In einem Bus, dem täglich zwischen Wien und Belgrad verkehrenden "Gastarbeiter-Express", rollt der Erzähler durch die ungarische Einöde. Jener Stadt entgegen, in der er aufgewachsen ist. Die Bomben, der Krieg, Miloševic, den er zuerst lieben, dann hassen gelernt hat, und der Vater, für dessen Ideologie und Opportunismus er nur noch Verachtung empfindet, hatten ihn ins Exil getrieben. Entkommen ist er dem Balkan auch dort nicht. In beeindruckenden Bildern erzählt Marko Dinic zwanzig Jahre nach dem Bombardement von Belgrad von einer traumatisierten Generation, die sich weder zu Hause noch in der Fremde verstanden fühlt, die versucht die eigene Vergangenheit zu begreifen und um eine Zukunft ringt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
begine
aus Lemwerder
5/5
12.09.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein interessanter Zustand.
„Die guten Tage“ ist der erste Roman von dem serbischen Schriftsteller Marko Dinec.
Sein Protagonist fährt nach vielen Jahren von Wien nach Belgrad, weil seine Großmutter gestorben ist. Der Bus wird der Gastarbeiter Express genannt und fährt täglich die Strecke.
Der junge Mann, ein Serbe, ist der Erzähler der Geschichte.
Seine Großmutter hat 4 Söhne und alle sind in dem grausamen Krieg der Balkanländer beteiligt und überzeugt im Recht zu sein.
Der Erzähler ist aus diesem Umfeld geflohen. Er beschimpft seinen Vater und seine Onkel mit direkter Sprache. Er wird als Feigling angesehen. Es ist schon eine eigenartige Familie.
Der Autor bringt uns die Zustände und Vergangenheit in Serbien nahe. Der Schreibstil ist modern und klar. Ein gutes Debüt.
Edith Berger
aus 3istau
5/5
20.02.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
großes, fesselndes Leseerlebnis
"Mach dir um mich keine Sorgen, mein Junge", sagte sie etwas müde, " schau nur, dass du von hier wegkommst! Irgendwo, wo es sich besser lebt, da will ich dich wissen". Schließlich senkt sie langsam ihre alten, ledrigen Hände und zieht vom Daumen ihrer linken Hand einen dünnen goldenen Ring: " Das ist der Ehering deines Großvaters!" Den wolle sie irgendwann wiederhaben.
Hin und hergerissen zwischen - bei den Freunden daheim bleiben oder in ein anderes Land weggehen, fällt die Entscheidung für Wien. Das ungemein schlechte Verhältnis zu seinen Eltern und das stete Drängen seiner Großmutter geben den Ausschlag. Nun ist seine Nana gestorben. Er ist auf dem Weg zurück in sein Geburtsland. Schon im Bus von Wien nach Belgrad holt in die Vergangenheit ein. Immer noch werden völlig ungeniert die verbrecherischen Kriegtreiber beklatscht. Nichts scheint sich seit den Jahren seines Weggangs verändert zu haben.
Miss.mesmerized
4/5
28.09.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Marko Dinić – Die guten Tage
Wien-Belgrad. Die Gastarbeiterstrecke, die täglich mehrfach von auseinanderfallenden Bussen bedient wird. Hier verkehrt auch der Erzähler, der nach zehn Jahren Abwesenheit zurück in seine Heimatstadt muss, da seine Großmutter gestorben ist und mit ihr der Ehering begraben werden soll, den er vor vielen Jahren von ihr erhalten hatte. Die unwirkliche Szenerie im Bus, zwischen grölenden Arbeitern und Grenzkontrollen lenkt nur bedingt von dem ab, was plötzlich an Erinnerungen in ihm hochkommt. Die Schulzeit. Der Krieg. Aber auch die Verachtung der Eltern, ihr kleinbürgerliches Leben und die Verehrung der Verbrecher. Er will nicht zurück und wird doch angezogen von dieser Stadt, die der Legende nach 43 Mal niedergebrannt wurde. Was wird ihn dort erwarten? Und was wird die Stadt mit ihm machen?
Marko Dinić‘ Roman über die Zerrissenheit der traumatisierten jugoslawischen Kinder der 90er ist nominiert auf der Shortlist Debüt 2019 des Österreichischen Buchpreises. Thematisch streift er eine ähnliche Problematik wie Ivna Žic, die mit „Die Nachkommende“ auf der Longlist des Preises steht und ebenfalls über die schwierige Rückkehr in das Heimatland schreibt, das früher mal Jugoslawien hieß, oder auch Saša Stanišić, der in „Herkunft“ nach seinen Wurzeln sucht und dafür auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019 steht. Eine Generation, die den Krieg erlebte, vor ihm flüchtete und jetzt in der Diaspora lebt – zwar in Sicherheit und Frieden, aber immer auch mit den Folgen der Erlebnisse und den Auswirkungen auf ihre Familien und vor allem die Elterngeneration.
Die zufällig zusammengewürfelte Zweckgemeinschaft des Buses folgt ihren ganz eigenen Regeln, die man kennt und akzeptiert. Sie alle müssen sich der günstigsten Art zu reisen unterwerfen und die Mitfahrer hingeben, egal wie sehr sie grölen und nach Alkohol stinken. Das lebende Klischee, in denen man jedoch auch die Menschen seiner eigenen Familie wiedererkennt. So dauert es nicht lange, bis die Gedanken des Erzählers beginnen zu wandern, zu seiner Kindheit, zu seinen Eltern, zu seiner Heimatstadt und der Schulzeit. Der Krieg hat nicht nur die Stadt in Schutt und Asche gelegt, sondern Gräben geschaffen zwischen den Generationen und zwischen jenen, die geflüchtet sind und jenen, die dablieben. Die größte Angst ist jedoch, dass plötzlich Wehmut aufkommt und die so klare Entscheidung, das Land zu verlassen, von den Emotionen in Frage gestellt wird. Während der Flüchtlingsstrom über die Balkanroute gen Norden drängt, fährt der Erzähler die entgegengesetzte Richtung. Aber egal wie rum er fährt, er kommt nicht an, denn für ihn gibt es keinen Ort mehr, der Heimat sein kann.
Der Autor erschafft eine lebendige Szenerie, sowohl die Geschehnisse im Bus wie auch seine Wanderschaft durch Belgrad kann man förmlich riechen und fühlen. Ebenso eindrücklich werden die widersprüchlichen Gefühle deutlich, kritisch gegenüber Nationalismus und Kriegsverbrecherverehrung und zugleich beschämt ob der Flucht. Obwohl in der alten Heimat nie eine Zukunft lag und die Daheimgebliebenen dies – sofern sie überhaupt noch leben – eindrucksvoll unterstreichen, erscheint plötzlich doch ein großes Fragezeichen über dem eigenen Lebensweg. Eine persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Heimatlandes, die diejenige einer ganzen Generation ist, die jetzt die passenden Worte für das Erlebte findet.
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5/5
06.04.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Stark
Ein unglaublich starker, intensiver und gekonnt geschriebener Debütroman. Mit viel Ironie aber auch viel Ernsthaftigkeit, die tief unter die Haut geht. Identitätssuche in einer vom Krieg, Nationalismus und Perspektivlosigkeit gezeichneten Stadt. Absolute Leseempfehlung
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5/5
07.04.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die guten Tage
„Ich kann diese Geschichten, die Marko oder mein Vater jeden Tag aufs Neue beschwören, nicht mehr hören! Ich will sie nicht mehr hören! Ich will weg!“
Ein junger Belgrader sucht seine Zukunft in Wien. Als er zum Begräbnis seiner Großmutter erstmals nach 10 Jahren wieder in seine Heimat reist, wird die Fahrt zu einer Konfrontation mit seiner Familie, dem ungeliebten Vater, all dem Chauvinismus und den Nachwehen des jugoslawischen Bürgerkriegs, der das Land und die Menschen nachhaltig beschädigt hat.
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