»Vermutlich war der Einzelne schon immer unwichtig. Es fiel nur weniger auf.«
Die Brave New World findet in wenigen Jahren statt. Vielleicht hat sie auch schon begonnen. Jeden Tag wird ein anderes westliches Land autokratisch. Algorithmen, die den Menschen ersetzen, liegen als Drohung in der Luft. Großbritannien, wo der Kapitalismus einst erfunden wurde, hat ihn inzwischen perfektioniert. Aber vier Kinder spielen da nicht mit – sondern gegen die Regeln. Und das mit aller Konsequenz. Willkommen in der Welt von GRM.
Sibylle Bergs neuer Roman beginnt in Rochdale, UK, wo der Neoliberalismus besonders gründliche Arbeit geleistet hat. Die Helden: vier Kinder, die nichts anderes kennen als die Realität des gescheiterten Staates. Ihr Essen kommt von privaten Hilfswerken, ihre Eltern haben längst aufgegeben. Die Hoffnung, in die sie sich flüchten, ist Grime, kurz GRM. Grime ist die größte musikalische Revolution seit dem Punk. Grime bringt jeden Tag neue YouTube-Stars hervor, Grime liefert immer neue Role-Models.
Als die vier begreifen, dass es zu Hause keine Hoffnung für sie gibt, brechen sie nach London auf. Hier scheint sich das Versprechen der Zukunft eingelöst zu haben. Jeder, der sich einen Registrierungschip einpflanzen lässt, erhält ein wunderbares Grundeinkommen. Die Bevölkerung lebt in einer perfekten Überwachungsdiktatur. Auf der Straße bleibt nur der asoziale, vogelfreie Abschaum zurück. Die vier Kinder aber – die fast keine Kinder mehr sind –, versuchen außerhalb des Systems zu überleben. Sie starten ihre eigene Art der Revolution.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bewertung
5/5
14.07.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich hab mich zuerst in Sibylle...
Ich hab mich zuerst in Sibylle Bergs Podcast verliebt, dann direkt in ihre Bücher. Was für eine faszinierend, fantastische Abbildung der Realität sie mit ihren Geschichten erschafft, ist zugleich gruslig als auch sehr sehr einzigartig. Sehr zu empfehlen!
Bewertung
5/5
16.02.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Krasser Stoff, krasse Autorin und krass intensiv. So geht Dystopie!
Böse, zynischer - Berg. Oder auch: Despentes, Houllebeq - Berg. Die Reihenfolge deutet es schon an. Mit ihrem neuen Meisterwerk steckt Sibylle Berg die beiden französischen Zeit- und Geistesgenossen in puncto Radikalität, Kompromisslosigkeit und Aussichtslosigkeit locker in die Tasche. Dabei möchte Sibylle Bergs Gesellschaftsroman nicht als Dystopie verstanden werden; vielmehr beschreibt die Autorin laut eigener Aussage die Gegenwart, bzw. das, was den modernen westlichen Staaten in sehr naher Zukunft bevorstehen wird.
"GRM" spielt in England einige Zeit nach dem Brexit. Der Neoliberalismus hat die gesellschaftlichen und sozialen Strukturen zerstört. Es herrscht ein autokratischer Staat. Viele Menschen sind mittlerweile gechipt, die Gesichtserkennung leistet ganze Arbeit und das Bonuspunkte- und Überwachungsprogramm nach chinesischem Vorbild zeigt seine volle Wirkung. Es gilt, positive Karmapunkte zu sammeln.
Bedeutet: Nach außen hin ist das Land scheinbar befriedet, alles geht ruhiger, geordneter und weniger gewalttätig als früher vonstatten, denn hurra: Das bedingungslose Grundeinkommen ist da! Aber wie sieht es im Inneren des Menschen aus? Da sich niemand mehr traut, auch nur geringfügig von der vorgegebenen Norm abzuweichen, kuscht ein Gros der Bevölkerung. Der totale Überwachungsstaat ist Realität geworden.
Denn: Der Staat weiß alles über dich: Schuhgröße, politische Ausrichtung, sexuelle Orientierung, Essgewohnheiten, Bankdaten, Krankenakte, Arbeitgeberinfo, Einkommen, Vorstrafen und vieles mehr. Gibt der Chip nicht alle Daten her, erledigt der biometrische Gesichtsscan den Rest und legt alles offen.
Alles wird erfasst, was dazu führt, dass immer mehr Menschen mit einer Bodycam unterwegs sind, da der Bürger im Fall der Fälle seine eventuelle Unschuld dokumentieren und beweisen möchte. Aber letzen Endes entscheidet das System, ob du nützlich oder schädlich bist.
Die Leute gehen nicht mehr auf die Straße, um gegen das Regime zu protestieren. Ehemalige Hacker haben ihre anarchistischen Pläne fallen gelassen und arbeiten lieber für den Staat; einer der letzten Arbeitgeber, der noch Sicherheit verspricht. Ansonsten wurden und werden viele Menschen durch Roboter ersetzt. Ganze Berufszweige verschwinden; Stellen werden einfach ersatzlos gestrichen. Glücklich kann sich schätzen, wer immerhin einen Einstundenvertrag ergattern durfte.
Die Menschen sind apathisch; aber zum Glück gibt es die Gute-Laune-Pille. Alles Wollen verschwindet; man ist bedingungslos zufrieden; gut für das System. Die Pillen eliminieren das logische Denken und die Kreativität, während Endgeräte bzw. Smartphones die kognitiven Fähigkeiten töten. Verblödete Zombies sind das gewünschte Ergebnis. Gechiptes Handgelenk an den Scanner und es ist bezahlt; am besten via Kryptowährung.
Und damit der Horror kein Ende nimmt, lassen sich manche freiwillig die Hand amputieren. Die mechanische Hand funktioniert einfach besser als die biologische. Und wenn wir schon dabei sind: Wozu benötige ich mein natürliches Bein, wenn es das smarte Bein gibt? Also weg damit!. Selbstoptimierung galore. Die Sexroboter erledigen dann den Rest.
Das Bargeld steht kurz vor der Abschaffung, der Himmel wird mit Chemtrails besprüht und in vielen europäischen Staaten haben die Bevölkerungen konservative oder sogar rechtsnationale Regierungen gewählt, um der befürchteten Umvolkung entgegenzuwirken. Demnach kennt sich Sibylle Berg mit Verschwörungstheorien, die sie en passant mit einflechtet, aus. Überhaupt wird beim Lesen von “GRM“ deutlich, wie umfassend informiert die Autorin einerseits ist und andererseits das Zeitgeschehen intelligent einordnet und in eine nahe Zukunft weiterspinnt.
Viele landen auf der Straße, erkranken, verwahrlosen und siechen dahin. Einige nehmen Drogen und ergehen sich in abartigen sexuellen Praktiken. Auch innerhalb der Familien sieht es nicht besser aus. Dort herrschen Bildungslosigkeit, Verarmung, Gewalt und Missbrauch.
Die vier Jugendlichen Hannah, Karen, Don und Peter machen sich aus dem nordenglischen Rochdale nach London auf, um dem Elend zu entfliehen.
Dort angekommen, finden sie in den Außenbezirken eine stillgelegte Fabrikhalle, wo von gelegentlichen Drohnenflügen abgesehen keinerlei Überwachung stattfindet. Das ideale Refugium, um eine Attacke auf das System zu starten. Also kippen sie Testosteron vernichtende Viren in die Trinkwasserversorgung, ist doch dieses Hormon ihrer Auffassung nach für nicht wenig Leid auf der Welt verantwortlich. Der Plan geht auf, Unlust macht sich in der Bevölkerung breit, es wird friedlicher. Ob das schon die Rettung war?
Ähnlich wie in Bela B Felsenheimers aktuellem Roman „Scharnow“ werden hier die Perspektiven permanent gewechselt. Alle paar Seiten schildert die Autorin in ihrer auktorialen Erzählweise das Empfinden eines anderen Protagonisten. Die Übergänge zwischen dem Erleben der jeweiligen Menschen sind fließend, so dass man das Gefühl hat, es handle sich um ein kollektives Bewusstsein, das hier wahrnimmt. Dabei kultiviert Sibylle Berg einen sarkastischen, nüchternen und knappen Stil – kein Wort zu viel.
Insgesamt ein Roman, der an die Nieren geht, betroffen macht und einem manchmal das Weiterlesen schier unmöglich macht. Ist alles wirklich schon so schlimm? Sibylle Berg würde sagen: Ja!
Es schreit regelrecht aus den Zeilen heraus: Schaut hin! Informiert euch! Werdet wach! Was gleichzeitig als ein Plädoyer für mehr Mitmenschlichkeit und Empathie verstanden werden kann. Sollte es doch so übel kommen, wie hier beschrieben, können wir nicht behaupten, wir hätten von nichts gewusst. Frau Sibylle hat es uns gesagt.
Krasser Stoff, krasse Autorin und krass intensiv.
Bewertung
5/5
11.11.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
GRM
Wenn Sie "Brave New World" in fesselnder Erinnerung haben, legen Sie "GRM", eine packende Dystopie von Sibylle Berg, sicher nicht mehr aus der Hand.
Bewertung
5/5
23.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sibylle Berg trifft den Nagel...
Sibylle Berg trifft den Nagel auf den Kopf!
Keine Dystopie im eigentlichen Sinne, dafür ist das Buch viel zu nah an unserer Gesellschaft.
Sibylle Bergs Humor muss man mögen, wer aber auf grotesken Humor und ironisches Augenzwinkern steht- Reinlesen!
Bewertung
aus Dillendorf
5/5
12.01.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Angst
Das Buch ist genial, es bereitete mir aber ganz schön Kopfschmerzen.
Es zeigt uns eine erschreckende Zukunft. So möchte ich nicht leben.
Es liest sich hervorragend und ist sehr kurzweilig. Ein wahnsinns Buch.
Danke, dass ich Zugang zu dieser Welt finden durfte, Zum Glück nur
als Gast.// Reiner
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
5/5
03.11.2025
Buch (Taschenbuch)
Fantastischer erster Teil einer dystopischen Trilogie
Ich bin ein Fan von Sibylle Bergs Erzählstil!
GRM ist ein dystopischer Roman, der in naher Zukunft in der englischen Stadt Rochdale beginnt und dort das Leben von vier befreundeten Teenagern, Don, Karen, Hannah und Peter, beschreibt. Durch verschiedene Schicksalsschläge ziehen alle vier nach London um. Arbeitslosigkeit und Diskriminierung sind im Überwachungsstaat Routine, aber die vier Freunde entziehen sich durch ihre Lebensweise dieser Überwachung. GRM ist der Beginn einer fantastisch geschriebenen Trilogie, die über das Schicksal der Freunde erzählt.
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
5/5
20.05.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zukunft war gestern
Das Buch: Ein sprachlicher Molotowcocktail voll Empathie mitten in die neoliberalen Heilsverprechen unserer Zeit.
Ein zentraler Ort des Geschehens: "Fucking Rochdale", England, bietet alle Facetten sozialer Verwahrlosung, "ein Ort, den man", wie Don aus dem Buch sagt, "ausstopfen und als Warnung vor unmotivierter Bautätigkeit in ein Museum stellen müsste."
Worum gehts? Freundschaft, Musik, kaputte Familien, Algorithmen, Endgeräte, neoliberale Scherze, turnschuhschnüffeln, Nationalismus 2.0, revolutionäre Versuche, Todeslisten, von Kindern erstellt, Sprache, menschliche Maschinen und Maschinen, die gerne Menschen wären, Sex auch.
Zeit des Geschens: Nicht allzuferne Zukunft, post Brexit, aber irgendwie auch schon heute.
Der passende Soundtrack zum Buch: Britischer Grime natürlich! Punk oder Bach geht aber auch.
Leseempfehlung? Aber hallo!
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
4/5
03.04.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Im wahrsten Sinne des Wortes Brainfuck!
GRM liest sich im wahrsten Sinne des Wortes wie Brainfuck. Bei der düsteren, unerbittlichen Schilderung der nahen Zukunft dreht sich einem der Magen/das Gehirn um. Für mich war am schwersten zu verdauen, wie sich die Gesellschaft ändert (oder schon ist?), Mitgefühl und Solidarität sind ein Fremdwort und teilweise hatte ich sogar ein schlechtes Gewissen, weil ich mich überhaupt dafür interessiere, wie es weitergeht, während den vier Kindern die schrecklichsten Dinge passieren. Wahrscheinlich ist man als Leser so erschüttert, weil Sibylle Berg gekonnt die neuesten Entwicklungen in der Politik weitergesponnen hat und man oft wirklich nicht weiß, ob es im Jetzt oder in der nahen Zukunft spielt.
Ich finde, das Buch ist nichts für schwache Nerven, aber es lohnt sich es zu lesen. Die Autorin versteht es mit Sprache so zu spielen, dass manche Sätze ein echtes Meisterwerk sind, die man 2 oder 3 mal lesen muss!!!
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.