Die schönste und meistgelesene Novelle Franz Werfels
Wien 1936: Leonidas blickt mit Stolz auf sein bisheriges Leben zurück. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, ist er durch die Heirat mit einer Millionenerbin in höchste gesellschaftliche Kreise aufgestiegen und ist Sektionschef im Kultusministerium. Das Leben könnte kaum schöner sein – bis ihn eines Morgens ein Brief erreicht, geschrieben in einer blassblauen Handschrift.
Er stammt von seiner Jugendliebe Vera Wormser, Tochter einer jüdischen Familie, mit der ihn einst eine heftige kurze Affäre verband. Jetzt, achtzehn Jahre später, wendet sich Vera mit einer dringenden Bitte an ihn, die Leonidas den Boden unter den Füßen wegzieht und sein wohlgeordnetes Leben ins Wanken geraten lässt ...
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Ein Opportunist am Scheideweg…
Bories vom Berg aus München am 17.11.2016
Bewertungsnummer: 2708526
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ein Opportunist am Scheideweg Der österreichische Schriftsteller mit jüdischen Wurzeln Franz Werfel sah sich vor allem als Lyriker, seinen Bestsellerstatus in den USA der 1920/30er Jahren verdankt er allerdings seiner Frau, von der er sagte: « Wenn ich die Alma nicht getroffen hätte – ich hätte noch hundert Gedichte geschrieben und wäre selig verkommen». Der in allen literarischen Genres vertretene und mit Ehrungen und Auszeichnungen für sein umfangreiches Œuvre geradezu überhäufte Autor schuf mit der Novelle «Eine blassblaue Frauenschrift» die beklemmende Studie eines opportunistischen Spießers im Wien des Jahres 1936. Der Anschluss an das Deutsche Reich warf damals seine Schatten schon voraus, ein unterschwellig wirksamer Antisemitismus war allgegenwärtig. Protagonist der Geschichte ist der aus einfachen Verhältnissen stammende Leonidas, der es nach seiner Heirat mit der schönen Millionenerbin Amelie bis zum Sektionschef im Unterrichts-Ministerium gebracht hat, eine glänzende Karriere also. Der gutaussehende 50-Jährige findet morgens in seiner Post einen mit blassblauer Tinte geschriebenen Brief von Vera, einer jüdischen Studentin, mit der er 18 Jahre zuvor in Heidelberg eine kurze, heftige Affäre hatte. Er hatte sie damals schmählich sitzen lassen und seither keinen Kontakt mehr zu ihr. In Veras sehr formal gehaltenem Brief bittet sie ihn um Protektion für einen begabten, 17jährigen Schüler, der «aus bekannten Gründen» in Deutschland nicht mehr das Gymnasium besuchen könne. Dieser Brief bereitet ihm höchste Pein, ein unehelicher Sohn gefährdet sein luxuriöses Leben, Amelie würde ihm den Seitensprung auch nach so langer Zeit niemals verzeihen, mit fatalen Folgen. Sich in wilden Spekulationen ergehend malt er sich seinen gesellschaftlichen, finanziellen und beruflichen Absturz ins Bedeutungslose aus. Verzweifelt entwickelt, und verwirft er gleich wieder, alle möglichen Erklärungsversuche für seine Frau. In seiner Verwirrung spricht er sich in der morgendlichen Sitzung mit dem Minister bei der Vergabe eines hohen Postens zum Entsetzen aller Teilnehmer auch noch für einen jüdischen Mediziner aus. Völlig durch den Wind, kündigt er sich wild entschlossen im Hotel für ein klärendes Gespräch mit Vera an, das Schlimmste fürchtend. Mehr möchte ich hier nicht ausplaudern, die Spannung hält nämlich bis zum ebenso überraschenden wie überzeugenden Schluss an. Der raffiniert konstruierte Plot fasst die Geschehnisse eines einzigen Tages vom Frühstück bis zum Abend in der Oper zusammen. Dort resümiert Leonidas inmitten all des oberflächlichen und eitlen Gehabes der komplett versammelten Oberschicht sein Versagen an diesem Tage. Denn er hätte heute die Gelegenheit gehabt, aus seinem saturierten, langweiligen Luxusleben auszubrechen, endlich Verantwortung zu übernehmen, seine fürchterliche Lebensschuld abzutragen. Ihm wird klar, «dass heute ein Angebot zur Rettung an ihn ergangen ist», an dem er gescheitert ist. Resignierend lautet der Schlusssatz denn auch: «Er weiß, dass ein neues Angebot nicht wieder erfolgen wird». Exemplarisch wird in dieser Geschichte in das Innerste des Protagonisten geblickt, wird dessen zweifelhafter Charakter schonungslos seziert. Skeptisch verdeutlicht Werfel in kurzen Szenen und Rückblenden das Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen ehrenhaftem und skrupellosem Verhalten, wobei auch Schicksal und Zufall Schlüsselrollen einnehmen und politische Zeitläufte den negativen Hintergrund abgeben. Durch subtile Menschenkenntnis gewährt diese Charakterstudie einen tiefen Einblick in das brüchige Lebensgefüge eines in den Konventionen gefangenen, selbstsüchtigen Karrieristen. Die Thematik ist zeitlos, die Handlung jederzeit nachvollziehbar, alle Figuren sind meisterhaft beschrieben. Auch wenn sie heute arg konventionell erscheint, manchmal sogar etwas altväterlich daherkommt, vermag die Erzählkunst Franz Werfels doch immer wieder zu begeistern, auch heute noch.
Die Novelle zeigt die…
drcrimmann aus Prien am Chiemsee am 07.01.2025
Bewertungsnummer: 2909404
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Novelle zeigt die Doppelbödigkeit des bürgerlichen Lebens. Faszinierend ist der breite innere Monolog des Sektionschefs, der den Zwiespalt zwischen äußerer Rede und wirklichem Bewusstsein zum Ausdruck bringt. Was will der Sektionschef sagen und was sagt er faktisch? Die geäußerten Worte sind alle verlogen oder treffen die Wahrheit nicht. In der Analyse der Sprechunfähigkeit des Sektionschefs trifft sich Werfel mit Franz Kafka - beide sind ganz große, pschoanalytische Erzähler.
Ein Tag im Leben des Opportunisten Leonidas, Sektionschef in Wien. Ein Brief kommt an, der alles verändern könnte, ein Angebot zur Rettung. Vergeblich. "Er weiß, dass ein neues Angebot nicht wieder erfolgen wird."
Überwältigend ist die Sprache: klar und glitzernd wie ein Diamant.
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