Die Wiederentdeckung von Toni Morrisons einziger Erzählung ist eine literarische Sensation und enthält die Quintessenz ihres Schaffens. Die Nobelpreisträgerin spielt darin mit unserer Wahrnehmung: Von Beginn an wissen wir, dass eine der beiden Hauptfiguren schwarz ist und die andere weiß – doch welche ist welche?
Twyla und Roberta begegnen sich als Achtjährige im Kinderheim. Sie werden Vertraute, geben einander Halt und Trost. Sie sind unzertrennlich, doch später verlieren sie sich aus den Augen. Zufällig begegnen sie einander immer wieder, erst in einem Diner, dann im Supermarkt und bei einer Demonstration. Sie stehen in jeder Hinsicht auf verschiedenen Seiten und sind sich uneinig über die wichtigsten Fragen – trotzdem fühlen sich die beiden Frauen einander tief verbunden.
Rezitativ erzählt eindrucksvoll und mit frappierender Aktualität über eine Mädchenfreundschaft und die Auswirkungen von Rassismus und Klassenzugehörigkeit auf die Beziehungen, die unser Leben prägen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Bewertung
5/5
21.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Regt zum Nachdenken über die eigenen Vorurteile an .... großartig
Toni Morrisons „Rezitativ“ ist eine kurze, aber inhaltlich äußerst dichte Erzählung, ergänzt durch ein kluges und einordnendes Nachwort von Zadie Smith. Gerade die Kürze des Textes ist seine Stärke: Ohne Umwege zwingt er Leserinnen und Leser zur aktiven Auseinandersetzung.
Die Geschichte von Twyla und Roberta fordert bewusst heraus. Morrison verweigert konsequent die Zuordnung, wer von beiden schwarz oder weiß ist – und genau darin liegt die erzählerische Brillanz. Während des Lesens ertappt man sich immer wieder dabei, eigene Annahmen treffen zu wollen, gespeist aus Sprache, Verhalten oder sozialen Kontexten. Diese innere Suche entlarvt die eigenen Vorurteile in Bezug auf Hautfarbe und Herkunft mit bemerkenswerter Klarheit.
Besonders eindrücklich ist die Figur der Maggie, einer behinderten Angestellten im Kinderheim. Ihre stille Präsenz und die Diskriminierung, die sie erfährt, wirken wie ein moralischer Prüfstein der Erzählung. Maggie steht für all jene, die mehrfach marginalisiert werden – durch Behinderung, durch soziale Stellung und durch das Wegsehen anderer. Die spätere Neubewertung ihrer Rolle durch die Protagonistinnen verstärkt die Frage nach Verantwortung, Schuld und verdrängter Mitmenschlichkeit.
„Rezitativ“ hält der Gesellschaft – und jedem Einzelnen – einen Spiegel vor. Es zeigt, wie tief Diskriminierung und Rassismus im Denken verankert sind, oft ohne bewusste Absicht. Das Buch regt nachhaltig zum Nachdenken an und wirkt lange über die letzte Seite hinaus.
Dieses Werk sollte aus meiner Sicht fester Bestandteil des Schulunterrichts sein. Es bietet eine hervorragende Grundlage, um über Rassismus, Vorurteile, Erinnerung und moralische Verantwortung zu sprechen – klar, zugänglich und dennoch literarisch anspruchsvoll.
Klaus Effing
aus Köln
5/5
09.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Unsere Scheren im Kopf
Viel ist bereits über das Büchlein, die einzige Erzählung von Toni Morrison, geschrieben worden. Die nur 44 Seiten, die von einem ebenso langen Nachwort von Zadie Smith begleitet werden, sind eine Offenbarung und zeigen uns, welche Denkmuster wir im Kopf haben. Die Geschichte ist schnell zusammengefasst: Zwei Mädchen kommen ins Kinderheim, verbringen dort eine Zeit gemeinsam, machen Erfahrungen, nicht nur gute. Sie verlieren sich aus den Augen und treffen sich im Laufe ihres Lebens einige Male per Zufall wieder. Toni Morrison hat bereits vor 40 Jahren eine Erzählung geschrieben, die heute noch aktuell ist. Denn: Eines der Mädchen ist schwarz, eines der Mädchen ist weiß. Es ist nicht klar, wer welche Hautfarbe hat. Morrison umschifft diese Erkenntnis gekonnt. Und was passiert? Wohl die meisten Leser:innen versuchen, herauszufinden, wer wer ist. Man arbeitet sich dabei an Namen ab, Verhaltensweisen, Äußerlichkeiten und beruflichem Umfeld. Aber man kann die Frage nicht beantworten. Morrison zeigt uns hier klug auf, welchen Stereotypen wir doch oftmals unterliegen, gewollt oder unbewusst. Eine Erkenntnis, die Augen öffnend ist. Dieses kurze Buch sagt mehr über den oftmals stillen Rassismus oder Voreingenommenheiten aus, als manch wissenschaftliche oder soziologische Erklärung. Lesen bietet Aufklärung!
MarieOn
5/5
23.10.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Twylas Mutter Mary tanzt die…
Twylas Mutter Mary tanzt die ganze Nacht, Robertas Mutter ist krank. Das ist der Grund warum sich die beiden Mädchen in einem Heim begegnen. Obwohl sie äußerlich unterschiedlich scheinen, eint sie die Erfahrung vernachlässigt, nicht gesehen oder gehört zu werden. Dank einem tiefen Verständnis füreinander freunden sich die beiden an. Die großen Mädchen, Gar-Girls machen den beiden Angst, sie quälen die Jüngeren, stellen Beine, rufen Ausdrücke hinterher. Das Küchenmädchen Maggie wurde auch schon von ihnen zu Fall gebracht und sie kann nicht einmal Schreien. Maggie wird für Twyla die Stellvertreterin ihrer tanzenden Mutter, taub und stumm. Kein Mensch dadrinnen, der hörte, wenn man nachts weinte. Diese außergewöhnliche Kurzerzählung, die einzige, die Toni Morrison schrieb, hat es in sich. Nicht nur des Themas wegen, sondern weil die Autorin die Geschichte einer weißen und einer schwarzen Frau erzählt, jedoch an keiner Stelle preisgibt, wer welche Hautfarbe hat. Sie überlässt die Auseinandersetzung den Leser:innen. Rezitativ war als literarisches Experiment gedacht. Und bei mir hat es wunderbar funktioniert. Während des Lesens habe ich ständig versucht, anhand irgendwelcher Attribute einzuschätzen, wer die “Weiße” ist und welche die “Schwarze”. Ist Twyla die Schwarze, weil sie die Hauptprotagonistin einer schwarzen Ich-Erzählerin ist? S. 51 Das sie sich nie die Haare waschen und komisch riechen. Wie Roberta, also sie roch wirklich komisch. S. 53 Die Geschichte endet auf Seite 43 und dann beginnt das Nachwort, ein Essay von Zadie Smith. (Britische Schriftstellerin) Sie analysiert die Geschichte und findet ganz großartige Worte, die nicht belehren wollen, sondern mit großer Toleranz für beide Seiten einer Schwarz-Weiß-Konstruktion, Lösungen sucht. Geschichte wird nie vollständig wiedergegeben, viele wollen vergessen, dass die Geschichte des afrikanischen Kontinents, eben auch eine Geschichte über die lange, blutige, verworrene Begegnung mit der europäischen Bevölkerung ist. Wenn in der Präsentation eines alten englischen Herrenhauses nicht nur berichtet wird, woher die schönen Gemälde stammen, sondern auch woher das Geld kam, mit dem sie erworben wurden – wer wie und warum leiden musste und ums Leben kam, um dieses Geld zu beschaffen, dann wird Geschichte vollständig erzählt. Wir leben seit vielen hundert Jahren in bewusst rassifizierten, menschengemachten Strukturen – mit anderen Worten, in gesellschaftlich verankerten und mitunter gesetzlich verpflichtenden Fiktionen, die sich als unfähig erweisen, Unterschiede und Gleichberechtigung nebeneinander anzuerkennen. Wie können wir das schmutzige Badewasser “Rassismus” jetzt plötzlich ausschütten, wo wir das Kind race jahrhundertelang so fest ans Herz gedrückt und – selbst wenn wir das ganze Grauen mitrechnen – auch so viel schönes aus ihm erschaffen haben? Fazit: Ein wohltuendes Buch, das mich meinen eigenen Hang zu Vorurteilen erkennen lässt, ohne mich dafür zu verurteilen. Ein Buch, das an europäischen Schulen Einzug halten sollte und Schüler darüber nachdenken lassen könnte, warum wir uns in diesem System zwangsläufig an anderen bereichern, denen es schlechter geht, je besser es uns geht.
Madita Hofmann
5/5
25.08.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die wohl wichtigste Kurzgeschichte, die je geschrieben wurde
Twyla und Roberta lernen sich in einem Kinderheim kennen - und können sich anfangs überhaupt nicht leiden, immerhin sind sie ja komplett verschieden, sowohl, was ihren Charakter betrifft, als auch ihrer Hautfarbe. Und man kann ja wohl kaum mit jemandem befreundet sein, der eine andere Hautfarbe hat, oder? Doch allen Widrigkeiten zum Trotz werden die beiden Freundinnen und begegnen sich im Laufe ihres Lebens immer wieder. Auch wenn sie eigentlich ständig auf verschiedenen Seiten stehen und sich in den wichtigsten Fragen uneinig sind, kommen sie nie richtig los voneinander und stellen immer mehr in Frage, was für Menschen sie waren und was sie damals im Kinderheim getan haben und was für Menschen sie geworden sind.
Das Cover finde ich enorm stark. Die kräftigen Farben, die Silhouette, kombiniert mit verschiedenen Mustern und "Strukturen" - ist auffallend und macht extrem neugierig!
"Rezitativ" ist die einzige Kurzgeschichte, die Toni Morrison je geschrieben hat. Und was für eine! Denn es ist nicht einfach nur eine Geschichte die eine ungewöhnliche Freundschaft und die Auswirkungen von Rassismus, Vorurteilen, Klassenzugehörigkeit und prägenden Beziehungen beschreibt, sondern es ist eine Art Experiment, die dem Leser einen Spiegel vorhält. All das ist Thema: wir erleben durch die Augen von Twyla und Roberta Rassismus, Ungerechtigkeit und Klassengesellschaft; sehen, wie die Küchenhilfe Maggie aufgrund ihrer Behinderung gemobbt und körperlich misshandelt wird; spüren unsere eigenen Vorurteile - und wissen nie, welches der Mädchen Schwarz und welches Weiß ist. Und immer wieder erwischt man sich beim Lesen, wie man nach Hinweisen sucht, diese vermeintlich findet und dann denkt: "Das ist doch jetzt definitiv ein Zeichen für XY!", nur um zwei Seiten weiter wieder alles über den Haufen zu werfen und völlig ratlos zu sein. Und genau das ist der Punkt: Es ist schlichtweg nicht relevant. Denn das Buch zeigt eines ganz deutlich: Man verknüpft gewisse Eigenschaften oder Dinge mit anderen Eigenschaften oder Dingen und erschafft sich somit seine eigenen Vorurteile - ohne daran zu denken, dass das völliger Schwachsinn ist. Ein Name, der Musikgeschmack, der Grad des politischen Interesses, Charaktereigenschaften oder die Umstände, in denen man aufgewachsen ist, sagen rein gar nichts über die Hautfarbe aus. Und genau das zeigt diese Geschichte sehr deutlich. Sie hält uns den Spiegel vor, fordert uns auf, unsere eigenen Gedanken zu überprüfen und nachzufühlen, welche Stereotypen und Vorurteile wir verinnerlicht haben, um diese zu hinterfragen. Ganz sicher ist "Rezitativ" keine einfache Lektüre, im Gegenteil. Aber sie ist wundervoll, um mit sich selbst oder auch anderen zu diskutieren und sich selbst und die eigenen Gedanken zu hinterfragen. Das ist herausfordernd, aber unglaublich wichtig.
Den einzigen Kritikpunkt betrifft nicht die Story, sondern den Preis: 20,00€ für 96 Seiten sind schon ganz schön heftig. Aber dafür kann ja Toni Morrison nix.
Fazit
Die wohl wichtigste Kurzgeschichte, die je geschrieben wurde.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
4/5
08.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Rezitativ: Ein Spiel mit Wahrnehmung und (unbewussten) Zuschreibungen
Toni Morrisons einzige Erzählung, „Rezitativ“, erschien erstmals 1983 und wurde erst 40 Jahre danach ins Deutsche übersetzt. Eine sehr kurze Erzählung, die jedoch definitiv eine Herausforderung für die Leser*innen ist.
Erzählt wird die Geschichte von Twyla und Roberta, zwei Mädchen, die sich im Waisenhaus kennenlernen. Eins der Mädchen ist schwarz, eines ist weiß – man erfährt jedoch nie wirklich, welches Mädchen nun welche Hautfarbe hat.
“Schlimm genug, früh am Morgen aus dem eigenen Bett geholt zu werden - aber dann noch an einem fremden Ort festzusitzen, zusammen mit einem Mädchen von ganz anderer Hautfarbe!”
Die beiden Mädchen werden Freundinnen, sind beide Außenseiterinnen im Waisenhaus, da ihre Mütter noch leben. Im Waisenhaus sind sie unzertrennlich, doch als zuerst Roberta das Waisenhaus wieder verlässt, verlieren die beiden sich aus den Augen.
Erst viele Jahre später begegnen sie sich wieder, zufällig, immer wieder; mal in einem Restaurant, im Supermarkt und bei einer Demonstration. Hier wird klar, dass sie auf verschiedenen Seiten stehen und grundsätzlich andere Ansichten haben – weiterhin unklar bleibt, wer nun Schwarz und wer weiß ist. Auch ihre Erinnerung an die Zeit im Waisenhaus scheint grundverschieden zu sein.
“Ich hatte sie nicht getreten; ich hatte mich nicht mit den Gar-Girls zusammengetan und diese Frau getreten, aber ich hätte es gewollt. Wir haben zugeschaut, haben nicht versucht, ihr zu helfen, und auch keine Hilfe geholt. Maggie war meine tanzende Mutter. Taub, wie ich glaubte, und stumm. Kein Mensch dadrinnen. Kein Mensch, der hörte, wenn man nachts weinte […] Und als die Gar-Girls sieht zu Boden drückten und misshandelten, da wusste ich, sie würde nicht schreien, sie konnte es nicht - genau wie ich, und darüber freute ich mich.”
“‘Ach, Twyla, du weißt doch, wie das damals war: schwarz und weiß. Du weißt doch, wie das alles war.’ Aber ich wusste es nicht. Ich dachte, es wäre genau umgekehrt gewesen. […] Im Howard Johnson bekam man alles zu sehen, und Schwarze und Weiße gingen damals sehr freundschaftlich miteinander um.”
Es ist von Anfang an ein Verwirrspiel; ein geschicktes Spiel mit Wahrnehmung und (unbewussten) Zuschreibungen. Auch wenn mich die Geschichte an sich nicht komplett abholen konnte, fand ich diesen Aspekt am interessantesten; wie man gezwungen wird, sich mit seinen Vorurteilen und eigenen Annahmen auseinanderzusetzen.
Das recht lange Nachwort von Zadie Smith fand ich durchaus interessant und hilfreich zum besseren Verständnis bzw. Selbstreflektion.
"Ein Großteil des hypnotischen Sogs der Erzählung entsteht aus der ersten Bedeutung von “typisch”: dass etwas charakteristisch ist. Beim Lesen wollen wir die diversen Charakteristika, die uns da gezeigt werden, unbedingt kategorisieren. Nur wie? Meine Mutter tanzte sind die ganze Nacht, und die von Roberta war krank. Also dann, welche Mutter neigt wohl dazu, die Nächte durchzutanzen? Eine schwarze oder eine weiße? Und wessen Mutter ist wohl eher krank? Ist Roberta ein “schwärzere” Name als Twyla? Oder umgekehrt? Und wie sieht es mit der Stimme aus? Twyla ist die Ich-Erzählein, vielleicht neigen wir also der alltagspsychologischen Interpretation, dass sie das schwarze Mädchen sein muss, schließlich ist ihre Autorin schwarz."
“Anderes gesagt, wir hören Twyla sprechen, und wir hören Roberta sprechen, und obwohl sie sich klar voneinander unterscheiden, sind wir doch nicht in der Lage, den einen Unterschied zu entdecken, den wir eigentlich entdecken wollen.”
Mein Fazit: Kein direktes Highlight, aber durchaus eine sehr interessante Leseerfahrung zu den Themen Vorurteile, Rassismus und Klassenzugehörigkeit.
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