Usama Al Shahmani steckt mitten im Asylverfahren, ohne Geld, ohne Arbeit, als in Bagdad sein Bruder Ali spurlos verschwindet. In den sicheren Süden wollte er nicht gehen, wenn er Bagdad verlassen soll, dann möge ihn Usama bitte herausholen aus dem Irak. Aber wie soll dieser die zweitausend Dollar für die Flucht nach Beirut aufbringen? Da kommt auch schon die Nachricht von dessen Verschwinden.
Während Usama mit Ankommen mehr als beschäftigt ist, treffen laufend Nachrichten aus dem Irak ein. Bilder aus dem Leichenschauhaus, von denen doch keines Ali zeigt. Windige Typen aus der Hochsicherheitszone in Bagdad, die bestochen werden wollen für angebliches Wissen. Vorwürfe der Mutter, es wäre nicht passiert, wenn er nicht geflüchtet wäre.
Diese persönliche Geschichte und ein im Exil entdecktes, neues Verhältnis zur Natur formt Usama Al Shahmani zu einem vielschichtigen Roman über den Spagat eines Lebens zwischen alter und neuer Heimat.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Beat (also schnon Ü55)
aus Meilen
3/5
10.12.2025
eBook (ePUB)
Mühe mit Aufbau und Stil - Verdrängung des Schreckens?
Ich empfand das Buch als unruhig, die Übergänge von der aktuellen Situation zu seinen Gedanken über die Vergangenheit mit der Wiedergabe von Gesprächen in direkter Rede erlebte ich als holprig. Auch die verschiedenen Geschichten von anderen Personen haben bei mir kein Gesamtbild ergeben. Das Buch ist erscheint mir phasenweise wie ein Protokoll einzelner Therapiestunden mit den Bäumen, die es ermöglichen, sich aufgehoben zu fühlen, vielleicht gerade weil sie nur die eigene Sprache zurückwerfen. Doch ich finde dieses Bild sehr traurig. Andererseits zeigt es wohl gut auf, was die Herausforderungen sind, wenn man aus einem Land wie dem Irak stammt. Eine oberflächliche positive Haltung, ein Sich-Verbunden-Fühlen mit der Natur ist der einzige Weg um nicht in ein schwarzes Loch zu fallen. Die Vorkommnisse im Irak kommen als einzelne Anekdoten daher, bei denen mir die Tiefe fehlte. Oder ich habe die Tiefe verdrängt, weil diese so schrecklich ist. Ich habe mich allerdings auch gefragt, ob das daher kommen könnte, dass der Autor in einer Fremdsprache schreibt. Es scheint, dass das Schreiben auf Deutsch seiner Integration dient, aber das Werk darunter leidet.
Bewertung
5/5
02.09.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie der Titel so der Roman
Ich bin froh, dieses Buch gelesen zu haben, denn ich lese gerne Romane die nach wahren Begebenheiten erzählt werden und wenn es sprachlich so kunstvoll ist kann ich es nicht mehr weglegen.
"Es war für mich unbegreiflich zu hören, dass die Leute in der Schweiz einfach so zu Fuß gehen… Ich dachte, sie erzähle uns einen Witz.“ oder: „Mein einziges Paar Schuhe waren sogenannte Freizeitschuhe. Ich wusste zu jenem Zeitpunkt nicht, dass in der Schweiz jedes Paar Schuhe einer Kategorie angehört.“ - einfach nur herrlich
Wie Usama Al Shahmani mit Sprache umgeht, ist beeindruckend vor allem wenn man bedenkt, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist. Klingt so etwa die Sprache der Araber? Speziell auch die Unterteilung in Kapitel, die jedes einem Baum und einer Thematik zugeordnet sind. So ist die Liebe zu seinem Land Irak, zu seiner Sprache, zu seiner Familie sehr direkt spürbar, selbst wenn er vom Leid und Schrecken des Krieges erzählt. Auch die Hoffnung ist immer gegenwärtig. Ich staunte wie er die Schweiz beschreibt, den Schmerz ein Fremder zu sein, ohne Bitterkeit, die Wege die er geht um Trost zu finden, den Trost, den er schliesslich im Wald findet, einfach wie er das Positive und Schöne überall zu erkennen vermag. Ich habe grosse Achtung davor.
Ich empfehle dieses Buch jedem, der etwas von dieser Zerrissenheit zwischen zwei Orten erfahren möchte.
Bewertung
aus Locarno
5/5
21.08.2022
Buch (Taschenbuch)
Wunderschönes poetisches Buch
Trotz der traurigen Geschichte schafft es der Autor Usama Al Shamani, einen Raum für Schönheit und liebevolle Zugewandtheit zu schaffen. Ein wundervolles Buch, tolle Sprache, zart, differenziert und tiefgründig.
Bewertung
5/5
27.06.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
In der Fremde sprechen die Bäume arabisch
Eine sehr schöne poetische Sprache . Unglaublich wie gut sich Usama al Shahmani in der deutschen Sprache ausdrücken kann. Er schafft es auch dem Leser seine Kultur näher zu bringen und ein gewisses Verständnis dafür aufzubringen.
Almut Scheller-Mahmoud
aus Hamburg
5/5
19.02.2022
Buch (Taschenbuch)
Der mit den Bäumen spricht…
Der mit den Bäumen spricht Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt (Khalil Gibran) Der Autor stammt aus dem Irak, ist Literaturwissenschaftler, lebt seit 2002 in der Schweiz. Fliehen oder sterben: einen anderen Weg gab es für ihn nicht. Die Schweiz ist Endstation seiner Flucht und nach vielen befremdlichen Jahren auch seine neue Heimat. Doch die Nabelschnur der arabischen Sprache verbindet ihn mit der alten. In diesem Buch lotet er Heimat aus, als Ort, als Heimat der Sprache. Als Gefühl einer inneren und einer äußeren Heimat. Dieser zwar nicht autobiographische, aber mit der eigenen Biographie verflochtene Roman ist in 7 den Bäumen gewidmete Kapitel unterteilt. Baum der Liebe. Baum der Hoffnung. Baum der Ungewissheit. Baum des Todes. Baum der Heimat. Baum des Traums. Baum der Geduld. Denn die Entdeckung des europäischen Waldes bringt ihm neue Erfahrungshorizonte. Es sind Widerspiegelungen seiner Erfahrungswelten: die analphabetische Großmutter, die die erste Quelle an Märchen, Liedern, Witzen, Sprichwörtern, Weisheiten war. Das Studentenleben: die Straße Al Mutanabbi, wo die Menschen ihre Bücher verkauften, sich bei Shakespeare, Tolstoi, Dostojevski bedankten, da man nun Geld für Lebensmittel und Medikamente hatte. Die Jahre der Golfkriege: brennende kuwaitische Ölquellen, verbrannte Dattelpalmen wie in schwarze Hijabs gehüllte Frauen. Die Brutalität aller drei Kriege. Massengräber, eine religiös gespaltene, immer noch „saddamisierte“ Gesellschaft. Das neue Leben in einem neuen Land. Er fühlt sich angekommen. Aber alles wird davon überschattet, dass sein Bruder Ali vermisst wird. Die vergebliche Suche. Das letzte Foto seines Bruders: von einem him-melblauen Schal umschlungen. Erst sehr spät erkennt die Mutter Alis Tod an, so dass ihre Tochter den noch ungeborenen Sohn Ali nennen darf. So schließt sich ein Kreis. Durch die Tante eines irakischen Freundes hört er vom Wandern. Im Irak geht, läuft, spaziert, bummelt, schlendert man, für Wandern gibt es nicht mal ein Wort. Und einen Wald auch nicht. Es gibt menschenhändig gepflanzte Bäume: Dattel-, Oliven- und Obstbäume. Aber „freie" Bäume? Es gibt jedoch die Fichte, den Baum der Rückkehr. Viele Mütter binden die Nabelschnur der neugeborenen Söhne an einen Ast… Die Enge des Asylantenheims bringt den Erzähler zum Wandern. Ein Baum mit gebrochenem Stamm. Stehen bleiben, sich neu verästeln: symbolisch für sein neues Leben? Immer wieder taucht er ab in den Wald: ein Tauchgang, ein Waldbaden. Dort kann er neuen Anfang denken, die Vergangenheit zurücklassen. Er liest, dass Bäume ein Gedächtnis haben, dass sie sich gegenseitig helfen, die Verbundenheit der Wurzeln. Gibt es ein geheimes Leben der Bäume? „Nun ist ein alter Baum ein Stück Leben. Er beruhigt, er erinnert…“ (Tucholsky) Im Wald ist die arabische Sprache seine Begleiterin: er streut Worte über die Äste und Blätter. Was für ein schönes Bild. Ins Laub geschriebene Poesie!! Aber auch Worte des Krieges, der Gewalt, der Lüge. Das Janus-Gesicht einer Sprache. Es ist ein erschütterndes Buch, das die Fremdheit feingliedrig aufzeichnet, aber auch die Stärke und Resilienz eines Mannes, der sich zu seinem neuen Leben bekennt, ohne die Wurzeln der Heimat zu kappen. Es zeigt zudem den Morast und das Dickicht des Krieges, der schmutzigen politischen Machtspiele. Kernpunkt des Romans ist das Leben in Ungewissheit. Das Ungewisse des eigenen Schicksals und das des Bruders. Wie ein Weberschiffchen dringt der Autor in das soziale Gewebe der irakischen und der Schweizerischen Gesellschaft mit dem Schlussfaden der Hoffnung.Und vielleicht verbindet ihn ein imaginierter seidener Faden mit der alten Frau unter dem Maulbeerbaum, die damals vor 20 Jahren Steine für die Zukunft legte. „Du hast einen langen Weg vor Dir, der nicht gefahrlos ist, Dir dann aber Sicherheit bietet. Schau nicht zurück. Dein Traum wird Früchte tragen, aber die Früchte fallen nicht hier.“ Ob der Baum wohl noch steht? Wir
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