Tarjei Vesaas (1897-1970) schuf mit "Das Eis-Schloss" einen dichten Roman, der sich unvergesslich ins Gedächtnis brennt. Darin erzählt er die Geschichte von zwei elfjährigen Mädchen, Siss und Unn. Unn kommt als Waise zu ihrer Tante in ein Dorf auf dem norwegischen Land und bringt mit ihrer Verstummtheit nach dem Verlust der Eltern das Gefüge der kleinen Gemeinschaft kaum merklich aus dem Gleichgewicht. Siss fühlt sich zu ihr hingezogen, die Mädchen freunden sich an - bis Unn plötzlich verschwunden ist. Ein eisgefrorener Wasserfall im Fluss mit glitzernden Türmchen und durchsichtigen Kammern, den die Kinder "Eis-Schloss" nennen, hat sie auf fatale Weise angezogen. Siss muss mit dem Verlust und ihrer Einsamkeit zurechtkommen und zieht sich in sich zurück. Wie gelingt es ihr, diese Vereisung aufzutauen und wieder Teil der Dorf- und Schulgemeinschaft zu werden?
Neben der berührenden Geschichte ist es vor allem die Sprache, die den Leser in den Roman hinein und zu den Figuren hin zieht und seinen Atem stocken lässt. Schneidende, eisklare Sätze, poetische Bilder von mitreißender Kraft, die sich einer eindeutig entschlüsselnden Lesart entziehen. In der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel funkeln die Sätze in diskreter Präzision, wie in Eis gekratzt, und können von allen Seiten betrachtet werden, ohne sich durchdringen zu lassen - der Roman behält manche Geheimnisse für sich. "Das Eis-Schloss" ist eine virtuose Studie existenzieller Einsamkeit und der Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Verbindung, aber gleichzeitig ist es auch ein formal bezwingendes Sprachkunstwerk von enorm suggestiver Kraft.
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poetisch, melancholisch und existenziell
Bewertung am 08.02.2024
Bewertungsnummer: 2126518
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Geschichte zweier Mädchen im Alter von elf Jahren fesselt ab der ersten Seite dieses poetischen Romans. Siss und Unn, sehr unterschiedlich in ihrer Wesensart, nähern sich zaghaft und es ist der Beginn einer Freundschaft, die durch ein nicht ausgesprochenes Geheimnis die beiden verbindet und in existenzielle Gefahr bringt. Es sind die leisen Töne und das zwischen den Zeilen stehende, die eine grosse Sogkraft der Geschichte bewirken.
Der Autor (1897-1970) wird dem Symbolismus und der Moderne zugeordnet. Die Natur und menschliche Nähe und Distanz spielen in seinen Werken eine grosse Rolle. In diesem Roman ist das titelgebende Eis-Schloss ein Symbol für Kälte, Einsamkeit und Tod aber auch für Schönheit, Licht und Leben. Die Beziehung der Menschen zueinander in einer unwirtlichen Natur, die viele Gefahren bereithält und in der jeder auf den anderen angewiesen ist, wird anhand des Zusammenhaltes und der Hilfsbereitschaft der gesamten Dorfgemeinschaft eindrücklich erzählt. Das Eis mit seiner konservierenden Eigenschaft kann auch als Gedenken und Erinnerung gedeutet werden. Dieses Nicht-Vergessen wird durch ein Versprechen manifestiert, welches Siss in grosse seelische Qualen stürzt. Doch die Veränderlichkeit der Dinge und die vorübergehende Zeit geben Hoffnung, die sehr schön symbolisiert wird durch den nahenden Frühling und damit die Erlösung aus der Erstarrung.
Das Geheimnisvolle und Ungesagte haben mich an diesem Roman besonders fasziniert. Die Erzählweise lässt viel Spielraum für eigene Interpretationen und Lesarten. Mir hat das Buch, als Ausgabe des Guggolz-Verlages und übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, ebenso gut gefallen wie das vom gleichen Autor erschienene Werk ‘Die Vögel’.
Stark, poetisch, außergewöhnli…
Circlestonesbooks.blog am 10.12.2022
Bewertungsnummer: 2789421
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Stark, poetisch, außergewöhnlich „Alles war Eis, und das Wasser spritzte dazwischen hervor und baute weiter, Stränge des Wasserfalls wurden vom Eis abgelenkt und schossen in neuen Betten dahin und bildeten neue Formen.“ (Zitat Seite 50) Inhalt Die elfjährige Unn ist Waise und erst vor kurzem zu ihrer Tante in das Dorf gezogen. Die gleichaltrige Siss fühlt sich von der scheuen Einzelgängerin angezogen. Doch am Tag, nachdem Siss Unn zum ersten Mal zu Hause besucht hat, verschwindet Unn auf dem Schulweg spurlos. Es ist erst Spätherbst, aber die klirrende Kälte hat den Wasserfall beim nahe gelegenen See zu einem gewaltigen Eis-Schloss gefrieren lassen. In der Schule hatten alle darüber gesprochen, wie großartig der Anblick war, ein Ausflug war geplant – war Unn an diesem Morgen schon alleine zu diesem gefrorenen Wasserfall gegangen? Thema und Genre In diesem 1963 entstandenen Roman des norwegischen Schriftstellers geht es um die beginnende Freundschaft zwischen zwei Mädchen. Als eines der Mädchen plötzlich verschwindet, prägt dieses Ereignis das zweite Mädchen und die gesamte Dorfgemeinschaft nachhaltig. Charaktere Unn ist eine scheue Einzelgängerin und als sie verschwindet, führen die Erinnerungen an Unn auch Siss in eine tiefe, selbst gewählte Isolation. Handlung und Schreibstil Die Geschichte spielt innerhalb eines knappen Zeitraums von wenigen Monaten. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht die elfjährige Siss und wir erleben, wie tief sie durch das Verschwinden ihrer neuen Freundin aus der Bahn geworfen wird. Täglich denkt sie an Unn, verspricht ihr in Gedanken, sich in eine ähnliche innere Einsamkeit zurückzuziehen, die auch Unn umgeben hatte. Die leise Sprache schildert einfühlsam die Gedankenwelt und Gefühle der jungen Siss, verbindet sie gleichsam mit der einprägsamen Beschreibung der unterschiedlichen Naturschauspiele des norwegischen Winters. Im Anhang an den Roman finden wir ein Nachwort, geschrieben von einer beeindruckten, begeisterten Doris Lessing. Fazit Eine magische, poetische Geschichte über Freundschaft, Verlust und Trauer, in der ein gewaltiges Naturschauspiel im kalten Winter Norwegens eine wichtige Rolle spielt, real und metaphorisch.
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