Du bist zurück am Ort deiner Kindheit. Dein erstes Laufen um den See wird zum Einlaufen in frühere Gerüche, in Gefühle von Geborgenheit, abseits von Tempo. Du bist wieder hier, stehst auf der Brücke am Ende des Sees. Das feuchte Holz trägt seinen Geruch zu dir und mit ihm die Bilder deines nicht mehr existierenden Familienhauses. Es riecht nach morschen Brettern, der regennassen Veranda, den Badeanzügen der Großmutter, dem Wetterfleck des Großvaters ... Das Gehen zu früheren und gegenwärtigen Orten rund um das ehemalige Haus verschafft dir Zutritt zu vergangenen Stimmen, Silhouetten, Berührungen – aber auch zum Verstehen. Denn du begreifst, wie nie aufgearbeitete Kriegstraumata der Familie in deinem Körper, deinen Emotionen und Denkmustern weiterwirken. Sophia Lunra Schnacks Debütroman bewegt sich in einem zeitlosen Raum, in dem die Grenzen zwischen Erinnerung und Zukunft, Vergangenheit und ihrer gefürchteten Wiederkehr durchlässig werden. Fast märchenhaft mutet die Landschaft an, vor der rückblickend Kriegs realitäten von Großvater und Urgroßvater erzählt werden. Der Übergang geschieht unbemerkt, elegant, harmonisch, genauso wie literarische Schranken und Genre-Grenzen sich verschieben: Prosa verwandelt sich in leichtfüßige Strophen und Verse erzählen ihre Geschichten. In der Auflösung erst entsteht der Zusammenhalt.
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Ein Buch, in dem man sich verlieren kann
Bewertung am 24.11.2023
Bewertungsnummer: 2074992
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Nach wenigen Seiten vergisst man, dass man im Moment liest... man verliert sich in Landschaften und Gerüchen. Innovativ geschrieben. Gleichzeitig leicht und schwer. Eine Empfehlung.
Ein Roman, lyrisch poetisch, frei von Konventionen. Eine Familiengeschichte über vier Generationen.
MarcoL aus Füssen am 03.09.2023
Bewertungsnummer: 2013849
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn die Zeilen verfließen, aus angedeuteter Prosa in ungewohntem Sprachstil plötzlich eine Lyrik entsteht, die einen durch den Text zieht und mitreißt, dann befindet man sich in diesem eindrucksvollen Debüt der Autorin. Oft weiß man nicht, wann und wo man sich aufhaltet, verliert sich in einer Blase ohne Dimensionen – ob Gegenwärtiges oder Vergangenes gerade im Fokus stehen. Und dennoch, so widersprüchlich es klingen mag, entdeckt man sich während des Lesens nur in diesem geschaffenen Raum, wunderbar erzählt, frei ab von klaren und engen Strukturen.
Und genauso pendeln wir im Roman zwischen Erinnerung, Erzähltem und der Gegenwart hin und her, wie die Sprache scheinbar willkürlich zwischen Lyrik und Prosa wechselt.
Worum geht es (ohne zu viel zu verraten): die Erzählerin begibt sich zurück an den Ort ihrer Kindheit. Erinnerungen werden wach, verknüpfen sich zu Assoziationen mit Gerüchen (wie der von feuchtem Holz), Gefühlen und allen anderen Eindrücken, welche sich uns an bestimmten Orten unweigerlich ins Gedächtnis brennen, und sich auch dort wieder offenbaren. Aus dem Erinnern heraus schält sich eine Familiengeschichte, beginnend vor langer Zeit, als der Urgroßvater noch jung war. Von den Kriegen, den Großvater-Zwillingen, von der Großmutter. Der Gefangenschaft, den Denunziationen und der lange Weg zurück in ein bürgerliches Leben. Sie bilden einen Reigen, verschwimmen, schlagen Kreise wie in einem See, welche in poetischen Wellen auf uns einschlagen, schaukeln, einen sanften Sog bilden und uns durch die Geschichte treiben lassen.
Es ist das Leben ihrer Vorfahren, sowie dessen intensives Erleben, welches ebenfalls einen Kreis um die erlebte Kindheit schließt, im Gewässer der Erinnerung dümpelt, und sich manifestiert durch das Tagebuch. Es sind oft kleine Dinge, wie ein Fleck, oder ein Kleidungsstück, welche versteckte Emotionen hervorbrechen lassen.
Malerische Naturszenen um das Dachsteingebiet runden den Roman ab, wecken selbst Erinnerungen an längst vergangene Tage und werfen (zumindest für mich) viele Fragen auf, wie es damals, zu jenen leidvollen Tagen, wirklich war. Sophia Lunra Schnack nimmt uns hier mit auf eine wunderbare Reise, aufgewühlt von nie aufgearbeiteten Traumata einer Familie, die von den Kriegen und der Zeit danach geprägt war (und ganz gewiss stellvertretend für ganz viele Schicksale stehen mag).
S. 110:
„seine ruhe nach der flucht
für hergenommene nerven
im haus das am waldrand
das schwebt
über dem see
darin wieder aufgenommenes atmen
wieder ansetzende knospen
bis bald ein neues
erwachen“
Ich könnte noch weiterschwärmen – für mich eindeutig ein literarisches Jahreshighlight und ganz klar eine riesengroße Leseempfehlung.
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