Was der internationale Bestseller »Der größere Teil der Welt« für die Musikindustrie, ist »Candy Haus« für die Welt der Start-ups
Mit ihrem Roman »Der größere Teil der Welt« gelang Jennifer Egan der internationale Durchbruch. Jetzt knüpft sie in ihrem neuen visionären Roman »Candy Haus« über unsere Gegenwart ein schillerndes Netz aus Lebensläufen. Im Mittelpunkt steht der charismatische Bix Bouton, Gründer eines atemberaubenden Start-ups in Amerika. Sein Coup ist eine App, die unsere Erinnerungen ins Netz hochlädt. Ein gefährliches Glück, denn die Erinnerungen werden für andere sichtbar. Und da ist Bennie Salazar, Ex-Punk-Rocker, der als Musikproduzent in Luxus driftet und seinen Sohn an die Sucht verliert …
New York, Chicago, Los Angeles – die Wüste, der Regenwald: Mit vor Energie funkelnden Figuren erzählt Egan von der Suche nach Familie und Geborgenheit in einer Zeit, in der die digitale Welt unsere Sehnsüchte auffrisst.
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Jennifer Egan - Candy Haus
BücherBummler am 23.11.2022
Bewertungsnummer: 1831342
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Unsere Erde in sehr naher Zukunft. Und wenn ich sehr nah sage, meine ich sehr nah, wir sprechen hier von in zwei bis zehn Jahren. Bix Boutons Ruhm baut sich auf einer technischen Erfindung auf. Dank seiner können Menschen jetzt den gesamten Inhalt ihres Gedächtnisses in einen externen Speicher herunterladen, der dann allen anderen zur Verfügung steht. Allen anderen, die ebenfalls bereit sind, ihre Erinnerungen, Gedanken und Gefühle mit der Allgemeinheit zu teilen… Was erst für praktische Zwecke, wie das Aufklären von Kriminalfällen und Hilfe für Demenzerkrankte, gedacht war, wird schnell zum viralen Trend. Gleichzeitig erobern weitere Entwicklungen den Markt. Das Hinauszögern der Entdeckung einer verschwundenen Person, indem man sie durch einen Proxy ersetzt. Die daraus entstehende Sparte von darauf Spezialisierten, genau diese Proxys auffliegen zu lassen. Elektronische Asseln, die im Kopf implantiert werden, und damit Zuschauern erlauben, live bei den eigenen Erlebnissen dabei zu sein. Chips, Knöpfe, Kameras… Das Repertoire an Gadgets, die dem Körper hinzugefügt werden können, scheint unerschöpflich. Die mentale Stärke des Menschen ist es nicht...
Nach dieser Beschreibung würde man sich unter „Candy Haus“ von Jennifer Egan wohl einen dystopischen Roman vorstellen, aber ich habe ihn nicht wirklich als solchen empfunden. Dazu war das Thema nicht präsent genug, standen menschliche Beziehungen und Psyche zu sehr im Vordergrund. Ich habe mich des Öfteren gefragt, ob gerade das ein geschickter Schachzug der Autorin ist. Ob sich darin spiegelt, wie schleichend die Technik in unser Leben eindringt und alles übernimmt. Mit welcher Selbstverständlichkeit wir uns ihr anpassen. Aber letztendlich fand ich die ganze Konstruktion zu schwammig. Ich hätte mir hier mehr Handfestigkeit und Fokussierung gewünscht.
Auch ob der Begriff „Roman“ hier greift, kann man diskutieren. Ich würde es eher als eine Sammlung geschickt verflochtener Erzählungen beschreiben. Egan wechselt konsequent die Erzählperspektive, als Leser erfahren wir oft erst spät im Kapitel, bei wem wir uns gerade befinden. Klingt kompliziert, aber für mich war das der größte Teil des Vergnügens, wie ein kleiner Detektiv meine Puzzleteile zu sammeln und in das große Personennetz einzufügen. Jedenfalls den größten Teil des Buches. Irgendwann hat mich die Komplexität überfordert und ist in Sättigung umgeschlagen. Hier wäre weniger vielleicht besser gewesen (das gilt besonders für das letzte Kapitel, liebe Frau Egan. Das vorletzte wäre ein wunderbarer Abschluss gewesen, warum nur haben Sie das zerstört? Zu viele Ideen, die unbedingt untergebracht werden mussten?).
Wer sich fragt, ob man, um „Candy Haus“ verstehen zu können, „Der größere Teil der Welt“ gelesen haben muss: nein, muss man nicht. „Candy Haus“ ist keine Fortsetzung, sondern, wie die Autorin es beschreibt, ein „companion book“. Meines Wissens finden einige Personen in beiden Werken Erwähnung, aber ansonsten stehen sie völlig für sich.
Im Endeffekt befürchte ich, dass „Candy Haus“ in meinen Erinnerungen den gleichen Weg gehen wird, wie „Der größere Teil der Welt“ (Pulitzer-Preis 2011), den Weg ins Schnelle Vergessen. Der Roman ist ohne Frage gut geschrieben, die Themen sind interessant, die Figuren charakterstark, aber dem ganzen mangelt es an einer Struktur, an der man sich festhalten kann. Es hat mir Spaß gemacht, ihn zu lesen, aber am Ende überwiegt bei mir das Gefühl, nichts in den Händen zu halten. Das ist bedauerlich, weil das Potenzial eindeutig vorhanden war.
Leseerlebnis besonderer Art
Ingrid aus Erkelenz am 18.09.2022
Bewertungsnummer: 1789048
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Roman „Candy Haus“ der US-Amerikanerin Jennifer Egan baut auf den Begebenheiten ihres, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Romans „Der größere Teil der Welt“ auf, den sie im Jahr 2010 geschrieben hat. Vorkenntnisse sind zum Verständnis des aktuellen Buchs nicht nötig. Der Titel steht synonym für Verführungen, die das Leben uns bietet und Must-Haves, die uns die Sozialen Medien vermitteln. Davon gibt es in der Geschichte einige, sehr unterschiedlicher Art. Eine davon bietet Bix Bouton, einer der vielen Protagonisten und Protagonistinnen.
Bix ist im Jahr 2010 erfolgreicher Unternehmer, der die inzwischen weltweit bekannte App „Besitze dein Unterbewusstes“ entwickelt hat. Mit der App kann Jeder, der dazu bereit ist, seine eigenen Erinnerungen ins Netz speichern und erhält im Gegenzug Zugriff auf die bereits vorhandenen Daten. Das Cover spiegelt die Vielfalt der erfassten Codestränge wider. Doch es gibt genügend Personen, die der App skeptisch entgegenstehen. Irgendwann gelingt es einem anderen Unternehmen Proxys zu konfigurieren, die im Internet Aktivitäten vortäuschen können, was wiederum dazu führt, dass Software benötigt wird, um die Proxys aufzuspüren.
Die Figuren des Romans stehen alle in irgendeiner Verbindung zu den Software-Unternehmen: es sind die Betreiber und ihre Ehefrauen, ihre Kinder, ihre entfernter Verwandten, ihre Nachbarn, ihre Freunde. Jennifer Egan spannt ein großes Figurenensemble auf. Nach den ersten einhundert Seiten habe ich begonnen, mir mit weiterem Lesefortschritt eine Skizze zu erstellen, um die Beziehungen untereinander festzuhalten. Eine Auflistung der Hauptcharaktere am Ende des Buchs wäre hilfreich gewesen. Es sind viele Personen, die bereits aus dem Vorgängerbuch bekannt sind.
Wie in „Der größere Teil der Welt“ überrascht die Autorin mit ständig wechselnden Erzählstilen. Mal erzählt sie aus der Ich-Perspektive, mal als allwissende Erzählerin, sie versendet über 50 Seiten hinweg Emails oder es sind über die gleiche Zahl an Seiten Aphorismen zu lesen. Bei jedem Kapitel steht eine andere Figur im Mittelpunkt, die man aus den geschilderten Begebenheiten heraus erkennen kann.
Zeitlich bewegt sich die Handlung von Rückblenden in die 1960er Jahre bis in das Jahr 1932 hinein. Es sind kühne Ideen, die Jennifer Egan in ihrem Roman Realität werden lässt, die sie mir als Leserin als durchaus denkbar beschreibt. Auf die Handlungszeit lässt sich ebenfalls aus den Ereignissen schließen, hin und wieder nennt die Autorin auch das konkrete Jahr. Es gelingt ihr mit jedem Kapitel aufs Neue durch die abwechslungsreiche Gestaltung eigenwilliger und einzigartiger Figuren die Aufmerksamkeit des Lesenden zu wecken.
Jede Szene bringt neue Erkenntnisse bis sich die Geschichte Stück für Stück zum Ende hin vervollständigt und auch das Rätsel um den Vater von Lulu gelöst wird, die eine Ziehtochter von Bennie Salazar ist, dessen Sohn Chris ein Protegé von Lou Kline war, dessen dritte Frau einen Algorithmus zur Vorhersage menschlichen Verhaltens aufgestellt hat für den Bix Bouton sich interessiert. Aus dem vorigen Satz lassen sich deutlich die vielfältigen Verflechtungen erkennen, die das Lesen nicht einfacher gestalten, aber zu einem sehr vielseitigen Vergnügen.
Die kreative Ausgestaltung ihrer Figuren unterstützt die Ansicht, die der Kern der Handlung rund um den Erhalt der Persönlichkeit aussagt. Was wären wir ohne unsere Stärken und Schwächen? Wohin würde uns Gleichförmigkeit führen? Der Roman „Candy Haus“ beantwortet zwar nicht die Fragen, nähert sich ihnen aber auf unterschiedlichste Weise und sorgt für ein Leseerlebnis besonderer Art, das ich gerne an diejenigen empfehle, die Freude an Sprache und ideenreicher Figurengestaltung haben.
Meinung aus der Buchhandlung
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Was mir besonders an "Candy House" gefallen hat, ist die Art und Weise, wie Egan die Technologie und ihre möglichen Auswirkungen auf die Gesellschaft thematisiert.
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