Was Freundschaft bedeutet, wenn die Gegenwart Feuer fängt
Seit ihrer gemeinsamen Jugend in der Siedlung verbindet Hani, Kasih und Saya eine tiefe Freundschaft. Nach Jahren treffen die drei sich wieder, um ein paar Tage lang an die alten Zeiten anzuknüpfen. Doch egal, ob über den Dächern der Stadt, auf der Bank vor dem Späti oder bei einer Hausbesetzerparty, immer wird deutlich, dass sie nicht abschütteln können, was jetzt so oft ihren Alltag bestimmt: die Blicke, die Sprüche, Hass und rechter Terror. Ihre Freundschaft aber gibt ihnen Halt. Bis ein dramatisches Ereignis alles aufs Spiel setzt.
Shida Bazyar zeigt in aller Konsequenz, was es heißt, aufgrund der eigenen Herkunft immer und überall infrage gestellt zu werden, aber auch, wie sich Gewalt, Hetze und Ignoranz mit Solidarität begegnen lässt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Gesellschaftliche Betrachterin
aus Großraum Halle (Saale)
5/5
30.04.2023
Hörbuch (CD)
Gehaltserhöhung
Lesen! Das Buch sollte bitte Schullektüre werden. Die Begebenheiten rund um den Besuch der Freundin Saya sind ausgedacht, „gelogen“ – wie die Autorin Shida Bazyar selbst sagt, wenn sie in der Person der erzählenden Kasih gelegentlich Beschreibungen von Ereignissen korrigiert oder widerruft. „Ich bin nicht die Ausgeburt der integrierten Gesellschaft.“, sagt Kasih früh im Roman; auf diesen Satz darf man sich aber in jedem Moment dieses großartigen Leseerlebnisses verlassen. Wenn die engen Freundinnen Hani, Kashi und Saya auf ihrer Bank im Sozialviertel in der deutschen Stadt sitzen, ziehen die Leute in den Wohnungen um sie herum die Jalousien herunter, um ihr Lachen nicht hören zu müssen. Die Freundinnen lachen oft miteinander, meistens über bemühte Versuche deutscher pluralistisch fühlender Menschen, die auf die Migrantinnen in unterschiedlichen Alltagssituationen zuzugehen. Das führt in die Sackgasse und endet im Fettnäpfchen. Und zwar stets deshalb, weil die Bemühten erst das Anderssein zum Ausdruck bringen und dann versuchen, die integrative Brücke zu schlagen. Nein, seht doch bitte augenblicklich den Menschen! Kasih wehrt konsequent alle Versuche der Leserschaft ab, etwas über die Herkunft der Migrantinnen zu erfahren, und das ist gut so. Letztlich ist Integration eine Chimäre, ein sich wandelndes Wunschdenken, wie die Suche nach dem wahren Erzählungsstrang in diesem Roman. Die Wahrheit darf also beweglich sein, die deutsche Wirklichkeit ist aber fest, wie eine Wand. Angesichts der realen deutschen Gesellschaft lachen die Freundinnen nicht, sondern sind niedergeschlagen, entsetzt, verzweifelt, wütend. Hier muss sich nunmehr die Leserschaft ernsthaft schämen, wenn sie sich integriert fühlt. Alltägliche Episoden mit einem nicht abgesetzten Rucksack eines Primark-Mädchens in einem überfüllten Bus oder dem institutionalisierten Verhalten der Angestellten im Jobcenter sind tatsächlich erschreckende Erfahrungen. Wenn hier schon die Erfahrungen lauern, die die Lust auf Integration ernsthaft dämpfen, so sind es die gesellschaftlich leichtfertig übersehenen Nazis – im Roman deshalb zurecht an die Oberfläche geholt – die mordend den Unterschied zwischen Deutschen und Migranten manifestieren. Noch ein Satz zur für diese Rezension gewählten Überschrift „Gehaltserhöhung“. Dies wird auf einer Hochzeit, statt „Prost“ oder „Zum Wohle“ zum fröhlichen Wort beim gegenseitigen Erheben der Gläser. Vielleicht bei künftigen Zusammenkünften im Freundeskreis oder auf Partys das Erkennungswort der Wissenden, die diesen Roman gelesen haben und sich weiter ernsthaft um einen guten gesellschaftlichen Umgang für alle bemühen wollen.
Lea
5/5
12.01.2025
Buch (Taschenbuch)
Vor allem bei der aktuellen Lage - Lesemuss
Der Roman „Drei Kameradinnen“ erzählt die Geschichte von Hani, Kasih und Saya, drei Freundinnen mit Migrationshintergrund, die in einer namenlosen deutschen Stadt aufwachsen. Sie sind durch ihre Herkunft und die damit verbundenen Erfahrungen miteinander verbunden. Im Mittelpunkt steht ihre unerschütterliche Freundschaft, die ihnen Halt gibt in einer Gesellschaft, die sie ständig als „anders“ wahrnimmt. Durch Kasihs Perspektive erfahren wir von alltäglichem Rassismus, strukturellen Missständen und rechten Gewalttaten, die die Protagonistinnen immer wieder aus ihrer scheinbaren Normalität reißen. Die Geschichte ist nicht linear erzählt, sondern springt zwischen Kindheit, Jugend und Gegenwart, was die Emotionalität und Authentizität der Erzählung verstärkt. ✨
Shida Bazyars Sprache ist kraftvoll und kompromisslos. Sie spielt mit den Erwartungen der Leser:innen, bricht bewusst mit traditionellen Erzählmustern und spricht ihre Leser:innenschaft immer wieder direkt an. Dieser Stil erzeugt eine beeindruckende Nähe zu den Figuren, ohne dabei belehrend zu wirken. Die poetischen, oft metaphorischen Beschreibungen – das innere „Feuer“ der Kameradinnen ist ein zentrales Motiv – verleihen dem Text eine enorme Intensität. Gleichzeitig bleibt die Sprache klar und zugänglich, was die Botschaften des Buches umso eindringlicher macht. Außerdem haben wir mit Kasih eine unzuverlässige Erzählerin, was das Ganze noch spannender gemacht hat. ️
Hani, Kasih und Saya sind vielschichtige, tiefgründige Figuren. Jede von ihnen verkörpert eine andere Art, mit Rassismus und Ausgrenzung umzugehen. Saya ist kämpferisch, ihr inneres Feuer lodert voller Wut und Entschlossenheit. Hani hat sich mit der Welt abgefunden, ihre Flamme brennt auf Sparflamme. Kasih, die Erzählerin, ist sensibel, unsicher und ständig mit sich selbst und der Welt überfordert. Diese Vielfalt an Perspektiven macht das Buch so authentisch und zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich Menschen mit denselben Herausforderungen umgehen können.
Der Roman ist weniger plotgetrieben als charakterzentriert, doch die Geschichte entfaltet eine unglaubliche Sogwirkung. Die dramatische Nacht, die das Leben der drei Frauen verändert, ist der emotionale Höhepunkt, doch ebenso wichtig sind die kleinen Momente: der Alltag im Kindergarten, die Blicke auf der Straße, die unsichtbaren Barrieren in Schule und Beruf. Diese scheinbar banalen Situationen verdeutlichen, wie tief Rassismus in den Alltag in Deutschland verwoben ist. Das Ende ist schockierend und bleibt lange im Gedächtnis – ein extrem guter Abschluss, der die Botschaft des Buches auf den Punkt bringt.
Als Hörbuch war „Drei Kameradinnen“ eine besonders intensive Erfahrung. Ich kann mir aber aktuell gut vorstellen, das Buch auch noch einmal zu lesen - sehr viel Annotationspotenzial. Der Roman hat mich tief berührt, vor allem, weil er die Erfahrungen schildert, die viele Menschen mit Migrationshintergrund machen – das Gefühl, nirgendwo wirklich zuhause zu sein, die ständige Rechtfertigung vor der Mehrheitsgesellschaft. Kasihs innere Kämpfe und Verwirrung waren für mich besonders nachfühlbar. In der aktuellen politischen Lage, in der rechte Gewalt und Rassismus immer präsenter werden, ist dieser Roman ein Weckruf und ein Plädoyer für Solidarität. ✨
Fazit: „Drei Kameradinnen“ ist ein aufwühlender, beeindruckender Roman, der die deutsche Gegenwart schonungslos offenlegt. Er richtet sich an alle, die bereit sind, ihre Perspektiven zu hinterfragen und sich mit strukturellen Ungerechtigkeiten auseinanderzusetzen. Besonders Leser:innen, die sich für gesellschaftspolitische Themen interessieren oder sich mit den Erfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund auseinandersetzen wollen, werden diesen Roman mögen. Mit seiner sprachlichen Wucht und emotionalen Tiefe ist dieses Buch ein absolutes Muss – für mich nicht nur eine Leseempfehlung, sondern ein Leseauftrag. ⭐⭐⭐⭐⭐
Arizona
5/5
25.01.2023
Buch (Taschenbuch)
Die Autorin hält dem Leser…
Die Autorin hält dem Leser einen Spiegel vor, es geht um Vorurteile gegenüber nicht-weißen Menschen, um Alltagsrassismus in Deutschland, eben darum auf welche Widerstände Menschen mit Migrationshintergrund - wie es oft so unschön heißt - in unserer Gesellschaft treffen. Sei es in der Schule, oder später bei der Jobsuche, einfach überall. Und es geht auch um Freundschaft, denn die drei Protagonistinnen Saya, Kasih und Hani kennen sich schon seit der Kindheit, sie haben gemeinsam in der Siedlung gewohnt und sind zusammen zur Schule gegangen. Der Roman beginnt mit einem Zeitungsartikel aus der Boulevard-Presse, der über einen Brand in einem Wohnhaus berichtet. Dann startet die Handlung, es ist Freitagnacht und die Erzählerin Kasih wartet auf ihre Freundin Saya, die die Nacht im Gefängnis verbringen muss. Was ist passiert? Kasih beginnt chronologisch zu erzählen, was sich alles in den letzten Tagen ereignet hat, seit Saya am Dienstag zu Besuch kam, um ein paar Tage bei ihren Freundinnen zu verbringen, anläßlich einer Hochzeitsfeier. Dabei beginnt Saya direkt voller Wut über diskriminierendes Verhalten durch ihre Mitmenschen zu erzählen. Das Ganze ist aber auch recht unterhaltsam erzählt, und man ist gleich mitten im Geschehen angekommen. Weiterhin wird jetzt über die Tage bis zur Hochzeitsfeier berichtet. Allerdings gibt es auch einige Rückblenden in die Kindheit im „Getto“ - wie Kasih es nennt, eine Siedlung, in der überwiegend Flüchtlingsfamilien wohnten. Nach und nach wird klar, wie unterschiedlich die Freundinnen sind. Hani, die immer versucht allen zu gefallen, und auch auf ihrer Arbeit eher aufopferungsvoll ihre Chefin unterstützt. Dann eben Kasih, die gerade von ihrem Freund verlassen wurde, und die nach ihrem Studium noch auf Jobsuche ist. Und eben die erfolgreiche Saya, die emotional aktuell sehr aufgewühlt ist durch den gerade stattfindenden Prozess geben Nazis, es geht um Morde an Ausländern (NSU-Prozess). Kasih berichtet jetzt von vielen kleinen Vorfällen, die sich eben alle summieren, bis ein Punkt erreicht ist, an dem Sayas Wut überschäumt. So läuft eben alles auf diesen Höhepunkt hinzu, auf die Nacht der Hochzeit und auf die sich anschliessenden Vorfälle. Ich finde die Art, wie der Roman erzählt wird sehr interessant. Man wird von Kasih als Leser direkt angesprochen, denn sie setzt sich in dieser Freitagnacht nach der Hochzeit hin und schreibt alles auf, für uns Leser, damit wir verstehen können was passiert ist. Das irritiert einen natürlich etwas, weil man als Leser ja sonst quasi anonym mitliest und es nicht gewohnt ist mit eingebunden zu werden. Dadurch wird man direkt damit konfrontiert, dass es diese Art des Rassismus tagtäglich in unserer Gesellschaft gibt. Die Autorin spielt auch mit der Wahrheit, es geht darum, ob immer alles richtig ist, was berichtet wird. Das gilt vor allem für den Zeitungsartikel vom Anfang, aber auch von der Autorin selbst gibt es teils widersprüchliche Aussagen. Dies schlägt sich schon in den ersten Sätzen nieder: „Ich bin nicht: das Mädchen aus dem Getto. … Ich bin: das Mädchen aus dem Getto.“ Dies setzt sich so fort, wie ein Vexierspiel, wobei man als Leser auch die Aufgabe hat, gedanklich etwas Ordnung in das Ganze zu bringen. Also keine ganz einfache Kost, aber es lohnt sich schon, und das Thema ist natürlich wichtig. Keiner sollte aufgrund seines fremdländischen Aussehens bzw. seiner Herkunft oder aufgrund seines Geschlechts benachteilig werden. Kleine Abstriche gibt es für mich, da mir manches etwas zu plakativ ist, und weil mir Saya trotz ihrer Ausbildung oft zu unreflektiert erscheint. Auch hat das Thema Alkohol / Party machen für mich zu viel Raum. Interessant ist auch der Titel, eine Reminiszenz auf den Roman „Drei Kameraden“ von Eric Maria Remarque, das nach dem ersten Weltkrieg spielt. Und beide Romane spielen in einer namenlosen Stadt. Das Cover passt perfekt, es stellt ein Feuer dar, das sich aus den Deutschland-Farben schwarz-rot-gold zusammensetzt.
Bewertung
5/5
20.07.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieser Roman ist insensiv, schwindelerreng...
Dieser Roman ist insensiv, schwindelerreng und verwirrend. Sehr gute Lektüre!
Bewertung
aus Borgentreich
5/5
05.07.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Brandbuch
Kameradinnen erzählt die Geschichte von drei Freundinnen, Hani, Saya und Kasih. Sie kennen sich seit immer schon und entwicklens ich zwar unterschiedlich, aber sind trotzdem immer miteinander Verbunden, treffen sich und tauschen sich aus.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Kasih. Dabei erzählt sie nicht stringent, sondern springt gerne hier und dorthin. Dabei spricht sie den Leser auch direkt an, dass das eben ihre Art ist und sie nicht anders kann. Muss man sich schon ein paar Seiten rein finden, aber dann geht es wirklich gut.
Thema in dem Buch ist ganz klar Rassismus. Nach einem Brandanschlag wird Saya verhaftet. Für die Polizei klar: Sie muss die Täterin sein. Kasih erzählt, was alles in den Tagen zuvor passiert ist, sodass man als Leser ein Bild von allen für Kasih wichtigen Personen bekommt. Doch dabei trügt sie den Leser und legt offen, wie schnell wir in Klischees denken und uns beeinflussen lassen. Immer wieder trifft die Autorin Shida Bazyar genau diese Stelle.
Weiße Menschen haben eine Normalität die für sie klar in Ordnung ist. Doch diese Normalität erleben viele Menschen nicht. Sie erleben Rassismus in Dingen, die für andere nicht so wahrgenommen werden. Das zeigt, dass unsere Normalität anders werden muss, besser werden kann bzw. sein muss. Alle haben ein Herz und alle haben Augen, Hände und wollen einfach nur leben.
Wir dürfen keine Angst haben vor unseren eigenen Fehlern, sollten sie erkennen und daraus lernen. Wir sollten die Chance bekommen und nutzen daraus für die Zukunft zu lernen.
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2/5
07.05.2026
eBook (ePUB 3)
Wichtiges Thema, schlecht erzählt
Prinzipiell ein gesellschaftskritischer Roman über Alltagsrassismus. Leider konnte ich dem Erzählstil so gar nichts abgewinnen. Es wird häufig die vierte Wand durchbrochen, aber auf sehr aggressive Art und die Leserschaft wird als ignorant und einfältig angesprochen. Insgesamt ist die Erzählstruktur sehr schwammig und konfus. Der Einsatz eines unzuverlässigen Erzählers ist meiner Meinung nach auch nicht optimal gelungen, da ja ständig zugeben wird, dass die Figur lügt.
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