Luigi Pirandello, der Dramatiker und Erzähler, hatte die Angewohnheit, am Sonntagvormittag Sprechstunden für Personen abzuhalten, die aufgrund ihres besonderen Schicksals in seine Stücke oder Erzählungen aufgenommen werden wollten. Manche, die besonders aufsässig waren, schickte er wieder fort, aber den meisten lieh er sein Ohr, und so entstand nicht nur das weltberühmte Theaterstück Sechs Personen suchen einen Autor, sondern auch ein Großteil seiner Novellen. Mit dieser ironischen Selbstbeschreibung seiner Arbeit eröffnet der vorliegende Band, um dann in die ebenso karge wie intensive Lebenswelt Siziliens einzumünden. Große und kleine Tragödien von Witwen und Waisen, Frommen und Frömmlern - Grotesken, die das menschliche Maß übersteigen und doch mitten aus dem Leben gegriffen sind. All diese leidvollen und mit tiefer Empathie beschriebenen Verhältnisse - die alte Mutter, die ihren hilfsbereiten Sohn nicht sehen will, der Mann, der immer im Schlaf lacht, die junge Witwe und der alte Witwer, die sich in ihrer Hochzeitsnacht auf dem Friedhof einfinden - haben ein erschütterndes oder absurdes Geheimnis. Über allem waltet der klare südliche Himmel, in dem der junge Ciàula, der nur die Arbeit im Schwefelbergwerk kennt, eines Nachts zum ersten Mal den Mond entdeckt.
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Vielleicht lag es an dem Film "Kaos" der Brüder Paolo und Vittorio Taviani, der 1984 in die Kinos kam. Es war ein hinreißender Film, der auf fünf Novellen von Luigi Pirandello basierte. Noch heute erinnere ich mich an dem Film mit dem großen Wunsch ihn wiederzusehen.
Vielleicht sind meine Erinnerungen an dem Film aber vom gleichen Stoff wie jene, an die sich die Protagonisten aus Pirandellos dritter Novelle erinnern, die in dem neuen Erzählband "Die erste Nacht" der Steidl Nocturnes-Reihe publiziert wurde. Alles woran man sich erinnert, scheint sich anders ereignet zu haben. Jeder Mensch erinnert sich an andere Geschehnisse, Konstellationen, Personen, Eigenschaften und Charakterzüge, so dass es schnell zu Enttäuschungen kommt. Allerdings gehören diese Enttäuschungen nicht nur zu unserem Kosmos, sondern auch zu Pirandellos.
In jedem Fall sind die Novellen, Romane und Theaterstücke von Pirandello lesenswert. Mehr oder weniger allesamt, auch wenn einem die eine oder andere mehr beeindruckt. Oftmals springen sie vom Komischen ins Tragische oder nehmen den umgekehrten Weg. Sie können ins Groteske gehen oder dramatische Züge annehmen. Oftmals wenden sie sich der existenzielle Lage ihrer Handelnden zu und lassen den Leser bzw., die Leserin nicht unberührt.
Nach welchen Kriterien die Novellen für den Band "Die erste Nacht. Sizilianische Novellen" ausgewählt wurden, erschloss sich mir leider nicht, was aber nicht weiter bedauerlich ist, da Pirandello annähernd 250 Novellen schrieb, die einem nicht alle bekannt sein dürften. Der Hinweis auf "Sizilianische Novellen" ist natürlich nicht zu übersehen, jedoch werden weitere Novellen von Pirandello auf Sizilien spielen.
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