Ein junger Mann flieht aus seinem wohlhabenden Elternhaus. Verzweifelt und lebensmüde sucht er eine Möglichkeit, aus der Welt zu verschwinden - und findet sie, indem er sich zur Arbeit in einem Bergwerk verpflichtet. Das harte Leben unter Tage erweist sich als Wendepunkt in seinem Leben. Noch vor James Joyce, Marcel Proust und William Faulkner beschreibt Natsume Soseki minutiös die Wahrnehmungen und Gedanken seines jugendlichen Antihelden. Was ist Identität? Worin besteht der eigene Charakter? Wer oder was trifft meine Entscheidungen?
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
4 Bewertungen
5 Sterne
4 Sterne
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(0)
1 Sterne
(0)
Der Bergmann
Bewertung am 11.05.2018
Bewertungsnummer: 486792
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
"Denn wenn ich jetzt bemerke, wie wankelmütig und unberechenbar meine chaotische Seele war, wenn ich mich dabei ohne jegliches Wohlwollen wie einen Fremden analysiere und unverblümt beurteile, dann komme ich zu dem Schluss, dass es nichts Unzuverlässigeres als eben den Menschen gibt."
Natsume Soseki ist in Japan kein Unbekannter. Sein Roman "Kokoro" zählt zu den meistgelesenen Büchern des ostasiatischen Staates und er ist vielleicht der bedeutendste moderne japanische Schriftsteller aller Zeiten.
Umso verwunderlicher ist es, dass Soseki in Europa zu der eher unbekannten Riege der Autoren zählt, immer im Schatten des großen Haruki Murakamis.
Eben jener Haruki Murakami, der zu der Neuausgabe des Dumontverlags das Vorwort lieferte und den Bergmann als eines seiner Lieblingsbücher bezeichnet - eine Tatsache, die nicht überrascht, ist "Der Bergmann" doch ein literarisches Meisterwerk, das viel zu wenig Beachtung erhält.
Die Handlung, falls man an dieser Stelle überhaupt von einer wirklichen Handlung sprechen kann, ist es doch an erster Stelle eine philosophische Reise ins eigene Ich, ist relativ einfach gestrickt. Eigentlich fest zum Selbstmord entschlossen, beschließt ein junger Mann aus gutem Haus Bergmann zu werden. Er heuert an, lernt den harten Alltag der Arbeiterschaft kennen und wird mitten hineingeworfen in das Leben der armen Unterschicht. Die Konfrontation mit den Schattenseiten des Lebens ebnet ihm den Weg zur Selbstreflexion, zur Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern und Schwächen, zur Spiegelung der getroffenen Entscheidungen und der einen Frage, die sein ganzes Leben zu bestimmen scheint: "War meine damalige Entscheidung die Richtige? Und wenn nicht - habe ich die Kraft, mir selbst und anderen dies einzugestehen?
"Es gibt wohl nichts Unbeständigeres als menschliche Meinungen. Du denkst, da hast du eine, worauf du dich verlassen kannst, schon ist sie weg. Glaubst, es geht auch ohne, ist sie wieder da."
"Der Bergmann" ist viel mehr als nur eine Reise an den Rand der Gesellschaft - er ist eine Reise tief hinein in die Abgründe der Menschlichkeit, eine Entwicklungsgeschichte und eine Abhandlung über die Vorbestimmtheit des Leben.
Geschickt verknüpft Soseki Gesellschaftskritik mit Coming-of-Age-Story, psychologische Abhandlung mit Satire und historische Darstellung mit Fiktion.
Seine Sprache ist poetisch, bildhaft und unglaublich dicht, so dass sich die knapp 200 Seiten des Romans wie gut 500 Seiten lesen. Grund hierfür ist unter anderen die literarische Technik des Bewusstseinsstrom, die Soseki bereits vor James Joyce und Marcel Proust perfektioniert. Dabei vermischt er die Gedanken und Wahrnehmung des Protagonisten mit der äußeren Handlung des Romans - eine Technik, die uns noch dichter an das Geschehen heranbringt, aber dafür eine ungeheure Konzentration auf Seiten des Lesers erfordert.
Lässt man sich aber auf Sosekis Erzählweise ein und gibt sich ganz dem inneren Kampf des Protagonisten hin, wird man belohnt mit einem tiefsinnigen, ganz ungewöhnlichen Roman, der das Leben in all seinen Facetten beleuchtet und immer wieder neue Blickwinkel eröffnet.
"Du musst, koste es, was es wolle, bis oben hinauf. Die Lampe brennt. Die Leiter geht weiter. Nach der Leiter geht der Stollen weiter. Am Ende des Stollens leuchtet die Sonne, erstrecken sich weite Flure und hohe Berge. Was auch kommt, du musst da hinauf!
Lebend kletterte ich weiter. Leben hieß klettern, klettern hieß leben. Und dennoch - die Leiter ging immer weiter."
Eine kurzweilige Reise
Bewertung aus Brandenburg am 08.08.2017
Bewertungsnummer: 1039125
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
---Gelesen wurde die englische Übersetzung des Werks---
Das Buch handelt von der Flucht des Protagonisten vor seinen familiären und gesellschaftlichen Pflichten und Problemen. Gesprochen wird darüber jedoch kaum, sondern stattdessen umfasst das Buch nur wenige Tage, in welchen die junge Hauptfigur als Bergmann angeworben wird, sich auf den Weg zur Mine macht und in den dunklen Untergrund herabsteigt, bevor die Geschichte schon wieder so unvermittelt endet, wie sie begonnen hatte.
Es ist keine typische Geschichte mit echtem Handlungsbogen, sondern spielt sich vor allem im Kopf des Protagonisten ab, welcher seine Eindrücke schildert und erläutert. So mancher wird sich am Ende fragen, was überhaupt der Sinn dieses Buches gewesen sein soll, aber mir persönlich gefällt dieses experimentierfreudige Werk fast schon besser als die populäreren Werke des Autors, wie bspw. Kokoro oder And Then.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.