Simone Atangana Bekono legt mit "Salomés Zorn" ein erstaunliches Debüt über das Aufwachsen in einem rassistischen Umfeld vor. Mit der Geschichte der Jugendlichen Salomé, die ihre Wut nicht kontrollieren kann und sich zunehmend an den Rand der Gesellschaft manövriert, erzählt sie auf eindringliche Weise, wie stark das Gefühl des Fremdseins ein Leben dominieren kann.
"Du musst deiner Faust folgen", erklärte er und machte mir den Schlag vor. "So, als ob du ein Loch in deinen Feind schlagen willst." Salomés Vater weiß, was Rassismus bedeutet. Als Kameruner in der niederländischen Provinz hat er ihn oft genug am eigenen Leib erfahren. Für ihn liegt es auf der Hand, was er seiner sechzehnjährigen Tochter mit auf den Weg gibt: Du musst kämpfen. Seinen Blick voller Scham, als sie verhaftet wird, vergisst Salomé nicht. Die Jugendstrafanstalt, in die sie gebracht wird, ist kaum beklemmender als das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist. Doch muss sich Salomé hier zum ersten Mal wirklich mit dieser großen Wut auseinandersetzen, die ihr Handeln immer stärker bestimmt. Und das ausgerechnet mit dem Therapeuten Frits, den sie aus "Hello Jungle" kennt, einer Trash-TV-Show, die mit den fremdenfeindlichen Vorurteilen ihrer Kandidaten auf Quotenfang geht. Aber mit Gewalt und Verachtung wird sie hier nicht weiterkommen, Salomé muss umdenken ¿ und beginnt zu verstehen, dass ihre eigene Feindseligkeit nichts von dem aufwiegt, was sie selbst so verachtet.
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
Dirk Knappe
aus Hagen
5/5
29.01.2023
eBook (ePUB)
"Gewalt ist ein unkontrollierbares Tier, das am Ende oft seinen eigenen Herrn angreift.” | Renny Yagosesky
Das preisgekrönte Romandebüt der niederländischen Lyrikern Simone Atangana Bekono ist ein packender Roman über strukturellen Rassismus in Europa. Prägnant, tiefschürfend und mit großer Dringlichkeit erzählt. Besonders die Tiefe der Charaktere der handelnden Personen hat mich eindrücklich angesprochen. Das Buch ist wichtig und lesenswert!
Kritisch sehe ich das Geschäftsgebaren des veröffentlichenden Verlags. Für überschaubare 248 Seiten ruft der C.H. Beck Verlag 17,99€ (eBook), 24€ (Buch) auf. Das ist ungeheuerlich und Abzocke. Wir dürfen nicht wortlos zuschauen, wenn lesen nur noch für Besserverdienende bezahlbar wird!
Bewertung
4/5
04.02.2023
eBook (ePUB)
Die destruktive Kraft von Wut
Die Autorin stellt die Jugendgeschichte der schwarzen, aus Afrika stammenden Protagonistin Salome in den Niederlanden vor. Hierbei präsentiert sie Stück für Stück wichtige Ereignisse aus ihrem Leben, die schließlich als einzelne Puzzleteile zu einem Gesamtbild ihrer bisherigen Biografie führen. Abwechselnd werden Abschnitten aus ihrer Kindheit und Jugend mit ihrer Familie, in der Schule, in der niederländischen Gesellschaft, im Urlaub in Kamerun, ihrem Aufenthalt in einem therapeutisch begleiteten Rehabilitationszentrum, ihr Gewaltausbruch gegenüber zwei rassistischen Tätern und ihrer Gerichtsverhandlung erzählt. Dabei bleibt die Autorin stets bei Salomés Perspektive und gibt einen tiefen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonistin. Deutlich wird, dass Salomés Leben nicht durch Liebe und Gemeinschaft, sondern durch, Hass, Ver- und Missachtung, Wut, Gewalt, Isolation und emotionaler Vereinsamung geprägt ist. Die Wurzel dieser Ausgrenzung ist Salomés Hautfarbe und Herkunft. Menschen können ihre Hautfarbe und ihre Herkunft nicht selbst wählen. Dagegen können Menschen wählen nicht rassistisch zu sein und andere Menschen aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbilds und ihrer Herkunft nicht auszugrenzen, psychisch und/ oder physisch zu verletzen. Um keine Verzehrung der eigentlichen Ursache bzw. keine Täter-Opfer-Umkehr vorzunehmen, ist als der Rassismus ihrer Mitmenschen und der gesellschaftlichen Strukturen verantwortlich zu machen. Das Buch ist nicht angenehm zu lesen. Dies liegt zum einen an der düsteren Gedanken- und Gefühlswelt der Welt und zum anderen daran, dass die hässlichste und gnadenloseste Seite des Rassismus in seiner pursten Form – die Entmenschlichung und Degradierung anderer Menschen aufgrund von äußeren Merkmalen, die Menschen nicht selbst wählen können. Der Zufall entscheidet, wer Rassismus ertragen muss.
Dieses Buch ist kein Buch zum Entspannen, sondern wer die Grausamkeiten der Welt kennenlernen kann. Die Protagonisten erlebt lediglich aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Hautfarbe Ablehnung, Hass, Respektlosigkeit, Verachtung und Spot – physische und psychische Gewalt. Obwohl sie durch Passivität und durch Leistung versucht zu fliehen, verfolgt sie der Rassismus überall hin. Das System der Gesellschaft ist so aufgebaut, dass es für Salomé kein Entkommen gibt. Rassismus und rassistische Klischees werden der Gesellschaft von Grund auf eingeimpft und sind selbst im Unterbewusstsein von Menschen ohne böse Absichten stark verankert.
Dieser Rassismus, der zu Ausgrenzung, Mobbing, physischer und psychischer Gewalt führt bei Salome zu endlosem Schmerz und Kränkungen - jeder rassistische Stoß ist ein Schmerz auf neues. Es gibt keine Abstumpfung. Wie in der griechischen Sage des Prometheus, dem ein Adler täglich einen Teil seiner Leber heraushackt, der bis zum nächsten Tag nachwächst.
Griechische Sagen werden immer wieder gekonnt eingearbeitet und versinnbildlichen die Gefühle und Empfindungen bezüglich bestimmter Situationen und Menschen der Protagonistin. Auch der sonstige Schreibstil ist abgestimmt auf Salomés Gefühls- und Gedankenwelt: knallhart, düster, roh und ungeschmückt.
Die wiederkehrenden Schmerzen und Kränkungen führen zur Frustration, Verzweiflung und unbändiger Wut. Es zeigt sich dabei anhand von Salomés Gedanken- und Gefühlswert die destruktive Energie der Wut, die für Salomé zunehmend unerträglich wird. Schließlich entlädt sich Salomés Zorn in Gewalt - ein verzweifelter Versuch, um nicht mehr Opfer rassistischer Gesellschaftsstrukturen und Menschen zu sein.
Die Brutalität, die ihr widerfahren ist, gibt sie zurück – mit negativen Konsequenzen für die Ausgrenzer, sie selbst und die betroffenen Familien. Wut ist und bleibt destruktiv und zerstört. Dementsprechend kommt es bedauerlicherweise nicht zur Durchbrechung der Teufelsspirale ….
Dieser Roman ist wahrlich kein Buch für entspannende Stunden, sondern gewährt mutige Einblicke in hässliche Wahrheiten und brutalen Rassismus – ohne Filter und schonungslos offen.
Sikal
5/5
23.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Etwas zum Nachdenken
Die 16-jährige Salomé ist wütend. Sehr sogar. Mittlerweile nicht mehr wegen Mobbingattacken am Gymnasium oder rassistischer Vorurteile sondern wegen ihres Therapeuten Frits in der Jugendstrafanstalt. Denn Salomés Wut hat den einen Schlag zu viel aus ihr hervorgeholt. Der Tipp ihres Vaters, sich nicht an den Rand drängen zu lassen sondern „Du musst deiner Faust folgen“ wurde ihr zum Verhängnis.
Wir begleiten Salomés Alltag in Haft, ihren Gedankenmonologen, ihrer Einsamkeit und sehen ihr Aufarbeiten ihres Verhaltens. In Rückblicken erfahren wir was geschehen ist und warum das Mädchen dort gelandet ist wo sie sich nun zurechtzufinden beginnt. In kleinen Schritten, denn Wut lässt sich nicht so einfach therapieren. Doch Salomés Vorurteile beginnen nach und nach zu bröckeln.
Die Autorin Simone Atangana Bekono zeigt uns mit der Figur der Salomé das Suchen der eigenen Identität und was passieren kann, wenn man aus dem eigenen Käfig nicht rausfindet. Rassismus ist so ein Schlagwort, das man wohl nicht zur Gänze begreifen kann, wenn man nicht direkt damit konfrontiert ist. Doch es muss nicht nur die andere Hautfarbe sein, die Menschen an den Rand drängt, Religion, Meinungen, aber auch materielle Mittel lassen schnell das Andere in den Vordergrund rücken und oftmals bleibt verborgen wie der Mensch wirklich ist.
Die Sprache, die die Autorin gewählt hat, ist teilweise etwas gewöhnungsbedürftig, passt sich aber der jeweiligen Situation an. So gelingt es ihr, dass die Geschichte authentisch wirkt.
Ein Buch, das man erstmal verarbeiten muss und das einlädt über unsere Gesellschaft nachzudenken. In welche Richtung bewegen wir uns? 5 Sterne
Bewertung
5/5
01.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman über Salomé, die Ausgrenzung...
Ein Roman über Salomé, die Ausgrenzung und Rassismus am eigenen Leib erfährt. Ein sehr beeindruckender Debüt. Für Leser von Fatma Aydemir!
Bewertung
5/5
19.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Bewegender Roman, der strukturellen Rassismus thematisiert
Salomé ist 16 Jahre alt und muss eine sechsmonatige Strafe in einer Jugendhaftanstalt absitzen. Dahingebracht hat sie Wut. Wut über ihre Klassenkamerad*innen, das Mobbing und den Rassismus, den sie tagtäglich erfahren muss. Salomé ist in einer niederländischen Provinz aufgewachsen, wo ihre Hautfarbe fremd ist und von den Nachbar*innen und Mitmenschen nicht gern gesehen wird. Salomés Vater kommt aus Kamerun und hat selbst Rassismuserfahrungen erlebt, vor denen er seine Töchter lieber bewahren möchte. Damit diese mit ihrer Wut umgehen können, besorgt ihr Vater einen Punchingball für die Garage und zeigt ihnen, wie sie ihre Faust wirkungsvoll einsetzen können. Die enttäuschten Augen ihres Vaters, als Salomé aufgrund ihrer Wut und des Einsatzes ihrer Fäuste festgenommen wird, kann sie nicht vergessen. In der Jugendhaftanstalt soll sie über sich und ihr Verhalten nachdenken - mit Unterstützung des Therapeuten Frits, der sich in einer TV-Sendung rassistisch geäußert hat und Salomé daher alles andere als geeignet oder sympathisch erscheint.
Simone Atangana Bekono hat mit "Salomés Zorn" einen bewegenden Roman geschrieben, der die tiefe Wut Salomés in ihren Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen deutlich zum Ausdruck bringt. Sie erzählt von verschiedenen Situationen, in denen sie rassistisch beschimpft wurde, die Herausforderungen, die nur ihr gestellt wurden und von der Wut, gegen sie immer wieder ankämpfen musste und vor der ihr Vater sie nur bedingt schützen kann. Schauplatz ist hier eine niederländische Provinz, aber die Strukturen und Mechanismen, das Mindset der Gesellschaft, die hier exemplarisch Salomés Familie gegenübertritt und die Konsequenzen und Lebensfragen, die Salomé sich während ihrer Haft stellt, existieren und wirken überall.
Ein sehr beklemmendes und bewegendes Buch aus Sicht einer 16-Jährigen, die ganz viel und gleichzeitig sehr wenig versteht - sämtliche Fragen und gesellschaftliche Aspekte jedoch allein für sich ausmachen muss, obwohl die Strukturen das Problem sind und nicht sie.
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