„Oscar Wildes berühmter offener Brief an Lord Alfred Bruce, seinen früheren Freund und Geliebten, während dessen Inhaftierung mit Zwangsarbeit in den Strafanstalten Pentonville, Wandsworth und Reading zwischen 1895 und 1897. Dem Familienvater war seine „Unzucht“ mit männlichen Prostituierten zum Verhängnis geworden – Homosexualität und Ehebruch standen im Vereinigten Königreich seiner Zeit unter Strafe.“ Redaktion Gröls-Verlag (Edition Werke der Weltliteratur)
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Unglaublich tiefsinnig
the hopeless romantic am 21.12.2023
Bewertungsnummer: 2092451
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ich liebe dieses Buch! Offen gestanden habe ich, als ich angefangen habe, es zu lesen, nicht verstanden, wieso es als ,,Liebesbrief“ beschrieben wird. Doch je mehr ich gelesen habe, desto bewusster wurde mir, wie viel Liebe in diesem endlos langen Brief steckt. Die Liebe zum Schmerz, die Liebe zur Verdammnis, die Liebe zu Gott, die Liebe zur Kunst, die Liebe zum Verräter, die Liebe zu sich selbst, die Liebe zum Leben. Ich habe deutlich gespürt, wie sich Oscar Wildes Persönlichkeit beim Schreiben entfaltet hat, wie ein Schmetterling, der seine Flügel aufschlägt. Es ist ein Brief, eine Offenbarung, eine Reflexion, ein Eingeständnis; Es ist eine Abrechnung mit Douglas, mit dem Leben und sich selbst. Ich habe vieles von Oscar Wilde in mir selbst wiedergefunden, seinen gutmütigen Charakter, eine naive Liebe, die ich selbst zu einer Person, die mir gleichermaßen nicht gut tut, Pflege und die Liebe zur Kunst. Er hat in seinem Brief den Schmerz zu einem Kunstwerk und das Leben zur Kunst ernannt. Wilde hat, trotz allem, was ihm widerfahren ist, oder vielleicht genau wegen dem was ihm widerfahren ist, eine unglaubliche Perspektive über die Liebe, den Schmerz und das Leben gebracht. Ich bin dir dankbar, dass ich dieses Meisterwerk lesen durfte <3
Eine eindrückliche Offenbarung einer Künstlerpersönlichkeit
Bewertung am 30.08.2023
Bewertungsnummer: 2011160
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Historischer Hintergrund zu „De profundis“: Seit 1891 hatte Oscar Wilde eine Beziehung mit dem britischen Aristokraten Lord Alfred Douglas. Douglas‘ Vater, John Douglas, war mit dieser Beziehung nicht einverstanden, weshalb er Wilde auf perfide Weise mit Beleidigungen provozierte, die 1895 in einen Gerichtsprozess mündeten. In diesem wurden Wilde wegen „Unzucht“ zu einer zweijährigen Haft mit Zwangsarbeit verurteilt. Kurz vor seiner Entlassung, von Januar bis März 1897, schrieb Wilde einen Brief, den er an Alfred Douglas adressierte. Denn: Obwohl Douglas mehrfach in der Öffentlichkeit über Wildes Inhaftierung redete, besuchte er Wilde nie im Gefängnis. Dieser Brief wurde 1905 – etwas mehr als vier Jahre nach Wildes Tod – unter dem Titel „De profundis“ veröffentlicht.
Persönliche Meinung: „De profundis“ setzt sich thematisch mit zwei Schwerpunkten auseinander. Der erste Schwerpunkt ist die Beziehung, die Wilde und Douglas geführt haben. Wilde charakterisiert diese als hochgradig toxisch: Douglas habe Wilde permanent vom künstlerischen Schaffen abgehalten und ihn in parasitärer Weise finanziell sowie mental ausgebeutet. Mehrfach habe Wilde sich trennen wollen, doch es aus verschiedenen Gründen nicht geschafft. Dieser Part liest sich über weite Strecken wie eine Abrechnung, geht aber darüber hinaus: Wilde gibt nicht Douglas allein die Schuld an dem Defizitären der gemeinsamen Beziehung, sondern reflektiert im Laufe des Briefes auch seine eigenen Fehler. Der Ton des Briefes ist – trotz aller Schonungslosigkeit – tendenziell von Freundlichkeit geprägt. Der zweite Part des Briefes setzt sich mit dem künstlerischen Selbstverständnis Wildes auseinander, das sich durch die zweijährige Haft verändert hat. Wilde wolle sich der Demut zuwenden und den hedonistischen Lebensstil ablegen (auch Ideen für zukünftige schriftstellerische Projekte diskutiert Wilde hier). Zudem vergleicht er in einem Analogieverfahren das Leben Jesu mit dem eines Künstlers: Jesus wird in der Vorstellung Wildes zu einem romantischen, individualistischen Dichter. Durchzogen ist der Brief von Anspielungen auf und Zitation aus Werke(n) der Weltliteratur, deren Herkunft in der Diogenes-Ausgabe in einem Stellenkommentar geklärt wird. Der Erzählstil von „De profundis“ gleicht einem Monolog: Wilde schreibt seine Gedanken nieder, denkt aber immer eine (potenzielle) Erwiderung Douglas‘ mit. Abgerundet wird die Diogenes-Ausgabe durch ein Vorwort der Lyrikerin/Musikerin Patti Smith, in dem sie sich Oscar Wilde auf einer persönlichen Ebene annähert. Insgesamt ist „De profundis“ eine eindrückliche Offenbarung einer Künstlerpersönlichkeit – eine Offenbarung, die nicht nur aus der Tiefe des Gefängnisses, sondern auch aus derjenigen der Gefühlswelt stammt.
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