In der klaren Dunkelheit war die Landschaft vollständig offen, die Bergkämme lagen in Mondschein getaucht, und in der Ferne strahlten die winzigen Lichter der Küste. Auch Perinaldo, auf einem der Hügel vor der Küste thronend, leuchtete mit seinen Häusern. Sibylle schenkte sich den Rest des Tees in die Tasse, und die Stimme einer Eule wurde laut. Sie nahm einen Schluck, sah zur Ruine hinauf und fühlte sich daran erinnert, wie sie einmal in der Nacht aus ihrem Bett gestiegen und in den Garten gelaufen war, um Mutter anzuflehen, endlich nach Hause zu kommen. Nach Mutters Tod bleibt sie allein: Sie arbeitet in San Remo und kommt doch stets nach Bajardo zurück.
Mit seinen Erzählungen erweist sich Stanislav Struhar als Meister der leisen Töne und der präzisen Beobachtung, der auch in Liebesdingen genau um die Bedeutung des Wartens auf den richtigen Augenblick weiß.
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Meinung aus der Buchhandlung
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Welche Sprache sprechen wir, um anzukommen? Welche Sprache sprechen wir, um bei anderen Menschen ein Gehör zu finden, um unter Freunde dazuzugehören, um einen Ort zu finden, an dem wir leben und wohnen wollen? Welche Sprache sprechen wir, wenn wir lieben? Von welchen Sternen berichtet uns Stanislav Struhar, wenn er von vertrauten Sternen schreibt? Was verheißen uns die vertrauten Sterne der Heimat?
Stanislav Struhar erzählt von einer jungen Frau namens Sibylle, deren verstorbene österreichische Mutter sich vormals in Ligurien, im Bergdorf Bajardo, niederließ. Wie Wegmarken leuchten für Sibylle in der Abgeschiedenheit der entrückten Landschaft in Ferne vertraute Sterne: Das Grab der Mutter, der Klang der Wörter ihrer Sprache und die wenigen Touristen, die aus dem Land der Mutter, sich hierher in die italienische Wildnis verirren.
Sprache, Muttersprache, die tote Mutter, das Grab, die kleine Landidylle des Bergdorfes und die Reisenden liegen eng beieinander.
Sibylle verliebt sich in der größeren und touristisch überlaufenden Stadt San Remo in Pascal, in einen jungen Mann, der aus Monaco kommt. Während er Sibylle in die glitzernde Welt ziehen und dort festhalten will, in der sie schon ihre Arbeit fand, wird sie von den vertrauten, dennoch fernen Sternen der Heimat angezogen.
Pascals Welt der großen Stadt, mit all den Auslagen der Geschäfte und dem Trubel der Menschen, die vom Fetisch der Ereignisse beherrscht werden, kontrastiert Stanislav Struhar mit der Erfahrung eines Zusammenseins in der Fremde und mit Fremden.
Stanislav Struhar erzählt nicht, fast nichts. Er berichtet und erklärt nichts. Sein Roman beginnt mit keiner Handlung, die zu einem Ende oder zu einem Anschluss führt.
Die Sonne sank schon hinter den Baumkronen, der Wind legte sich. Eine Brise atmete von den Bergkämmen, sie war still wie die nahen Wolken, die gegen Bajardo zogen. Unter dem sattgrünen Gezweig wurden die Düfte des Frühlings zart, wohltuend mutete die abendliche Kühle an.
Der Sinn unseres Zusammenlebens, beginnt nicht da oder dort. Wir leben auch nicht mit unseresgleichen, sondern mit Anderen zusammen.
Pascal, der Sibylle nah erscheint und ihr begehren weckt, ist ihr gänzlich fern. Jedoch sind ihr die viel jüngere Teresa, die tote Mutter und der entfernt in Linz lebende Frederick viel näher.
Stanislav Struhar beschreibt ein Zusammenleben, das abschweift, indem er beschreibend abschweift. Er gibt den Menschen wie den Dingen in seinen Beschreibungen Raum, indem er von ihnen ablässt. So können die vertrautesten Sterne der Heimat nur leuchten, wenn sie von Ferne ihr Licht abgeben.
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