Bewaffnete Konflikte, Umweltkatastrophen, Terrorismus und Krieggegen den Terror: Was uns als stets neuer Ausbruch von Gewalterschaudern lässt, ist für René Girard Ausdruck eines planetarischenGesetzes der entfesselten Gewalt, das unsere Zivilisation an dieSchwelle zur wirklichen Apokalypse rückt. Der Krieg ist nicht mehrdie Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, die Mittel habensich verselbstständigt zur Fortsetzung des Krieges ins Unendliche,attestiert Girard in Fortführung des preußischen MilitärhistorikersCarl von Clausewitz. Girard begibt sich in diesem Gesprächsbuchmit Benoît Chantre auf eine historische Exkursion durch die deutschfranzösischenBeziehungen, debattiert über die Rolle der Kirche unddes Papstes, die Ursachen des globalen Terrorismus und spricht eineeindringliche Warnung aus: »Ein Ende Europas, der abendländischen,ja der ganzen Welt ist möglich. Diese Möglichkeit steht heute sehrreal vor uns.«
Noch keine Bewertungen vorhanden
Verfassen Sie die erste Bewertung zu diesem Artikel
Helfen Sie anderen Kundinnen und Kunden durch Ihre Meinung.
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
5/5
01.12.2014
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ernüchternd und verdammt gut
Es mag sein, dass der Buchtitel, mit der Ankündigung, von der Apokalypse Europas bzw. des Abendlandes zu handeln, abschreckt. Jedoch garantiert der Name René Girard Bedachtsamkeit und Klugheit.
Girard erlangte mit philosophischen und sozialwissenschaftlichen Analysen seine Bekanntheit; Analysen, die eine Struktur von Begehren, Mimesis und Opferlogik beschreiben. Wobei er in seinen Arbeiten u.a. an Hegel, Lacan und Kojève anknüpfte.
Sein neues Buch, ein Interviewband, geht von drei Thesen aus: 1. Noch nie war sich die Menschheit derart bewusst wie heute, dass sie fähig ist, sich völlig zu vernichten, sei es durch Kriege oder durch ökologische Katastrophen. 2. Heutzutage werden Kriege nicht mehr aus Macht steigernden, aus ökonomischen, politischen, ideologischen oder religiösen Gründen geführt, vielmehr fühlen sich alle kriegführende Parteien als Opfer der Anderen. Die Logik, nach der sich jede kriegführende Partei als Opfer der Anderen fühlt, führt dazu, dass die angewandte Gewalt bis zum äußersten Exzess gesteigert wird. 3. Um diese Logik der Gewaltexzesse zu beschreiben, vergleicht Girard Hegel mit Clausewitz, da beide wie kaum andere Autoren Denker des Krieges sind, die wiederum zu gänzlich anderen Schlüssen kamen.
Auch wenn man den Analysen Girards nicht in allen Punkten folgen sollte, so ist das Buch erstaunlich und von großer Denkkraft. Girard belässt es nicht bei der bloßen Beschreibung der Kriege und des Abzählens von Leid. Mit Hegel und Clausewitz versucht er das brutale Kalkül des Krieges zu denken.
Die apokalyptische Logik des Kriegsparteien, die er dabei freilegt, ist allzu ernüchtern. Kriegsgemeinschaften, Gemeinschaften, die im äußersten Fall bereit sind, Gewalt anzuwenden, sind nichts anderes als Gemeinschaften, die sich als Opfer verstehen. Diese Gemeinschaften gibt es auch nur als diese Opfer der Anderen. Die Gemeinschaft hat weder Substanz, noch das Projekt ihrer Gründung oder Ausgestaltung. Es sind todgeweihte Todgemeinschaften. Es ist nur das Nichts als Opfer, das als Klebstoff ihrer sozialen Bindung fungiert.
Girard diskutiert Hegel und Clausewitz als Gegenpole, und zwar als Gegenpole und Zeitgenossen Napoleons, die in dessen Wahrnehmung zu völlig konträren Schlüssen kommen. Hegel reagierte auf Napoleons gewaltigen Feldzügen mit einem Konzept der harmonischen Integration: Hegel sieht den Weltgeist reiten. Clausewitz wird von Girard als Apokalyptiker gelesen, der mit Napoleons Krieg zur Totalisierung der Menschheit die Menschheit zur äußersten Vernichtung drängen sah.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.