Ausgerechnet Obdachlose bilden den neuen Freundeskreis von Josephine. Acht Menschen ohne festen Wohnsitz inszenieren ein Theaterstück, dessen Entstehung der engagierten Altenpflegerin überraschende Einblicke in die fremde Gesellschaftsschicht geben.
Herla ist Initiatorin sowie allgegenwärtiger lichter Schatten der Handlung.
Hautnah erlebt der Leser ein Wechselbad der Gefühle und begleitet Josi auch in ihrer persönlichen Entwicklung: dem Aufbau einer Liebesbeziehung vor dem Hintergrund sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
3 Bewertungen
5 Sterne
4 Sterne
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(0)
1 Sterne
(0)
„Herla“ - Sozialkritischer Roman zu Folgen sexueller Gewalt und Obdachlosigkeit, doch auch über Liebe
Rasch aus Mittelfranken am 21.06.2021
Bewertungsnummer: 1508578
Bewertet: eBook (ePUB)
„Hin und wieder wurden mir jedoch verstohlen einzelne Fragen gestellt. Wie kann ein Mensch, der unter der Brücke schläft und auf der Straße bettelt, trotzdem Gefühle und Verstand haben? Als hätte sich jeder von ihnen ausgesucht, mit Alkohol und Dreck leben zu wollen, kam es meinen Kollegen gar nicht in den Sinn, welch großes Unglück möglicherweise hinter dem Einzelnen steckt.“ (S.78)
Die Maslowsche Bedürfnispyramide stand Pate für den Roman. Nachdem Josi, die erzählende Protagonistin, die Befriedigung von Hunger, eine Schlaf- bzw. Wohnmöglichkeit sowie Arbeit in Gemeinschaft als persönliche Anerkennung bei den Obdachlosen anbieten kann, wird der Punkt erreicht, über den eigenen Lebenszweck zu philosophieren. Jeder der Betroffenen fragt sich: Will oder muss ich auf der Straße leben? Und welche Gründe finden sich bei mir dafür? Werde ich mich der Tragik meines Zustandes ergeben?
Diesen Punkt erreicht keiner von ihnen über Nacht. Es beginnt mit den Proben zum Tippel-Theater, welches von der rotlockigen Herla organisiert wird. Geduldig fordernd werden die zerrupften Menschenseelen mit sich selbst konfrontiert und bekommen so die Möglichkeit, zu sich selbst und ein normaleres Leben zurückzufinden. Herla und Josephine sind dabei wie zwei Wolken, die sich immer dann zwischen die unerbittliche Sonne des Alltags und die zarten Hoffnungstriebe schieben, wenn diese etwas Schatten zum Abkühlen brauchen. Diese Momente der Menschenliebe haben mich sehr berührt. Wer einmal selbst am Boden lag, versteht die Perspektive der Gefallenen.
Gut fand ich die kritische Darstellung von Sozialleistungen, das eigenwillige Verteilungsprinzip und auch deren Missbrauch. Dabei werden nach und nach die Schicksale aller Personen mit schockierender Ehrlichkeit erzählt und man erfährt, wie sie damit umgehen. Das wirkte anfänglich verstörend. Doch dann wird klar, es geht nicht um Spannung, sondern um die erschütternde Wahrheit unseres gesellschaftlichen Miteinanders.
Die Geschichte lebt von ihren extremen Kontrasten, die uns zwischen unserer eigenen heilen Welt und die der Obdachlosen hin- und herwirft. Die Einfachheit der Sprache erklärt sich aus dem eher nicht gesellschaftskonformen Leben der Betroffenen. Auf der Straße sind die Dinge simpel. Zumindest in dem, was man sagt oder will. Der zeitweise sachliche Erzählstil unterstreicht das noch. Das Coverbild soll, so denke ich, die optimistische Stimmung hervorheben, verpasst es aber, die Tiefe der emotionalen Handlung widerzuspiegeln.
Dieses Buch erzählt nicht die große Literatur, sondern die Denk- und Handlungsweise, die unsere menschliche Gesellschaft als einzige im Miteinander überleben lassen wird. In all seiner Tragik und Widersprüchlichkeit ist dieser Roman für jeden lesenswert, der sich den einzig denkbaren Hoffnungsschimmer als Maßstab nehmen möchte.
Nicht locker-leicht-flockig - aber voller Freundschaft, Wertschätzung, Hilfsbereitschaft und Liebe!
BuchWonne am 18.05.2021
Bewertungsnummer: 1497299
Bewertet: eBook (ePUB)
Ich war gespannt, was mich in diesem Buch erwartet - der Klappentext verriet immerhin, dass es um Obdachlose geht, die ein Theaterstück inszenieren und um Josephine, eine Altenpflegerin, die durch ihr Engagement dabei Einblicke in ihr fremde Gesellschaftsschichten erhält. Der Roman spielt in den 80ern.
*/*/*/*/*
Die Vorstellung der einzelnen Personen am Anfang des Buches erzeugte bei mir erst einmal einige Fragezeichen („Angelika: 'Die Pfote ist Matsch' “ und „Max: ist mit einem Bein ein Koch“), aber durchaus auch Neugierde.
*/*/*/*/*
Eine Warnung der Autorin: Das erste Kapitel („Verwundete Frauen“) berichtet von Missbrauch! Es ist auch möglich, mit dem Lesen erst im zweiten Kapitel („Das Projekt“) zu beginnen.
*/*/*/*/*
Josi, Altenpflegerin und Ich-Erzählerin, trifft auf Herla, die Protagonistin des Buches, eine sehr liebenswerte, direkte, authentische und empathische Person, die redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist (Zitat: „...weil sie scheinbar das normal übliche Vokabular verlegt hat.“) und somit umso überzeugender auftritt. Die Passagen, in denen sie z.B. von ihrem Jesus-Gott erzählt, sind glaubhafter als so manche Predigt in der Kirche...
*/*/*/*/*
Herla ist gerade dabei, ein TippelTheater mit Obdachlosen auf die Beine zu stellen und steckt Josi mit ihrer Begeisterung an. Dadurch, dass Josi der Bezeichnung „Obdachlose“ schon bald die Einzelschicksale von Josch, Karl-Heinz, Lothar, Sven, Ludger, Polly und Rita zuordnen kann, wird sie aus ihrer früheren Gleichgültigkeit gerissen. Sie muss Vorurteile in Frage stellen, sieht diese zuweilen bestätigt, aber sehr oft auch widerlegt.
*/*/*/*/*
Was sich aus dem Theater-Projekt noch so entwickelt und was das alles mit den beteiligten Personen macht, möchte ich hier gar nicht verraten – das lest lieber selbst!
*/*/*/*/*
Das Buch ist kein Wohlfühlbuch, das man mal eben locker-flockig durchschmökert - es geht um wirklich harte Themen: Obdachlosigkeit, sexueller Missbrauch und seine Folgen, Alkoholsucht, Krankheit, Tod. Beim Lesen legte sich nicht selten eine Schwere auf meine Seele, begründet im konzentrierten Zusammentreffen all dieser Themen.
*/*/*/*/*
ABER:
Es finden sich in diesem Buch auch unendlich viel Freundschaft, Wertschätzung, Offenheit, Träume, gemeinsames Anpacken, Akzeptanz, Hilfsbereitschaft, Heil-Werden, Lebensfreude, Engagement, Da-Sein, Hoffnung, Heimat, Versöhnung und Liebe. Ich musste zwischendurch grinsen, sogar lachen, konnte mich mitfreuen und war gerührt.
*/*/*/*/*
Und: am Ende hatte ich wirklich Tränen in den Augen!
*/*/*/*/*
Eines meiner Lieblingszitate:
„Wichtig ist ein Mensch, der an dich glaubt, es dir sagt und nicht aufgibt, bis du es geschluckt hast.“
*/*/*/*/*
Für: alle, die sich nicht scheuen, über ihren eigenen Wohlfühl-Tellerrand zu blicken und vielleicht sogar für diejenigen, die von den Themen selbst betroffen sind und in diesem Buch Hoffnung finden können
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.