Produktbild: Zeitzuflucht

Zeitzuflucht Roman

7

11,99 €

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Beschreibung

Produktdetails

Format

ePUB 3

Kopierschutz

Nein

Family Sharing

Ja

Text-to-Speech

Ja

Verkaufsrang

42218

Erscheinungsdatum

14.03.2022

Verlag

Aufbau Digital

Seitenzahl

336 (Printausgabe)

Dateigröße

1587 KB

Auflage

3. Auflage

Originaltitel

Vremeubezhishte

Übersetzt von

Alexander Sitzmann

Sprache

Deutsch

EAN

9783841229755

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Format

ePUB 3

eBooks im ePUB 3-Format erlauben eine dynamische Anpassung des Inhalts an die jeweilige Display-Größe des Lesegeräts. Das Format eignet sich daher besonders für das Lesen auf mobilen Geräten, wie z.B. Ihrem tolino, Tablets oder Smartphones.

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  • keine Information zur Barrierefreiheit bekannt

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Erscheinungsdatum

14.03.2022

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Aufbau Digital

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336 (Printausgabe)

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3. Auflage

Originaltitel

Vremeubezhishte

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Alexander Sitzmann

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Deutsch

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9783841229755

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  • S.

    aus Berlin

    4/5

    14.03.2022

    eBook (ePUB 3)

    Erinnerungen Nach langer…

    Erinnerungen Nach langer Einleitung trifft man Gaustine, der eine Klinik, in welcher jedes Stockwerk einem bestimmten Jahrzehnt nachempfunden ist, geschaffen hat. Dort finden sich Zimmer, die in verschiedenen Zeitdekaden, beispielsweise den 60ern, gestaltet sind. Menschen mit Demenz sind gern hier, fühlen sich in ihren erinnerten Räumen wohl. Gut gelungen sind die Zimmerbeschreibungen, winzige Details werden beachtet. Egal ob Tapeten, Poster, Teppiche, Schreibmaschinen, Zeitungsanzeigen, Zigaretten - alles original. Eine Einladung, die viele Leute annehmen. Das bedarf gründlicher Vorbereitung und Recherche, der Autor reist viel und sammelt Gerüche, Memoiren und Beschreibungen. Viele Gedanken Georgi Gospodinovs folgen; sie werden in einem stetigen, gleichmäßig plätscherndem Fluß dargeboten. Viel Zeitgeschichte, zurück ins Gedächtnis gerufen. Das Refugium wird erweitert, wird auch Wohlfühlort für Leute, die die eigene Zeit negieren möchten, eine Zeitzuflucht in für sie gern erinnerte Perioden. Eine schöne Idee, mit speziellen Räumlichkeiten Erinnerungen zu wecken, Aktivitäten zu initiieren, Lebensqualität zurückzugewinnen. Reminiszenzen sind gut, nette kleine Episoden geben Würze, aber nicht alles muss ausgewalzt oder ausufernd erzählt werden.

  • Bories vom Berg

    aus München

    5/5

    22.07.2024

    Buch (Taschenbuch)

    Amnesie statt Anästhesie Der…

    Amnesie statt Anästhesie Der kryptische Titel «Zeitzuflucht» des neuen Romans von Georgi Gospodinov steht für eine kreative Thematik. Der Ich-Erzähler, ein bulgarischer Schriftsteller, hat sich einen Psychiater als Protagonisten erschaffen, den er Gaustin nennt, ein Zeitreisender, der durch die Jahrzehnte des 20ten Jahrhunderts flaniert. Mit seiner amüsanten Dekonstruktion nostalgischer Sehnsüchte desavouiert der Autor gekonnt den aktuellen politischen Rechtsruck in Europa, der alles andere als lustig ist. Nicht zuletzt deshalb, und für die literarisch exzellente Umsetzung des Stoffes, erhielt der Autor 2023 den International Booker Prize für fremdsprachige Erzählungen. Die Figur des Gaustin hat sich im Roman quasi verselbständigt, der Autor und er arbeiten eng zusammen, diskutieren miteinander und vertreten sich gegenseitig. Bei der Behandlung von Demenzkranken ist Gaustin auf die Idee gekommen, den Patienten durch einen Rückgriff auf die Vergangenheit zu helfen. Und zwar durch eine vertraute Umgebung, an die sie sich erinnern können und wo sie sich dann auch wieder zurechtfinden im Leben, immer nach dem Motto: «Amnesie statt Anästhesie!» Er baut in Zürich eine Klinik auf, in der in jedem Stockwerk ein anderes Jahrzehnt des 20ten Jahrhunderts detailgetreu wie im Museum rekonstruiert ist. Ein therapeutischer Ansatz, der sich als äußerst erfolgreich erweist und andernorts viele Nachahmer findet. Alle haben die Hoffnung, durch diesen Zeitenwechsel den Schrecken der Gegenwart entfliehen zu können, und schon bald verwandelt sich die Therapie in ein politisches Programm. In kürzester Zeit werden ganze Stadtviertel in ein vergangenes Jahrzehnt zurückversetzt, bald auch ganze Städte. Schließlich ist die Sehnsucht nach Vergangenheit so groß, dass einzelne Staaten und dann auch die gesamte EU sich in die Vergangenheit zurückversetzen wollen. In verschiedenen Ländern werden Referenden abgehalten, bei denen die Bevölkerung das vergangene Jahrzehnt wählen kann, in dem die Menschen künftig wieder leben wollen. Mit nicht zu übersehendem Spott berichtet der Schriftsteller von den Diskussionen mit seinem Protagonisten Gaustin, der ziemlich entrückt das Geschehen aus der Ferne verfolgt und dann immer wieder mal für Jahre spurlos verschwunden ist. Genüsslich schildert Georgi Gospodinov das von ihm erdachte, aberwitzige Szenario, berichtet von seinen Erlebnissen in den verschiedenen Jahrzehnten, die er besucht. - Wohlgemerkt, man besucht nicht mehr Orte, sondern Zeiten! Und geschickt nutzt der Autor auch das entstandene Chaos zu vielfältigen Reflexionen über politische und historische Gegebenheiten, so wenn er gegen Schluss ausführlich über die Referenden in den einzelnen Staaten Europas berichtet. Dabei lässt er sich kenntnisreich und amüsant über dortige Animositäten, Befindlichkeiten und Sehnsüchte aus. All das ist eine kontemplative Tour d’Horizont auf nostalgischen Pfaden der europäischen Geschichte, prall gefüllt mit Anekdoten, Ereignissen, Wegmarken und Irrwegen. Konsequent lässt er die Menschen in diesem speziellen Setting alle historischen Stationen durchlaufen, auch Erster und Zweiter Weltkrieg nicht ausgeschlossen, er thematisiert die Balkankriege ebenso wie den Brexit oder Donald Trump. Besonders aber die ehemaligen Ostblockstaaten werden kritisch durchleuchtet in ihren Befindlichkeiten. Viel Raum nimmt dabei natürlich Bulgarien ein, das zwar mit Spott und Häme überzogen wird, letztendlich aber immer die Heimat des Autors bleibt, soviel Patriotismus sei ihm erlaubt! Diesen Roman zu schreiben ist ein wahrhaft schwieriges Unterfangen mit vorhersehbaren Problemen gewesen, die der Autor aber souverän zu unterlaufen versteht mit allerlei literarischen Tricks. Zu denen gehört insbesondere die scheinbar eigenmächtig handelnde Figur des Gaustin, Spießgeselle des Autors. Es gibt dermaßen viele historische Verweise, literarische Bezüge und philosophische Thesen, dass der Leser über so manche surreale Konstellation hinweg liest oder das Fehlen von Realität partout nicht empfindet. Er schwebt vielmehr gedanklich in anderen Jahrzehnten, zumal wenn er zu den «älteren Semestern» zählt. Fazit: erstklassig

  • Bewertung

    aus Villach

    5/5

    07.06.2022

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Ein geniales Experiment

    Zu Beginn dieser Dystopie steht das Altern im Zentrum, und zwar das Altern mit Demenz. Es wird ein Experiment versucht, in dem Kliniken mit Stationen errichtet werden, in denen jedes Zimmer bezogen auf den Demenzzustand der Patient*innen ausgestattet ist. Ziel dieses Experiments ist nicht nur ein „schöner Tod“, sondern dass die Menschen glücklich altern. Befindet sich zB ein*e Demenzpatient*in im Jahr 1968, wird das Zimmer mit typischen Möbeln jener Zeit eingerichtet, alte Zeitungen werden aufgelegt (der Wetterbericht ist auch heute unzuverlässig), moderne Drinks der Zeit werden bereit gestellt und vieles mehr. „Wissenschaftlich“ anmutend wird argumentiert, dass Demenz und Alzheimer in den kommen Jahren wie ein Virus um sich greifen und viele Menschen in Europa und der westlichen Welt daran erkranken werden. Dies werde Unsummen verschlingen. Man rechnet mit einer hohen Dunkelziffer, denn nicht bei allen Menschen werden diese Erkrankungen diagnostiziert werden und es gibt bis dato kaum Behandlungsmöglichkeiten. Diese Einrichtungen, die sich über Europa ausbreiten, finden jedoch nicht nur Anklang bei Erkrankten, sondern immer mehr Gesunde wollen in die Vergangenheit zurück, in das 20. Jahrhundert, an das heute mit Melancholie gedacht wird und das doch so verheerend war: zwei Weltkriege und der Kommunismus in den Oststaaten. Im zweiten Teil des Romans wird offensichtlich, dass gehandelt werden muss. Immer mehr Menschen wollen der Gegenwart (2021) und der unbekannten, nicht erfreulichen Zukunft fliehen. Die EU-Staaten entschließen sich zu einer Abstimmung in ihren Ländern, in welches Jahr der Staat zurückkehren möchte. Ein Referendum wird beschlossen und „Parteien“ stehen für eine bestimmte Zeit oder Jahreszahl: besonders amüsant fand ich, dass Großbritannien wieder in die Zeit vor dem Brexit zurück möchte, darf aber nicht mitabstimmen, weil es kein EU-Mitgliedsland mehr ist. Ich war sehr begeistert von diesem Buch - dieses Experiment hat schon was für sich. Besonders spannend fand ich die Gedanken des Autors, warum das 20. Jahrhundert aus heutiger Sicht so viel besser sein soll, mit seinen beiden Kriegen und dem Eisernen Vorhang.

  • Lea

    4/5

    21.03.2024

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Eine Zeitreise durch Nostalgie und Melancholie

    Gaustín wandelt wie ein zeitloser Flaneur durch die Straßen, ein Relikt vergangener Epochen. Sein Kleidungsstil ist altmodisch, seine Ohren lauschen den Klängen längst vergangener Jahrzehnte, und sein Büro strahlt den Charme der 1960er Jahre aus. Doch als er feststellt, dass die vertraute Umgebung vergangener Zeiten einen positiven Einfluss auf Alzheimer-Patienten hat, fasst er einen außergewöhnlichen Entschluss. Er gründet in Zürich* eine Klinik für die Vergangenheit - ein Ort, an dem jedes Stockwerk einer anderen Dekade gewidmet ist, um den Menschen Trost zu spenden. Die Patienten finden in den liebevoll rekonstruierten Räumen nicht nur Erinnerungen, sondern auch Frieden und Geborgenheit. Doch bald schon interessieren sich nicht nur die von Krankheit Gezeichneten für Gaustíns Konzept. Gesunde Menschen suchen ebenfalls Zuflucht in dieser Oase der Nostalgie, wo sie dem hektischen Treiben der Gegenwart entfliehen können. Das Modell der Klinik greift über die Grenzen der Gesundheit hinweg und erobert andere Lebensbereiche. Menschen jeden Alters und Gesundheitszustands finden hier einen Ort der Ruhe und des Rückzugs, um in vergangenen Zeiten zu schwelgen und sich den Herausforderungen des modernen Lebens zu entziehen. Gaustíns Klinik für die Vergangenheit wird so zu einem Ort der Heilung und des Trostes für die Seelen der Menschen, die in der Gegenwart verloren zu sein scheinen. (*eine Anspielung auf die seltsame Zeitlosigkeit der Schweiz aufgrund ihrer Neutralität und der Anwesenheit von Dignitas) Gaustín ist sozusagen der unsichtbare Doppelgänger, den wir alle haben, und er kann alles sein, was wir nicht sind, weil er nicht durch die Zeit begrenzt ist: Er ist das Ergebnis der Entscheidungen, die wir nicht getroffen haben. Nun gründet Gaustín zunächst eine Klinik für Alzheimer-Patienten, die aus Räumen besteht, die in den verschiedenen Jahrzehnten des 20. Immer mehr Kliniken wie diese entstehen, und gesunde Menschen wollen sich in den Zeitschutz dieser Kliniken zurückziehen, um der Gegenwart und einer Zukunft zu entfliehen, an die sie nicht mehr glauben, bis der ganze Kontinent darüber abstimmt, in welchem Jahrzehnt der Vergangenheit das Land in Zukunft leben will. Die Geschichte ist somit eine Allegorie darauf, dass wir als Individuen die Vergangenheit idealisieren, und jedes Land in Europa sieht aufgrund historischer Umstände einen anderen Zeitrahmen als sein goldenes Jahrzehnt an: Der Kontinent fällt in Zeitkapseln. Aber die Vergangenheit kann nicht wirklich nachgespielt werden, weil die Zukunft nicht in eine Version der Vergangenheit verwandelt werden kann - was uns zur politischen Dimension der neuen faschistischen Politiker bringt, die versprechen, Land XY wieder groß zu machen. Findet die Ich-Figur in diesem simulierten Kinderzimmer also auch die "Zuflucht vor anderen Zeiten", von der Gaustin spricht? Eine Art simulierte Vergangenheit, die auch dann Schutz bietet, wenn die Welt jetzt oder in naher Zukunft unterzugehen droht? Und damit Schutz bietet vor dem Vergessen des Alters, aber auch vor allerlei anderen Bedrohungen, die die Gegenwart bietet? Die Ich-Figur hat jedenfalls ein großes und wachsendes Bedürfnis nach einem solchen Zufluchtsort Gospodinov spielt mit der Vergangenheit durch Reisen und Erinnerungen, in einer labilen und flüssigen Grenze, in der sich die Definitionen von Traum und Erinnerung gegenseitig beeinflussen, bis sie nicht mehr miteinander identifizierbar sind. Sehr schön fand ich die intimeren Seiten, in denen die persönliche Erinnerung des Autors zum Vorschein kommt. Die Zeit wird zu einem Raum, in dem man Zuflucht findet, zu einem erzählerischen Mittel, um in eine neue Dimension vorzudringen und zu zeigen, wie das Geschehene zurückkehren kann und, dass der Mensch selbst unbewusst ein Tier ohne Gedächtnis ist, das sich nicht an seine Fehler erinnern kann. "Ist dieses Buch über die Vergangenheit nicht letztlich ein Versuch, an jenen heilsamen Ort zu gelangen, wie weit zurück auch immer die Zeit liegen mag, an dem die Dinge noch intakt sind [...] Ich sage Ort, aber es geht um die Zeit, einen Ort in der Zeit. Ein Rat von mir: Besuchen Sie niemals nach langer Abwesenheit den Ort, den Sie als Kind verlassen haben. Er ist verändert, von der Zeit gezeichnet, verlassen, geisterhaft. Dort. Er ist nicht da. Nichts. " Die ersten Teile - die Klinik über die Vergangenheit und das Referendum über die Vergangenheit - scheinen zwei alternative Ansätze für die Geschichte zu sein, zwischen denen sich Gospodinov nicht entscheiden konnte, so dass er sie beide belässt. Die beiden Teile sind für sich genommen interessant, bleiben aber in der Luft hängen. Für mich fehlte der rote Faden, um das Persönliche mit dem Öffentlichen auf überzeugende Weise zu verbinden. Gaustín, der mögliche rote Faden, hat sich einfach in Luft aufgelöst. Der Glaube an eine "Zeitzuflucht" ist also nach diesem Roman eine Illusion, so verständlich und vielleicht sogar unverzichtbar dieser Glaube auch sein mag. Denn die Zeit entgleitet uns, und eine "Zuflucht" in der Vergangenheit ist nirgends zu finden. Und schon gar nicht eine Zuflucht, die uns vor dem Verlust des Alterns oder vor katastrophalen Zeiten der Weltgeschichte schützt. Das ist eine ziemlich melancholische Botschaft, und deshalb ist dieser Roman oft ziemlich trostlos. Aber das stört mich nicht: So ist das Leben nun mal, und man muss sich damit abfinden. Und ich denke, dieser Roman hilft dabei, indem er die Melancholie in einem so schönen Stil und einer so schönen Form einfängt. Außerdem bewundere ich den Erfindungsreichtum dieses Romans, den sprudelnden Reichtum an Nebenpfaden und Ideen, die Schönheit der Gedankenexperimente, den spielerischen und phantasievollen Aufbau und die oft so schönen Formulierungen. Deshalb habe ich ihn mit einem breiten Grinsen gelesen.

  • BücherBummler

    4/5

    24.07.2022

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Georgi Gospodinov - Zeitzuflucht

    „Ist diese Zugkraft der Vergangenheit letztlich ein Versuch, zu jenem heilen Ort zu gelangen, wie weit er auch zurückliegen mag, wo die Dinge noch ganz sind, es nach Gras riecht, du aus nächster Nähe die Rose und ihr Labyrinth betrachtest. Ich sage Ort, doch es ist eine Zeit, ein Ort in der Zeit. Ein Rat von mir, besucht nie, wirklich nie nach langer Abwesenheit den Ort, den ihr als Kinder zurückgelassen habt. Er ist ausgetauscht worden, von Zeit entleert, verlassen, gespenstisch. Dort. Ist. Nichts.“ (Kapitel III/4) Gaustín, ein Bekannter des Ich-Erzählers, eröffnet in Zürich eine Klinik für Alzheimer-Patienten. Jedes Stockwerk ist thematisch einem bestimmten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gewidmet, so dass der Kranke in die Zeit zurückkehren kann, in der er sich mit seinen Erinnerungen noch zuhause fühlt. Das Projekt weitet sich schnell aus, es entstehen neue Kliniken in anderen Ländern, dann ganze Straßenzüge, Areale. Nicht lange, und auch Menschen ohne Erkrankung bitten um Aufnahme, um dem Stress der Gegenwart entfliehen, sich wieder in jener Zeit aufhalten zu können, in der sie am glücklichsten waren. Schließlich greifen die Staaten der Europäischen Union die Idee auf. Jedes Land hält ein Referendum ab, um zu entscheiden, in welches Jahrzehnt der Staat zurückkehren wird. Die Zeit wird plötzlich zu einem Ort, die Strukturen immer wirrer. Im Äußeren, aber auch in dem Kopf des Erzählers. „Zeitzuflucht“ von Georgi Gospodinov gehört in eine ganz rare Kategorie von Büchern: jene, die mich verwirren, ratlos zurücklassen, aber die mir trotzdem gefallen haben. Ich gehöre zu der Sorte Leser, die es gerne klar haben. Klare Sprache, klare Strukturen, runde Geschichte. Gospodinovs Roman schert sich nicht darum. Von Anfang an stellt er den Leser vor Fragen, und je weiter man voranschreitet, um so mehr fällt alles in sich zusammen, verwirrt sich, wird ungreifbarer. Und das ist genial, weil das Buch damit auf seine Weise das nachzeichnet, was im Kopf eines an Alzheimer Erkrankten im Anfangsstadium passiert. Als Leser gehen wir den Weg mit dem Ich-Erzähler, für den die Grenzen zwischen Realität und eigener Fiktion immer mehr verschwimmen. Auch wir verlieren den Halt und die Orientierung. Spannend fand ich auch, dass der Roman einen zu Gedankenspielen reizt. Welches Jahrzehnt würde ich auswählen, wenn ich die Wahl hätte (wobei man bedenken muss, dass man nicht wieder als derjenige dorthin zurückkehrt, der man war, sondern als der, der man jetzt ist)? Was würde passieren, wenn tatsächlich ganze Staaten die Zeit zurückdrehen und jedes in einer anderen Ära leben würde? Und natürlich drängt sich auch die Vorstellung auf, dass man selbst eines Tages zu denen gehören kann, die an dieser schrecklichen Krankheit leiden. Zu guter Letzt habe ich mich auch gefreut, mal etwas von einem bulgarischen Schriftsteller zu lesen. Die Passagen, die in Gospodinovs Heimatland spielen, haben mich dazu animiert, mehr über diesen Staat zu erfahren, an den wir normalerweise allenfalls wegen seiner Badestrände und der hohen Armutsrate denken. Für mich war „Zeitzufluchten“ ein sehr spannender, wenn auch nicht greifbarer Roman. Er ist sicher nicht nach dem Geschmack der großen Masse, aber wenn man sich drauf einlässt und loslässt, kann man viel Individuelles daraus mitnehmen, weil es einen Teil dessen, wer wir sind und was wir fürchten auf uns zurückwirft. Beeindruckend!

Kundinnen und Kunden meinen

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