Im Schlafzimmer sollte er nicht hängen, zerbrochen bringt er sieben Jahre Pech, für Vampire ist er nutzlos – der Spiegel übte immer schon eine gewisse Faszination aus. So verwundert es nicht, dass er als Motiv mannigfaltig Einzug in Literatur und Kunst gehalten hat: etwa als Symbol für (Selbst-)Erkenntnis und Wahrheit; oder als Mittel der Macht, das in die Zukunft blicken lässt; und nicht zuletzt als Tor in eine andere Welt.
Viele dieser Aspekte lassen sich auch in Corinna Antelmanns Kurzgeschichte entdecken. Ihre Hauptfigur – ein junges Mädchen – ist sich sicher: Ihr Spiegelbild hat ein Eigenleben, das sich aber nur dann offenbart, wenn sie gerade nicht hinschaut. Es ist nämlich ein ziemlich verlogenes Ding, dieses Spiegelbild.
Was mit Ablehnung und Wut beginnt, wandelt sich langsam zu Neugier und einer Annäherung. Bis das Mädchen schließlich die Hand ausstreckt, die kalte Fläche berührt und – hindurchgreift. Die Seite wird gewechselt, ein fremd-vertrauter Raum betreten, dem eigenen Spiegelbild begegnet. Mit diesem mutigen Schritt wird plötzlich Akzeptanz möglich, ein Miteinander, letztlich sogar ein fröhlich-ausgelassenes Beisammensein.
Corinna Antelmann siedelt ihren Text im magischen Realismus an und lässt dabei bewusst vielfältige Interpretationsmöglichkeiten offen. Eine Offenheit, die den jungen Künstler Lukas Vogl zu einer äußerst bildintensiven (und textreduzierten) Umsetzung inspiriert hat. Ausdrucksstark setzt er den emotionalen Wandel der Hauptfigur in Szene, spielt gekonnt mit den zwei Welten, deutet an, gibt Hinweise, ohne jedoch zu konkret zu werden.
Jugendbuch über die oft schwierige Suche nach der eigenen Identität
Bewertung aus Tulfes am 29.09.2019
Bewertungsnummer: 1251986
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Entgegen anderweitigen Rezensionen empfinde ich dieses Buch als sehr cooles, den Nerv von Jugendlichen treffendes Buch:
In wenigen, sehr ausdrucksstarken Sätzen wird beschrieben, wie sich ein Mädchen mit ihrem Spiegelbild beschäftigt. Wie auch in der Realität ähnelt das insbesondere ab einer gewissen Altersgruppe ("Pubertiere") einer Art Hassliebe. Da wird der sich im Spiegel zeigenden Person mit Wut entgegengebrüllt, sie solle sich endlich zeigen. Aber wehe, sie zeigt sich und tut doch, was sie möchte. Insbesondere, wenn die Protagonistin gerade nicht hinschaut. "Es ist nämlich ein ziemlich verlogenes Ding, dieses Spiegelbild".
Von einer solchen anfänglichen Ablehnung und Abwehr erzählt dieses Buch, bis schließlich die Neugier obsiegt und sich das Mädchen aufmacht, um diese Person im Spiegel näher kennen zu lernen. Es bedarf einiges an Mut, um durch den Spiegel zu schreiten, Nähe zum eigenen Spiegelbild zu wagen und festzustellen: Die Person im Spiegel hat vieles gemein mit ihr, fühlt sich warm an und lebendig, "sie fühlt sich an wie ich". Letztendlich gelingt die Annäherung, die Akzeptanz und Integration ungeliebter Anteile in dem Wissen: Das alles bin ich und es ist gut so.
Neben dem ausdrucksstarken, prägnanten Text haben es mir insbesondere die Illustrationen sehr angetan: Die matten, düsteren Farben spiegeln wunderbar diesen anfänglichen Widerstand der Protagonistin wider sowie den Weltschmerz und die Selbstzweifel heranwachsender junger Menschen. Gleichzeitig vermitteln sie Gefühle von Wut, Traurigkeit und Selbstunsicherheit; Emotionen, mit welchen sich viele Jugendliche auseinandersetzen müssen, die ihnen aber auch Angst machen und die sie womöglich auch abwehren. Insofern eignen sich auch die Illustrationen zur Identifikation, zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, mit Persönlichkeitsaspekten, die sich verändern, weiter entwickeln und anfangs völlig fremd erscheinen. Last but not least empfinde ich die Illustrationen auch in Kombination mit dem Titel als äußerst stimmig. "Spieglein, Spieglein", so der Titel, der auf die Frage der bösen Stiefmutter im Märchen Schneewittchen anspielt. Doch empfinden sich viele der Jugendliche eben nicht als strahlend und sonnig, als "Schönste im Lande", sondern sehen sich selbst in eher düsterem, matt glänzenden Licht. Doch auch hier wirkt die Botschaft des Buches: Du bist du und das ist gut so.
Ich kann dieses Buch empfehlen für alle Jugendlichen ab zehn Jahren, die auf der Suche sind, die sich mit Fragen nach ihrer eigenen Identität, mit geliebten und eher ungeliebten Anteilen ihrer Selbst beschäftigen und mit Hilfe des Buches spüren: Es geht vielen so wie mir, ich bin nicht alleine.
Das Buch erscheint mir gut geeignet für das Thema Identität im Rahmen von Ethik-, oder Religionsunterricht, aber auch für Firmstunden oder aber als anregende Lektüre für daheim.
Absolute Kaufempfehlung!
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