Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers
Erstdruck: Stockholm 1942
Vollständige Neuausgabe.
Herausgegeben von Karl-Maria Guth.
Berlin 2015.
Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage unter Verwendung des Bildes: Unbekannter Fotograf, Stefan Zweig, um 1912.
Gesetzt aus Minion Pro, 11 pt.
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Autobiographie, die Casanova…
Juti aus HD am 02.04.2024
Bewertungsnummer: 2851184
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Autobiographie, die Casanova mit biblischer Exegese verbindet In drei Abschnitte kann man Zweigs Leben einteilen: Die Zeit vor dem 1.Weltkrieg, also vor 1914 eine „Welt in Sicherheit“, in der Zweig in Wien im Habsburger-Reich unter dem alten Kaiser Franz Josef aufwächst. Da seine Eltern Industrielle waren und sein Bruder das Unternehmen übernimmt, braucht er sich um finanzielle Dinge nicht zu kümmern, sondern kann sich schon als Schüler der Literatur widmen, ja er verfasst bereits erste Gedichte, da er den Schulstoff für dilettantisch, also wirklichkeitsfremd hält. Das Liebesleben ist vor dem Krieg auch ein anderes. Nach der Schule kommt das Studium, das er als lockeres Philosophiestudium schildert, in dem er erste Reisen unternimmt und dank Veröffentlichung in der „Neuen Freien Presse“ schon berühmt wird, so dass die Professoren bei der Abschlussprüfung ihm schon gnädig gestimmt sind. In diesem Buch werden ausführlich die anderen Personen geschildert, denen Zweig in seinem Leben begegnet ist, also hier Hugo von Hofmannsthal, der als Dichter sein Vorbild war und Theodor Herz, der als Zeitungsredakteur sich für Zweig stark machte, der auch Zionist war und sich Zweig mit in der Bewegung gewünscht hätte, was er aber ablehnte. Persönliches von Zweig, seine Ehefrauen kommen fast gar nicht vor, nur der Tod der Mutter wird gegen Ende knapp thematisiert. Das Besondere an diesem Buch ist der zweite Teil, der den Text von Stefan Zweig ausführlich kommentiert. Da hat sich jemand wirklich die Mühe zu überprüfen, ob das, was er so schreibt, auch tatsächlich stimmt. Manches lässt sich nicht mehr klären, aber gerade dort, etwa beim Abriss des Sterbehaus von Beethoven, wo Zweig klar schreibt, dass er dabei gewesen ist, stellt sich heraus, dass er in Paris war und kein Augenzeuge sein kann. Bei der Bibel ist das Aufgabe der Exegese. Der zweite Abschnitt in Zweigs Leben beginnt mit 1914 und endet mit Beginn der Nazi-Zeit. Allerdings muss erwähnt werden, dass vor 1914 Zweig ständig in Europa unterwegs war und das erinnert mich an Casanova. Mit Rathenau kommt auch die Politik nicht zu kurz, im Gegenteil ich fand es beeindruckend wie plastisch er die Auswirkungen der Inflation erst in Österreich und dann in Deutschland schildert. Weil Geld keine Rolle mehr spielt, Vergnügen sich die Menschen mehr. Neu für mich war auch, dass die Österreicher den ermordeten Thronfolger in Sarajevo gar nicht geliebt haben und irgendwie schon dachten, dass auch diese Krise ohne Krieg abgewendet werde. Ich greife vor, das macht der Autor aber auch. Zweig arbeitet anfangs vorwiegend als Übersetzer und freundet sich mit dem Belgier Emile Verhaeren und Romain Rolland an. Die Autobiographie soll den Eindruck erwecken, dass die drei eine pazifistische Bewegung gegründet hätten, aber außer Rolland liessen sich, wie der Kommentar sagt, die anderen beiden von der Kriegsbegeisterung 1914 anstecken. Erst nach einem drastisch geschilderten Frontbesuch in Galizien wird Zweig zum Kriegsgegner. Im zweiten Abschnitt seines Lebens wird Zweig der am häufigsten übersetzte Autor, was nach Zweig daran liegt, dass er seine Bücher immer aufs Wesentliche kürzt. Wie bei jedem guten Buch, kann ich noch kurz zur Nazi-Zeit sagen, dass Zweig schreibt, dass die Bücherverbrennungen 1934 ein Versuch von Studenten mit Unterstützung der Nazis waren, wie weit sie gehen konnten. Erst 1936 wurden seine Bücher in Deutschland verboten. Zweig kritisiert Europa (England, Frankreich, Italien), dass sie den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland nicht verhindert haben und das Münchener Abkommen, das Hitler dann aber auch bricht und das Buch endet mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Zweigs Sprache verdient die Bestnote, ebenso aber auch der Kommentar, wenn auch zweimal das erklärte Wort im Kommentar früher als im Text erschien. Fußnoten hätten das Lesen etwas erleichtert. 5 Sterne
Ein bewegendes Selbstportrait
Bewertung aus Wien am 31.05.2021
Bewertungsnummer: 1058850
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mich hat das Buch - diese quasi Autobiographie - von Anfang an gefesselt und auch etwas erschreckt, wie viele Parallelen zur heutigen Entwicklung / Tendenz gezogen werden können.
Prädikat empfehlenswert!
Meinung aus der Buchhandlung
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„Wie liliputanisch waren alle diese Sorgen, wie windstill jene Zeit!“
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Stefan Zweig (1881 - 1942), literarisches Schwergewicht aus großbürgerlich-jüdischer Familie, steht für Freiheit, Kultur und Vernunft. Er schildert seine Welt von Gestern, die letzten Jahre der Monarchie, die von den Zeitgenossen nicht erwartete Katastrophe des Ersten Weltkriegs, das Elend und die Not der Nachkriegsjahre sowie den Irrsinn der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs.
Starkes Buch, sehr aktuell, mit besonderem Interesse gelesen.
„Wie liliputanisch waren alle diese Sorgen, wie windstill jene Zeit [in der Monarchie]!“
„Da ich versuche, hier so ehrlich als möglich zu bleiben, muss ich bekennen, dass wir alle 1933 und noch 1934 in Deutschland und Österreich jedes Mal nicht ein Hundertstel, nicht ein Tausendstel dessen für möglich gehalten haben, was dann immer wenige Wochen später hereinbrechen sollte.“
Zweig berichtet aus einem Wien längst vergangener Tage, als die Straßen um die Hofburg noch von Fiakern anstelle von Autos dominiert wurden und das Land noch vom längst dienenden Kaiser seines Geschlechts, Kaiser Franz Josef, beherrscht wurde.
Hier unternahm Stefan Zweig, als Gymnasiast, seine ersten schriftstellerischen Versuche und eine unstillbare jugendliche Leidenschaft nach Dichtung und Literatur erfasste ihn, die ihn sein ganzes späteres Leben begleitete.
Mit dieser Epoche der österreichischen Geschichte, vor dem ersten Weltkrieg, mit ihrer Sicherheit und Stabilität aber auch ihrer klassizistischen Gesellschaft und einem strengstens durchgesetzten Moralkodex, schildert Zweig sowohl seine eigene Jugend als auch stellvertretend für eine ganze Generation junger, bürgerlicher Europäer. Ohne dabei den Fehler einer Romantisierung der Vergangenheit zu begehen, setzt er sich kritisch mit jener Zeit der scheinbar unerschütterlichen Ordnung des Kaiserreiches auseinander und berichtet über den schwelenden Völkerhass welcher schließlich mit jenem verhängnisvollen Attentat in Sarajevo den zündenden Funken produzierte der ganz Europa in Flammen setzte. Er, der immer Frieden und Verständigung promovierte, fand eine Beschäftigung im Kriegsarchiv, um etwas zu leisten, „-Ohne hetzerisch tätig zu sein.“.
„-Gewiss keine ruhmreiche Tätigkeit, wie ich willig eingestehe, aber doch eine, die mir persönlich passender erschien, als einem russischen Bauer ein Bajonett in die Gedärme zu stoßen.“
Diesen Krieg sollte er nie vergessen und er warf einen dunklen Schatten auf sein Leben der ihn nie wieder verließ.
Die Welt von gestern ist historischer Bericht und sprachlich raffinierte Autobiographie eines großartigen Schriftstellers. Sachlich und doch leidenschaftlich erzählt er Episoden seiner Vergangenheit und gibt Einblick in sein Leben und Schaffen. Jeder der sich für Stefan Zweig interessiert sollte dieses Buch unbedingt gelesen haben.
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