Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Bashō in die Hände, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Auf der traditionsreichen Pilgerroute könnte er sich in der Betrachtung der Natur verlieren und seinen inneren Aufruhr hinter sich lassen. Aber noch vor dem Start trifft er auf den Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre unterwegs ist, dem Complete Manual of Suicide .
Die Kieferninseln ist ein Roman von meisterhafter Leichtigkeit: tiefgründig, humorvoll, spannend, zu Herzen gehend. Im Teeland Japan mischen sich Licht und Schatten, das Freudianische Über-Ich und die dunklen Götter des Shintōismus. Und die alte Frage wird neu gestellt: Ist das Leben am Ende ein Traum?
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
Bewertung
5/5
24.03.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Haiku, Todessehnsucht und Naturmystik
Matushima ist eine kleine Küstenstadt im Nordosten der japanischen Hauptinsel, die von zauberhafter Natur umgeben ist. Der Name Matushima bedeutet „Kieferninseln“, derer rund 260 Stück dem Festland vorgelagert sind. Schon im 17. Jahrhundert raunten die japanischen Schwarzkiefern dem Dichter Matsuo Basho Mystisches entgegen. So mag ihn die dortige magische Atmosphäre weiland zum Verfassen seiner berühmten Haikus inspiriert haben. Auch Gilbert Silvester, ein deutscher Privatdozent und Bartforscher, beginnt im Laufe einer Reise nach Japan diese kurzen Dreizeiler zu verfassen. Sie verweben sich skizzenhaft und bedeutungsschwanger mit dem auf seiner Pilgerschaft Erlebten. In Japan findet sich Silvester wieder, als er eines Nachts träumt, seine Frau habe ihn betrogen. Das Geträumte ist für ihn so real, dass er überreagiert und in den fernen Osten flüchtet. Dort angekommen weiß er nicht so recht, was er machen soll und lässt sich treiben. Schon bald lernt er den Studenten Yosa kennen, der vorhat, sich das Leben zu nehmen. Wie praktisch, dass er ein Selbstmordhandbuch mit sich führt, dass neben Anwendertipps auch Vorschläge für die geeignetsten Freitodorte bereithält. Es beginnt eine Reise zu einigen dieser speziellen Ausflugsziele; aber keines will so recht den Ansprüchen Yosas genügen. Also beschließt das ungleiche Paar auf den Spuren Bashos zu wandeln. Vielleicht hält ja eine der Kieferninseln eine besonders schöne Klippe bereit, von der es sich formvollendet und ästhetisch ansprechend hinabstürzen lässt? Silvester verspricht sich hingegen auf der traditionellen Route der Wandermönche Abstand von seiner Ehe zu gewinnen. Je näher das Ziel rückt, desto mehr verschmelzen mehrere Bewusstseinsebenen zu metaphysischen Interludien. Auch färbt die sanfte japanische Melancholie zusehends auf Silvester ab. Ein stiller, poetischer wie auch naturmystischer Roman, der die Todessehnsucht zu einer Stilfrage werden lässt.
Bewertung
5/5
06.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zen-Feeling beim Lesen
Gilbert ist ein etwas kauziger Dozent und übernimmt eine Projektarbeit, die ihn über Bärte und deren individuelle kulturelle Bedeutung forschen lässt. Kurzerhand jedoch steigt er in das nächste Flugzeug Richtung Tokyo, nachdem er einen Traum darüber hatte, dass seine Frau ihm untreu wird. Dieser Traum begleitet ihn und wird zunehmend realer. Kaum in Japan gelandet, fällt ihm ein Buch eines berühmten Wanderdichters Bashō in die Hände, dessen Reiseweg Gilbert nachfühlen will – allerdings nicht zu Fuß, sondern bequem mit dem Hochgeschwindigkeitszug. Er lernt den jungen Japaner Yosa kennen, der seinem Leben ein Ende bereiten will. Für beide sind das Ziel die Kieferninseln. Gilbert mit seinem Buch von Bashō und Yosa mit seiner Ausgabe des „Complete Manual of Suicide“ wirken sofort wie zwei unterschiedliche Seiten einer Münze.
Marion Poschmann kleidet ihren Roman in poetische Worte. Die beiden Figuren stellen an sich nichts besonderes dar, sogar ganz im Gegenteil hat Gilbert mir mehr als einmal ein genervtes Augenrollen entlockt. Dennoch musste ich weiterlesen, die Reise des bemitleidenswerten jungen Yosas und dem ewig meckernden Gilbert macht erst Poschmanns Sprache zu einem philosophischen Lesegenuss zwischen Traum und Realität. Wer ein bisschen Zen-Feeling beim Lesen bekommen möchte, dem kann ich diesen Roman auf jeden Fall ans Herz legen. Für mich ist Marion Poschmanns „Die Kieferninseln“ einer der wenigen japanischen Romane eines nicht-japanischen Autors/Autorin, den ich gerne gelesen habe!
Bewertung
5/5
06.10.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kurzweiliger Dialog zwischen den Kulturen
Der Roman beginnt skuril und so schnell, dass der Protagonist, ein erfolgloser Privatdozent und...Bartforscher!!, sich nach nicht einmal 2 Seiten am anderen Ende der Welt wiederfindet, er als eingefleischter Kaffeetrinker im Teetrinkerland Japan!
Und das bleibt nicht die einzige Herausforderung auf seiner Reise. Diese beschreibt die Autorin mit poetischer Lakonie, aus der wunderbare Sätze entstehen.
Überaus intelligent verwebt sie die Erscheinungen von Natur und Kultur, streift auch das Werk der Zerstörung durch den Menschen, lässt vieles offen oder deutet nur an.
Hindurch zieht sich ein so feinsinniger ironischer Humor, dass dieser auch der tragischen Seite der Geschichte (er trifft auf einen jungen Mann ,der sich zu Tode stürzen will)
gerecht wird. Diese Buch ist eine Wohltat an sprachlicher Eleganz und Meisterhaftigkeit. Hier stimmt alles : Aufmachung, Umfang, Inhalt.
Ein ganz großartiger Roman, so schön geschrieben, dass ich mitunter die Handlung vergaß...
Mikka Liest
aus Hilter am Teutoburger Wald
5/5
16.09.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Geh zu den Kiefern
Gilbert Silvester geht jegliche Fähigkeit zur Selbstreflexion vollständig ab.
Seine Wahrnehmung ist seine Wirklichkeit ist die absolute, unumstößliche Wahrheit: er träumt, seine Frau habe ihn betrogen, also hat sie ihn betrogen, also lügt sie, wenn sie es abstreitet. Traum und Wirklichkeit sind fließende Konstrukte, deren Grenzen von Gilbert in keinster Weise hinterfragt werden.
Und so fliegt er nach Japan obwohl er Ländern, in denen mehr Tee als Kaffee getrunken wird, grundlegend misstraut! , beschließt, auf den Spuren des verehrten Dichters Matsuo Bashō zu wandeln, rettet den Studenten Yosa Tamagotchi vor dem Suizid und nimmt ihn kurzerhand mit auf seine merkwürdige Pilgerreise.
Kulturschock? Ja und nein.
Unbeirrt belehrt Gilbert seinen jungen Begleiter über die Kultur seines eigenen Landes, was der sich fast schon unterwürfig gefallen lässt, erweist sich jedoch selber als nahezu unbelehrbar. Fest entschlossen, auf seiner Pilgerreise Erleuchtung zu erleben, lässt er diese über weite Strecken des Buches dennoch nicht zu. Er will beeindruckt werden, ist aber unempfänglich: sowohl für die Schönheit imaginärer Kirschblüten (da die Jahreszeit die falsche ist für echte Blüten) als auch für das albtraumhafte Szenario des Selbstmordwaldes von Aokigahara, wo Yosa den idealen Ort für seinen Freitod sucht.
Erst im Kabuki-Theater ist Gilbert gegen seinen Willen dann doch fasziniert, obwohl oder gerade weil ihm das Konzept vollkommen fremd ist.
Die Autorin spielt mit dem klassischen Doppelgängermotiv: Gilbert spiegelt sich wider in Yosa, projiziert seine eigenen Schwächen, Ängste und Sehnsüchte auf den jungen Mann und würdigt ihn für genau diese herab. So sagt er, ohne sich der Ironie bewusst zu sein, er setze "keinerlei Vertrauen mehr in Yosas Vorschläge, die bisher samt und sonders davon zeugen, wie ein undisziplinierter Geist sich von verworrenen Gefühlen übermannen und sich zu irrationalen und sinnlosen Handlungen treiben lässt".
So deutlich ist Yosa ein Spiegelbild von Gilbert, dass man sich als Leser fragen muss: gibt es diesen Studenten mit dem unwahrscheinlichen Nachnamen 'Tamagotchi' überhaupt? Befindet sich Gilbert wirklich auf einer Reise nach Matsushima oder ist das alles nur ein Traum? Die Autorin verzichtet auf einfache Erklärungen, so dass jeder Leser seine eigene Wahrheit finden muss.
"Die Kieferninseln" ist eine sprachlich wunderschöne, inhaltlich außergewöhnliche Gratwanderung zwischen Schein und Sein. Dabei ist das Buch nicht nur durch seine lyrische Wortmalerei ansprechend, sondern auch durch sein feines Psychogramm eines unverbesserlichen Pedanten, mit dem man dennoch mitfühlen muss, da er, ob ihm das nun bewusst ist oder nicht, auf der Suche ist nach mehr als seiner beengten Existenz.
Es ist kein Buch zum Verstand abschalten und berieseln lassen, dafür aber eines, das zeigt, dass anspruchsvolle Literatur nicht trocken und langweilig sein muss: die Geschichte ist unterhaltsam, sie ist spannend, sie ist manchmal von einer Art tragisch angehauchter Komik. Gilbert und Yosa sind eine sonderbare Reisegemeinschaft, innerhalb derer vieles ungesagt bleibt aber es ist ein beredtes Schweigen, in das der Leser viel hinein interpretieren kann, so wie das japanische Haiku erst vollendet wird durch die Interpretation des Lesers.
Matsuo Bashōs Leben spielt nur im Hintergrund eine Rolle, aber seine Lyrik schwingt mit in den Beschreibungen der Landschaften, den von Marion Poschmann gewählten Bildern und nicht zuletzt den von Gilbert und Yosa verfassten Haiku, so laienhaft diese auch sein mögen.
Fazit:
Ein Traum veranlasst den Bartforscher Gilbert Silvester dazu, seine Frau zu verlassen und ins erstbeste Flugzeug zu steigen. Dieses fliegt nach Japan, wo Gilbert den Dichter Matsuo Bashō für sich entdeckt, den Studenten Yosa Tamagotchi (!!) vor dem Selbstmord bewahrt und eine Pilgerreise zu den Kieferninseln antritt.
Die Geschichte hat etwas Schwebendes, Schwereloses: Man weiß nie genau, wo die Grenzen zwischen Schein und Sein verlaufen was erlebt Gilbert wirklich, was ist vielleicht nur ein Traum? Man kann vieles zwischen den Zeilen entdecken, hinterfragen, interpretieren, oder auch einfach die Schönheit der Sprache auf sich wirken lassen.
Für mich ist dieses Buch ganz klar ein verdienter Anwärter auf den Deutschen Buchpreis!
Mikka Liest
aus Zwischen den Seiten
5/5
16.09.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gilbert Silvester geht…
Gilbert Silvester geht jegliche Fähigkeit zur Selbstreflexion vollständig ab. Seine Wahrnehmung ist seine Wirklichkeit ist die absolute, unumstößliche Wahrheit: er träumt, seine Frau habe ihn betrogen, also hat sie ihn betrogen, also lügt sie, wenn sie es abstreitet. Traum und Wirklichkeit sind fließende Konstrukte, deren Grenzen von Gilbert in keinster Weise hinterfragt werden. Und so fliegt er nach Japan – obwohl er Ländern, in denen mehr Tee als Kaffee getrunken wird, grundlegend misstraut! –, beschließt, auf den Spuren des verehrten Dichters Matsuo Bashō zu wandeln, rettet den Studenten Yosa Tamagotchi vor dem Suizid und nimmt ihn kurzerhand mit auf seine merkwürdige Pilgerreise. Kulturschock? Ja und nein. Unbeirrt belehrt Gilbert seinen jungen Begleiter über die Kultur seines eigenen Landes, was der sich fast schon unterwürfig gefallen lässt, erweist sich jedoch selber als nahezu unbelehrbar. Fest entschlossen, auf seiner Pilgerreise Erleuchtung zu erleben, lässt er diese über weite Strecken des Buches dennoch nicht zu. Er will beeindruckt werden, ist aber unempfänglich: sowohl für die Schönheit imaginärer Kirschblüten (da die Jahreszeit die falsche ist für echte Blüten) als auch für das albtraumhafte Szenario des Selbstmordwaldes von Aokigahara, wo Yosa den idealen Ort für seinen Freitod sucht. Erst im Kabuki-Theater ist Gilbert gegen seinen Willen dann doch fasziniert, obwohl oder gerade weil ihm das Konzept vollkommen fremd ist. Die Autorin spielt mit dem klassischen Doppelgängermotiv: Gilbert spiegelt sich wider in Yosa, projiziert seine eigenen Schwächen, Ängste und Sehnsüchte auf den jungen Mann und würdigt ihn für genau diese herab. So sagt er, ohne sich der Ironie bewusst zu sein, er setze "keinerlei Vertrauen mehr in Yosas Vorschläge, die bisher samt und sonders davon zeugen, wie ein undisziplinierter Geist sich von verworrenen Gefühlen übermannen und sich zu irrationalen und sinnlosen Handlungen treiben lässt". So deutlich ist Yosa ein Spiegelbild von Gilbert, dass man sich als Leser fragen muss: gibt es diesen Studenten mit dem unwahrscheinlichen Nachnamen 'Tamagotchi' überhaupt? Befindet sich Gilbert wirklich auf einer Reise nach Matsushima oder ist das alles nur ein Traum? Die Autorin verzichtet auf einfache Erklärungen, so dass jeder Leser seine eigene Wahrheit finden muss. "Die Kieferninseln" ist eine sprachlich wunderschöne, inhaltlich außergewöhnliche Gratwanderung zwischen Schein und Sein. Dabei ist das Buch nicht nur durch seine lyrische Wortmalerei ansprechend, sondern auch durch sein feines Psychogramm eines unverbesserlichen Pedanten, mit dem man dennoch mitfühlen muss, da er, ob ihm das nun bewusst ist oder nicht, auf der Suche ist nach mehr als seiner beengten Existenz. Es ist kein Buch zum Verstand abschalten und berieseln lassen, dafür aber eines, das zeigt, dass anspruchsvolle Literatur nicht trocken und langweilig sein muss: die Geschichte ist unterhaltsam, sie ist spannend, sie ist manchmal von einer Art tragisch angehauchter Komik. Gilbert und Yosa sind eine sonderbare Reisegemeinschaft, innerhalb derer vieles ungesagt bleibt – aber es ist ein beredtes Schweigen, in das der Leser viel hinein interpretieren kann, so wie das japanische Haiku erst vollendet wird durch die Interpretation des Lesers. Matsuo Bashōs Leben spielt nur im Hintergrund eine Rolle, aber seine Lyrik schwingt mit in den Beschreibungen der Landschaften, den von Marion Poschmann gewählten Bildern und nicht zuletzt den von Gilbert und Yosa verfassten Haiku, so laienhaft diese auch sein mögen. Fazit: Die Geschichte hat etwas Schwebendes, Schwereloses: Man weiß nie genau, wo die Grenzen zwischen Schein und Sein verlaufen – was erlebt Gilbert wirklich, was ist vielleicht nur ein Traum? Man kann vieles zwischen den Zeilen entdecken, hinterfragen, interpretieren, oder auch einfach die Schönheit der Sprache auf sich wirken lassen.
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