Thomas Mann mit Familie, Franz Werfel, Annemarie Schwarzenbach, Alma Mahler – berühmte Autoren fanden vor dem Krieg in Zürich zusammen, mittendrin das heute vergessene Ehepaar Ferdinand und Marianne Rieser. Ihrem Engagement war es zu verdanken, dass das von ihnen gekaufte und privat betriebene Theater am Pfauen zu einer Heimat im Exil für viele durch den Nationalsozialismus gefährdete Schauspieler aus Deutschland wurde. Sie spielten riskante, nazikritische Stücke. In ihrer romanhaften Art erzählt Eveline Hasler von der angstvoll kreativen Anspannung damals, Schauplätze sind auch Wien, Prag und München. Ein starkes Porträt von Menschen, die mit angehaltenem Atem das Ungeheure erwarten.
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Johanna
aus München
5/5
16.01.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Zeitbild der dreißiger Jahre in der Schweiz
„Wie erfasst man, auch nur annähernd, diese verunsichernden, stürmischen Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg?“, fragt sich Eveline Hasler. Sie macht die „Themen der Zeit dingfest an drei Familiennamen: die Manns, die Riesers, die Schwarzenbachs“ (Nachbemerkung E. H.).
Zwischen den Familien gibt es viele Querverbindungen. Hasler hat viele Zeitzeugnisse und insbesondere eine Dissertation über Rieser und das Zürcher Schauspielhaus als Grundlage benutzt, um einen Roman über diese Zeit in der Schweiz zu schreiben. Sie setzt wörtliche Zitate in den Text, wo es ihr nötig erscheint, erfindet rund um die agierenden historischen Personen Dialoge und Szenen, die ein lebendiges Panorama der entsetzlichen Jahre bieten.
Im Mittelpunkt steht das Schauspielhaus Zürich, der Direktor Ferdinand Rieser, seine Frau Marianne, Malerin, Schauspielerin, Theaterautorin und Schwester Franz Werfels. Ihre Persönlichkeit hat es Hasler besonders angetan. Drum herum Thomas, Erika und Klaus Mann, die reiche, nazifreundliche Familie Schwarzenbach und deren Tochter Annemarie, eine unglückliche Weltreisende, Schriftstellerin und Freundin der Mann-Kinder.
Ferdinand Rieser ist eigentlich Weinhändler, kauft nach der Hochzeit mit Marianne das Theater am Pfauen und spielt dort unter dem Einfluss seiner Frau zunehmend moderne und zeitkritische Stücke. Als 1933 viele Schauspieler aus Deutschland fliehen müssen, engagiert er die Verfolgten. Den Schauspieler Wolfgang Langhoff holt er 1934 nach dessen Entlassung aus dem KZ im Kofferraum seines Wagens in die Schweiz, bezahlt ihm Ärzte und ein neues Gebiss, da die Nazis Langhoff die Zähne ausgeschlagen hatten. Thomas Mann geht gern ins Schauspielhaus, auch wenn er nicht mit allen Stücken einverstanden ist und sich ärgert, dass er seine Eintrittskarten ab 1936 bezahlen muss („das ärgerliche Verhalten des Schauspielhauses in Dingen der Kartenbewilligung“). Gewaltsame Proteste gegen Rieser und sein Theater formieren sich unter den sogenannten Frontisten, die auch Erika Manns „Pfeffermühle“ im Visier haben. James Schwarzenbach ist einer der Aufrührer der Krawalle rund um das Kabarett und das Theater.
Hasler erzählt aber nicht nur vom bedrohten Theater, sondern auch von Freunden und Verwandten der Familie Rieser. Von den Eltern Werfel, die vor den Nazis aus Prag zu ihrer Tochter in die Schweiz fliehen und nach einem Selbstmordversuch des alten Werfel von den Riesers ausgerechnet ins vermeintlich sichere Vichy gebracht werden. Von Franz Werfel und seiner blindwütig antisemitischen Frau Alma Mahler-Werfel, die selbst noch als Naziverfolgte und vor ihrer angeheirateten jüdischen Verwandtschaft im Schweizer Exil antisemitische Tiraden loslässt. Von Annemarie Schwarzenbach, die ihre Unruhe auch nicht durch viele Weltreisen besänftigen kann und sich wie ihr Freund Klaus Mann durch Drogen zugrunde richtet. Vom Theaterdirektor Rieser, der sich in der Schweiz zunehmend unwohl fühlt, sein Theater 1938 aufgibt, mit der Familie nach Amerika auswandert und kurz nach der Rückkehr 1947 stirbt.
Ein Zeitbild der dreißiger Jahre in der Schweiz. Sehr empfehlenswert für Freunde der Kulturgeschichte!
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