Ausgerechnet Obdachlose bilden den neuen Freundeskreis von Josephine. Acht Menschen ohne festen Wohnsitz inszenieren ein Theaterstück, dessen Entstehung der engagierten Altenpflegerin überraschende Einblicke in die fremde Gesellschaftsschicht geben. Herla ist Initiatorin sowie allgegenwärtiger lichter Schatten der Handlung. Hautnah erlebt der Leser ein Wechselbad der Gefühle und begleitet Josi auch in ihrer persönlichen Entwicklung: dem Aufbau einer Liebesbeziehung vor dem Hintergrund sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit.
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Bewertung am 26.12.2021
Bewertungsnummer: 1628759
Bewertet: Hörbuch-Download
Josi und die Gruppe aus Obdachlosen sind unglaublich sympathisch. Ich mag Bücher eigentlich gar nicht, die sich so dramatisch mit realitätsnahen Themen befassen - doch meine Sorge war unbegründet.
Ich habe noch nie eine solche Geschichte gelesen. Ich glaube, dieses Buch kann sogar dabei helfen, manche Schicksalsschläge zu verkraften. Die Art und Weise, wie hier mit diesen schweren Themen umgegangen wird, ist wundervoll. Es gibt immer einen Ausweg, es kann immer irgendwann besser werden.
Die Entwicklung, die alle Figuren durchmachen, wärmt mir das Herz. Vor allem Josi wird von dem schüchternen, verängstigten Mädchen zu einer offenherzigen und engagierten Frau. Es ist so schön, mitzuerleben, wie Josi immer mehr auftaut.
Und dann ist da noch Josch! Ich bin verliebt! Maria Becker hat in ihm den einfühlsamsten und zugleich stärksten Charakter geschrieben – trotzdem wirkt er nicht unrealistisch.
Mir selbst hat dieses Buch einen neuen Blickwinkel eröffnet. Wenn ich beim Parkschein bezahlen ein bisschen Wechselgeld bekomme, dann wandert das in Zukunft in den Becher dieses Mannes, der dort sitzt. Denn ich weiß nicht, weshalb er in dieser Situation ist – nur, dass er das Geld nötiger hat als ich.
4 Sterne aus der Sicht einer Fantasy-Leserin, weil keine Drachen, Magie oder Schwertkämpfe vorkommen.
5 Sterne aus der Sicht einer positiv überraschten Leserin, deren Herz Herla einfach berührt hat.
Ich kann die Hörbuch-Variante übrigens sehr empfehlen! Die Autorin Maria Becker hat jeder ihrer Figuren durch ihre Stimme eine einzigartige Persönlichkeit verpasst.
„Herla“ - Sozialkritischer Roman zu Folgen sexueller Gewalt und Obdachlosigkeit, doch auch über Liebe
Rasch aus Mittelfranken am 21.06.2021
Bewertungsnummer: 1508578
Bewertet: eBook (ePUB)
„Hin und wieder wurden mir jedoch verstohlen einzelne Fragen gestellt. Wie kann ein Mensch, der unter der Brücke schläft und auf der Straße bettelt, trotzdem Gefühle und Verstand haben? Als hätte sich jeder von ihnen ausgesucht, mit Alkohol und Dreck leben zu wollen, kam es meinen Kollegen gar nicht in den Sinn, welch großes Unglück möglicherweise hinter dem Einzelnen steckt.“ (S.78)
Die Maslowsche Bedürfnispyramide stand Pate für den Roman. Nachdem Josi, die erzählende Protagonistin, die Befriedigung von Hunger, eine Schlaf- bzw. Wohnmöglichkeit sowie Arbeit in Gemeinschaft als persönliche Anerkennung bei den Obdachlosen anbieten kann, wird der Punkt erreicht, über den eigenen Lebenszweck zu philosophieren. Jeder der Betroffenen fragt sich: Will oder muss ich auf der Straße leben? Und welche Gründe finden sich bei mir dafür? Werde ich mich der Tragik meines Zustandes ergeben?
Diesen Punkt erreicht keiner von ihnen über Nacht. Es beginnt mit den Proben zum Tippel-Theater, welches von der rotlockigen Herla organisiert wird. Geduldig fordernd werden die zerrupften Menschenseelen mit sich selbst konfrontiert und bekommen so die Möglichkeit, zu sich selbst und ein normaleres Leben zurückzufinden. Herla und Josephine sind dabei wie zwei Wolken, die sich immer dann zwischen die unerbittliche Sonne des Alltags und die zarten Hoffnungstriebe schieben, wenn diese etwas Schatten zum Abkühlen brauchen. Diese Momente der Menschenliebe haben mich sehr berührt. Wer einmal selbst am Boden lag, versteht die Perspektive der Gefallenen.
Gut fand ich die kritische Darstellung von Sozialleistungen, das eigenwillige Verteilungsprinzip und auch deren Missbrauch. Dabei werden nach und nach die Schicksale aller Personen mit schockierender Ehrlichkeit erzählt und man erfährt, wie sie damit umgehen. Das wirkte anfänglich verstörend. Doch dann wird klar, es geht nicht um Spannung, sondern um die erschütternde Wahrheit unseres gesellschaftlichen Miteinanders.
Die Geschichte lebt von ihren extremen Kontrasten, die uns zwischen unserer eigenen heilen Welt und die der Obdachlosen hin- und herwirft. Die Einfachheit der Sprache erklärt sich aus dem eher nicht gesellschaftskonformen Leben der Betroffenen. Auf der Straße sind die Dinge simpel. Zumindest in dem, was man sagt oder will. Der zeitweise sachliche Erzählstil unterstreicht das noch. Das Coverbild soll, so denke ich, die optimistische Stimmung hervorheben, verpasst es aber, die Tiefe der emotionalen Handlung widerzuspiegeln.
Dieses Buch erzählt nicht die große Literatur, sondern die Denk- und Handlungsweise, die unsere menschliche Gesellschaft als einzige im Miteinander überleben lassen wird. In all seiner Tragik und Widersprüchlichkeit ist dieser Roman für jeden lesenswert, der sich den einzig denkbaren Hoffnungsschimmer als Maßstab nehmen möchte.
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