wie diese Genres heißen- Leser:innen fühlen, die der nächsten Fortsetzung mit Spannung entgegenfiebern, ich warte mit Freude auf Band Drei. Habe ich oder andere Rauminhaltbegeisterte dein Interesse geweckt? Steig ein in diesen Zug, es ist inspirierend, klug, eine entrückte, ganz eigensinnige Welt, die viel zu sagen hat über unser Sein.
Bewertung
5/5
14.10.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Überraschend wie Band 1
Auf den zweiten Teil von die » Über die Berechnung des Rauminhalts« habe ich freudig gewartet. So inspirierend war der erste Teil, in dem die Antiquariatsbuchhändlerin Tara in einer Zeitschleife hängen bleibt. Immer wieder landet sie im achtzehnten November, Groundhogday in intellektuell. Im ersten Teil sucht Tara nach dem Ausweg und es ist am Ende offen, ob sie bereit ist für die Lücke im System, für den Sprung raus aus der ewigen Wiederholung der Außenwelt, in der sie selbst die einzige Variation ist. Auch Wochen nach dem Lesen dachte ich so einige Radfahrten darüber nach und versuchte zu erraten, was wird Balle in den folgenden sechs Bänden tun? Wird sie die Perspektive zu den anderen Figuren wechseln? Wird sie auflösen, dass es sich um ein Wahnsystem der Figur handelt? Zur gleichen Zeit war ich überzeugt, nein, das wäre viel zu einfach und linear, meine Gedanken sind zu begrenzt für diese Autorin und Geschichte, sie wird mich überraschen. Und, was soll ich sagen, ich wurde nicht enttäuscht.
Es ist nicht einfach über Band Zwei zu schreiben, ohne zu spoilern, denn der Text lebt von überraschenden neuen Perspektiven. Tara sucht nicht mehr nach Lücken, sie akzeptiert den chronischen Zustand des achtzehnten Novembers und findet zu neuen Bewegungen in diesem zeitlich begrenzten Raum. Variationen findet sie, indem sie den Blick nach außen richtet, auf die flüchtigen Einblicke in die Leben Anderer, auf kollektiv strömende Menschenmengen, deren Sog nur kurz auf sie wirkt und über die örtliche Bewegung im Raum, die ihr sogar das Erleben von Jahreszeiten ermöglicht. Auch wenn es ihr sinnlos erscheint, fast zwanghaft dokumentiert sie ihre über die Zeitschleife hinausgehenden Gedanken. Mit Band Zwei schafft die Autorin es, mich wieder in Erstaunen zu versetzen, auf eine unaufgeregt leise und langsam einsinkende Art. Sprache und Tempo bilden damit einen Kontrast zum Gewissheiten in Frage stellenden Inhalt. Balle öffnet Raum um Raum und ich hab großes Vertrauen, dass sie weiter in Erstaunen versetzen wird.
Denn das ist gesetzt, es müsste schon einiges passieren, dass ich die weiteren Bände nicht mehr lese. So müssen sich Fantasy- oder Romantasy- oder wie diese Genres heißen- Leser:innen fühlen, die der nächsten Fortsetzung mit Spannung entgegenfiebern, ich warte mit Freude auf Band Drei.
Habe ich oder andere Rauminhaltbegeisterte dein Interesse geweckt? Steig ein in diesen Zug, es ist inspirierend, klug, eine entrückte, ganz eigensinnige Welt, die viel zu sagen hat über unser Sein.
Lust_auf_literatur
4/5
30.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine gelungene Weiterschreibung des transzendenten Zeitschleifen-Romanprojektes
Auf diesen Roman freue mich schon länger! Ich stelle euch heute die Fortsetzung, besser gesagt den zweiten Teil, des mehrbändig angelegten Romanprojekts „Die Berechnung des Rauminhalts“ von Solveig Balle vor.
Auch in Teil II hängt die Erzählerin Tara, deren Aufzeichnungen wir lesen, immer noch in der Zeitschleife des 18. Novembers fest. Sie erlebt im Gegensatz zu ihren Mitmenschen, die den 18. November immer zum ersten Mal erleben, immer wieder den gleichen Tag.
Die Versuche aus Band I die Mechanismen und die Wirkungsweisen dieser Zeitschleife zu verstehen oder gar zu durchbrechen hat Tara genauso hinter sich gelassen, wie ihr Zuhause und ihren Lebensgefährten Thomas.
Zu stark wurde das Gefühl der Distanz und der Fremdheit.
Und hier habe ich wieder genau wie bei Teil I diese starken persönlichen Assoziationen. Die Gefühle, die Tara zu Beginn des Romans beim Durchstreifen der Straßen beschreibt: “…fühle mich unwohl, überflüssig, ausgelaugt, verkehrt.”
Das Gefühl von Leere und aus der Zeit gefallen zu sein . Das eigene Ich beginnt sich aufzulösen…
Nach einer kurzen Rückkehr in ihr Elternhaus reist Tara durch Europa in dem Versuch sich ihre eigenen Jahreszeiten jenseits des 18. Novembers zu schaffen. Im ihrem gefühlten Winter nach Norden, im Frühjahr wieder nach Süden.
Tara erlebt die Jahreszeit nicht zeitlich sondern örtlich. Schafft sich ihre eigenen Jahresrythmus unterhalb des 18. Novembers. Kann das gelingen? Wird es ihr Halt geben?
Balle erschafft mit Tara eine Figur, die versucht, sich mit einer Situation abzufinden, die sie nicht ändern oder erklären kann. Mit Routinen und Abläufen, die sie gefangen halten. Ein Gefühl, dass ich und bestimmt viele kennen. Und dabei die Erkenntnis:
„Ich habe alles, was ich brauche. Ich leide keinen Hunger. Ich kann kaufen, was ich will.[…] Ich habe keine Verluste erlitten, keine persönlichen Enttäuschungen, ich wurde nicht abgewiesen, nicht verlassen. Es ist nichts geschehen, das man fürchten kann. Nichts Fürchterliches.“
Ist das für ein Leben ausreichend?
Ich bin wieder fasziniert von Balles Fähigkeit, in wenigen und sachlichen Worten eine Tiefe in ihrem Roman zu erschaffen, der viel Raum für Interpretationen und Assoziation lässt. Literarisch auf hohem Niveau nutzt sie den Rahmen der Zeitschleife um existenzielle und philosophische Fragestellungen auszuloten, die uns alle betreffen. Ob es um das Thema der endlichen Ressourcen geht oder darum, was uns noch als Individuum ausmacht, wenn alle Rahmenbedingungen wegfallen. Die Möglichkeiten in Balles Romanen Parallelen zu mir selbst oder zu unserer Welt zu finden sind so zahlreich wie reizvoll.
Stilistisch kann mich Balle mit ihrer nüchternen Berichterzählung fesseln. Die überraschenden Tempi Wechsel sorgen für Abwechslung. Für mich gibt es allerdings bei Teil II einen kleinen Abfall im Spannungsbogen. Zwar gibt Balle ihrer Erzählung im letzten Drittel nochmal eine komplett neue Richtung, an die fesselnde Spannung von Teil I kann das leider nicht ganz anknüpfen.
Im allerletzten Absatz sorgt der überraschende, fulminante Cliffhanger dafür, dass ich eigentlich sofort mit Teil III weiterlesen will!
Es bleibt geheimnisvoll und spannend und ich möchte gerne wissen, in welche Richtungen mich Balle noch mitnehmen wird!
„Ich finde nicht die Erklärungen, nach denen ich suche. Ich finde neue Fragen und neue Antworten.“
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4/5
18.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wahljahreszeit
Nach einem Jahr ständig wiederkehrender 18. November resigniert die Protagonistin im zweiten Band dieser Pentalogie und fügt sich vermeintlich in ihr Schicksal. Zwischen Wehmut, Frohsinn und Wut schwankend, nimmt sich Tara Selter selbst aus der Welt und wird zeitweilig zum Voyeur fremder Leben. Durch Standortwechsel erschafft sie sich ihre eigenen Jahreszeiten und lässt so ein Reisetagebuch der etwas anderen Art entstehen. Mit philosophischen Gedankenspielen gespickt bietet Solvej Balle erneut seitenweise anspruchsvolle Unterhaltung.
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